Kaiserslautern An der Bruchkante

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Vor drei Jahren blickte die Welt in Richtung Ukraine und die Bürgerproteste auf dem zentralen Platz der Hauptstadt Kiew, dem Maidan. Letzte Woche nun waren ausgewählte Theaterproduktionen und Stücktexte aus dem Land an der Bruchkante der weltpolitischen Tektonik zu Gast beim Heidelberger Stückemarkt. Die Preise bekamen am Ende die aus dem Iran stammende Maryam Zaree und die ukrainische Autorin Olga Mazjupa.

Man kann sich die Ukraine als Land im Ausnahmezustand vorstellen. Auch 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs erschüttert von den Fliehkräften der weltpolitischen Geografie. Die Ukrainer blicken in Richtung Europa, werden aber von Korruption ausgehöhlt. Und dann ist da noch der ehemalige große Bruder, der im Rücken der jungen Nation das große weltpolitische Rad dreht: Russland. Wie Theaterkünstler mit so einer Situation umgehen, sah man gleich zu Beginn des Länderschwerpunktes beim Stückemarkt, als die Dakh Daughters das Heidelberger Theater rockten. Die schwarzen Töchter der ukrainischen Kunstszene sind Schauspielerinnen und gehören dem Dakh Theater in Kiew an. Sie wirken wie unschuldige Novizinnen. Bei ihrer Musikperformance aber sind sie ein Naturereignis: Multiinstrumentale Diskantmonster, die sich beim Rap und ukrainischer Volksmusik genauso bedienen wie bei Shakespeare und Bukowski. Manchmal sind sie a capella unterwegs, dann wieder als Blues Sisters oder als führten sie einen charmanten Hexensabbat auf. Zu hören waren sie auch einen Tag nach der Ukraine-Eröffnung, als das Dakh-Theater seinen Exportschlager „Haus der Hunde“ auf der großen Bühne des Heidelberger Theaters vorstellte. In der verrätselten Schauspiel-Installation werden Menschen wie Tiere gehalten und vom Herrscher eines Stahlkäfigs missbraucht. Im anschließenden Gespräch meinte der Regisseur Vladislav Troitskyi, es gehe ihm darum, warum Menschen so mit sich verfahren lassen und nicht rebellieren. Im zweiten Teil des Abends muss ein Teil der Zuschauer in den Käfig, während über ihnen eine schwarze Messe zelebriert wird. Wieder mit dabei: die stimmgewaltigen Dagh Daughters. Vladislav Troitskyi, ist die Schlüsselfigur des ukrainischen Theaterszene und leitet nicht nur die wichtigste freie Bühne des Landes, er ist auch künstlerischer Direktor des Kiewer Theater-, Perform-, Kunst- und Musikfestivals „GogolFest“. Wie wichtig das Dakh Theater und sein Direktor für die Ukraine sind, bekräftigten Kollegen während einer Diskussion, in der es um die Situation des Theaters drei Jahre nach der Maidan-Revolution ging. In der Ukraine gibt es 137 staatliche und kommunale Theater. Das kann sich sehen lassen. In diesen subventionierten Häusern, so die ukrainische Kulturpolitikerin Irene Podolak, suche man aber vergeblich wegweisendes Theater. Fündig werde man in der freien Szene. Zu der gehört auch das Theatre of Displaced People, das seit Januar 2015 in unterschiedlichen ukrainischen Regionen dokumentarische Theaterprojekte entwickelt. In Heidelberg vertreten waren die „vertriebenen“ Theaterkünstler mit Anton Romanovs „Russisch auf Ukrainisch“. Es geht um Erfahrungen von Soldaten, Sanitätern und Binnenflüchtlingen aus dem separatistischen Kriegsgebiet Donbass. Die Laiendarsteller spielen sich selbst und bringen eine persönliche Dringlichkeit ins Spiel. Anders als im deutschsprachigen Dokumentartheater ist in Produktionen aus der Ukraine zu spüren, dass es um alles oder nichts geht. Sie verhandeln immer auch die politische Situation im Land. Das gilt auch für fiktionale Theaterabende wie beim Festival-Beitrag von Pavlo Aries. Er ist Dramatiker, Buchautor, Konzeptkünstler und seit einem Jahr Intendant des Nationalen Akademischen Dramatischen Theaters in Lwiw. Inszeniert wurde sein „Ruhm den Helden“ am Kiewer Theater Goldenes Tor. In der Kriegsveteranen-Groteske geht es um die ukrainische Geschichte und nicht um aktuelle Verwerfungen. Trotzdem suggerieren die Inszenierung aktuelle Dringlichkeit. Kurz vor der Preisverleihung des Stückemarktes ging es am Sonntagabend dann noch um ein ganz anderes dringliches Thema. Emmanuel Macron, der französische Hoffnungsträger, war als Sieger aus der französischen Stichwahl um das Amt des Präsidenten hervorgegangen, was für die ukrainischen Theatermenschen bedeutet: Zumindest in den nächsten fünf Jahren können sie auf die Europäische Union als Sehnsuchtsort in ihrer jetzigen Verfassung bauen. Dann wurden die Autorenpreise des Stückemarktes verliehen und im Rampenlicht stand die ukrainische Autorin Olga Mazjupa. Sie erhielt den mit 5000 Euro dotierten Internationalen Autoren-Preis für ihr Stück „Öko-Ballade“. Es geht um illegale Waldrodungen in den ukrainischen Karpaten. Der mit 10.000 Euro dotierte Autoren-Preis ging dieses Jahr an „Kluge Gefühle“, einem Theatertext der aus dem Iran stammenden Maryam Zaree, die eine Mutter-Tochter-Beziehung und die traumatische Vergangenheit der Mutter im Iran ausleuchtet. Man rief sich die Weltkarte ins Gedächtnis und vergewisserte sich, wie nah beieinander die Regionen der Welt doch liegen, auf die wir Europäer mit Sorge blicken. Zwischen der Ukraine und dem Iran liegt gerade mal das Schwarze Meer und ein kurzes Stück Türkei.

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