Kaiserslautern Alleskenner und Alleskönner

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Geschichten ohne Worte, nur mit Musik: So lässt sich das Schaffen des Vollblutgitarristen Chris Proctor angemessen beschreiben. Am Sonntag gab der Musiker aus Salt Lake City ein Gastspiel im Siegelbacher Lokal Zur Feiermaus. Mit seinen wohlklingenden Melodien schlug er die Zuhörer über weite Strecken des Abends in den Bann und beeindruckte nicht zuletzt durch seinen eleganten und dynamischen Fingerstyle.

Chris Proctor ist ein Geschichtenerzähler, der eigentlich keine Worte braucht. Die Geschichten strömen nämlich aus seinen Fingern in seine Gitarre, durch die Saiten und aus ihnen heraus in Richtung Publikum. Dennoch würzte er an diesem Abend jede Nummer mit einer kleinen persönlichen Anekdote in englischer Sprache, wagte aber auch immer wieder einige charmante Gehversuche auf Deutsch. So erfuhren die Zuhörer, dass der Name für eines seiner vollendetsten Stücke „704“ durch die 704 Meilen langen Fahrten entstand, die er von Salt Lake City bis nach Los Angeles zu seiner heutigen Ehefrau zurücklegte. Der unangestrengte Vibrato-Effekt, welcher zart auf den Saiten pulsierte und zudem mit den allerfeinsten tonlichen Nuancen gespickt war, nahm den Zuhörer tatsächlich mit auf eine imaginäre Fahrt durch weite Landschaften. Proctor selbst meditierte regelrecht in den vor sich hin plätschernden Klangflüssen und verlor offenbar jegliches Zeitgefühl, so dass er das Stück scheinbar gar nicht mehr beenden wollte. Die wohl größte Tugend des sympathischen Tonkünstlers ist das sensible Ergründen und Ausloten seiner Kompositionen. Er tastet sich vorsichtig heran, spielt sich langsam in die Materie und stößt dabei immer wieder auf neue Facetten. Die konzentrierte Technik, mit der er jeden Laut aus seinem Instrument zieht, geht nahtlos über in großartige Improvisationen. Das gelingt ihm auch als feinfühliger Arrangeur fremder Kompositionen. Proctor selbst bezeichnet die wenigen Cover in seinem Repertoire als eine „Brücke“ zwischen seiner Musik und dem Publikum. So auch der Moody-Blues-Klassiker „Nights In White Satin“. Es ist ein Song, der ihn nach eigenen Angaben in seinem Schaffen inspiriert hat und gleichzeitig dem musikerfahrenen Publikum angenehm vertraut ist. Das mache es für den Zuhörer leichter über die „Brücke“ zu gehen und seine selbstverfassten Werke besser zu verstehen, so der 62-jährige Amerikaner. Und zumindest bei diesem historischen Evergreen ging die Rechnung auf, der Funke zwischen Musiker und Publikum sprang direkt über. Effekt-Geräte wie E-Bow und Verzerrer kamen gut dosiert und songdienlich zum Einsatz. Damit brachte er die Saiten seiner Akustikgitarre elektromagnetisch in Schwingung, so dass sie sekundenlang einen gleichmäßigen Ton halten konnten, ähnlich dem Klang einer Geige. Es entstand ein sphärisches, nahezu mystisch anmutendes Ambiente, das vielen seiner Stücke das gewisse Etwas verleiht. Doch es sind dabei immer wieder die Eigenkompositionen, in denen Proctor sein gesamtes Können ausschöpfen kann. In Frankfurt am Main als Sohn eines US-Soldaten geboren, wanderte die Familie des Musikers in die USA aus, als er gerade vier Jahre alt war. Dort avancierte er bereits mit zwölf Jahren zum versierten Gitarristen, sammelte erste Erfahrungen bei kleineren Veranstaltungen und feilte damals schon an seinem grazilen Fingerpicking-Stil, mit dem er heute am liebsten auf seiner Zwölfsaitigen experimentiert. Der Song „Bebe“ demonstrierte, was sich aus dem vielen Experimentieren entwickelt hat. Nachdem ausgiebig über die Herkunft des Wortes „Medley“ gegrübelt wurde, stimmte Proctor sogleich ein solches Medley aus traditionellen irischen Folk- und amerikanischen Bluegrass-Arrangements an, stets mit einer durchweg sauberen Intonation und weichen Übergängen. Und gleich darauf phrasierte er zielsicher eine Bach-Symphonie im traditionell irischen Folk-Stil, als wäre es vom Originalkomponisten genau so geplant. Chris Proctor ist eben ein Alleskenner und Alleskönner. „Ich habe die Musik nicht gewählt, sie hat mich gewählt“, betont der Gitarren-Virtuose. Und wer ihn spielen hört, der kann dieser Aussage nur beipflichten.

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