Kaiserslautern
Akkordeonistin Lydie Auvray aus Frankreich in der Kammgarn
1998 bezauberte die Französin, die heute in Köln lebt, erstmals in der Kammgarn. Damals waren genauso wie fünf Jahre später alle Karten ausverkauft. Seitdem gastiert Lydie Auvray alle drei bis vier Jahre immer wieder im Lautrer Kulturzentrum vor mehr als 400 Zuhörern. Diesmal waren es gerade mal 50. Die Corona-Pandemie hat die Besucher vorsichtig werden lassen.
Die Trauben hängen in der Kammgarn auch in diesem Genre sehr hoch, denn hier sind nahezu alle Größen des Akkordeons aufgetreten: der Franzose Richard Galiano, der Niederländer Carel Kraayenhof oder der argentinische Bandoneon-Spieler Dino Saluzzi. Ohne Probleme vermag aber auch Lydie Auvray ihr Knopf-Akkordeon in magischem Tempo abzumessen. Mit ihren ausschließlich selbst komponierten Musette-Walzern, Tangos und auch Weltmusik im weiteren Sinne macht sie jedoch deutlich, dass forsches Tempo nicht der einzig glückselig machende Parameter sein muss, um in die Geheimnisse der Musik vorzudringen. Das Akkordeon ist dabei lediglich ihr Vehikel, die Stimme, mit der sie ihre Gefühle interpretiert.
Das Akkordeon wird zum Chamäleon
Auvrays Markenzeichen sind gute Unterhaltung und großes Entertainment. Es ist ihr aller Anschein des nur Handwerklichen genommen und auch alle Last des Angestrengten. Es sind ihre Eleganz und ihr Charisma, die ein ums andere Mal bezaubern. Der unbestrittene Star des Akkordeons betritt die Bühne, setzt sich auf den bereitgestellten Barhocker und stemmt das schwere Instrument auf ihren Schoß. Dann federt die Künstlerin hoch, zieht den Balg in die Länge und drückt die ersten Akkorde. Von da an fällt alle Schwere von ihr. So kennen sie ihre Fans: schwarzes, samtenes Midikleid, weißes Akkordeon, Lockenpracht umhüllt ihr Haupt. Wenn die Normannin den Faltenbalg auseinanderzieht und die Stimmenzungen zum Schwingen und Tönen bringt, dann lebt ihr Gesicht, dann bebt ihr ganzer Körper und die feingliedrigen Füße sind ständig in Bewegung.
Das Akkordeon wird in ihren Händen zum Chamäleon, das sich perfekt der musikalischen Stimmung der Künstlerin anpasst. Und diese Emotionen sind wechselhaft. Gerade mit ihrer Winter-CD „Air de Décembre“ ist es ihr gelungen, die unterschiedlichsten Atmosphären, die vielfältigsten Farben einzufangen. Mühelos verschmelzen Einflüsse aus allen musikalischen Welten, wenn sie in „Janvier à Paris“ einen musikalischen Spaziergang durch die winterliche französische Hauptstadt macht, oder wenn sie mit dem „Sibirien Express“ eine rasante Zugfahrt über die schneebedeckten Felder unternimmt, wobei sie sogar nebenbei die Monotonie der Eisenbahn musikalisch umsetzt.
Das Rauschen der Meeresbrandung hören
Mühelos verschmelzen Einflüsse aus allen musikalischen Welten, Hörgewohnheiten werden hinterfragt, und vermeintlich Unbespielbares wird gespielt. Mit Leichtigkeit überschreitet sie Grenzen, verbindet Jazzelemente mit französischer Musette oder Tango und sogar karibischen und afrikanischen Rhythmen. Sie versteht sich in kunstvoll gewebten Andeutungen, einem fantasievollen Wechselspiel von Entstehen und Vollendung und versteht sich darauf, ihre Musik an- und abschwellen zu lassen, sodass Raum und Tiefe entstehen. Beispiel: „Das Meer“. Wer die Augen schließt, vernimmt nicht nur das leise Rauschen der Brandung, er kann sogar das Meer riechen, spüren, wenn der Balg des Akkordeons sich schier unhörbar bewegt und nur der Saugwind beim Auseinanderziehen hörbar wird. Selbst wenn sie wie in dem eingangs gespielten „Macho“ oder in dem rätselhaften Titel „72“ mit den „krummen“ 7/8-Takten in 32tel Noten wirbelt und dabei harmonische Purzelbäume schlägt, sitzt jeder Ton.
Aber auch die lyrischen, leisen Töne liebt die Akkordeonistin. Titel wie „Pour toi“, den sie für ihren von ihr verehrten Vater geschrieben hat, oder „Aller retour“, komponiert beim Abschied von ihrer nach Südamerika reisenden Tochter, sind nicht simple Entrückungen, eher melancholische Reflexionen mit einem immensen Nachhall. Lange anhaltender, begeisterter Beifall, zwei Zugaben.