Interview RHEINPFALZ Plus Artikel Agenturchef Peter Weißler: In der Westpfalz fehlen bis zu 10.000 Arbeitskräfte

Die Eröffnung des Amazon-Stützpunktes in Kaiserslautern-Einsiedlerhof Mitte 2022 hat sich deutlich auf den Arbeitsmarkt ausgewir
Die Eröffnung des Amazon-Stützpunktes in Kaiserslautern-Einsiedlerhof Mitte 2022 hat sich deutlich auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt.

Rund 6000 Stellen sind in der Westpfalz unbesetzt, die Unternehmen suchen händeringend Mitarbeiter. Welche Rolle können dabei Zuwanderer und Geflüchtete spielen? Andreas Sebald hat sich mit dem Chef der Agentur für Arbeit Kaiserslautern-Pirmasens, Peter Weißler, über Pflegekräfte, Sprachkurse und erste Schritte zur Integration unterhalten.

Herr Weißler: Wie stellt sich der Arbeitsmarkt in der Westpfalz dar?
Stabil. Wir hatten im Herbst einen leichten Rückgang bei der Arbeitslosigkeit, die Unternehmen in der Region suchen nach Arbeitskräften. Bei der Agentur für Arbeit sind aktuell etwa 5800 unbesetzte Stellen gemeldet. Vor einem Jahr waren das noch ein paar mehr, was daran liegt, dass sich in Kaiserslautern ein großes Logistikunternehmen angesiedelt hat und dort viele Mitarbeiter gesucht wurden.

Knapp 6000 sind schon eine große Anzahl.
Es sind womöglich weitaus mehr. Aufgrund von Studien wissen wir, dass bei uns nur etwa 60 Prozent der tatsächlich freien Stellen gemeldet werden. Das können Sie nun leicht hochrechnen und dann landen wir bei rund 10.000 offenen Stellen in der Westpfalz.

10.000 sind schon ein Wort. Welche Rollen spielen Zuwanderer bei der möglichen Besetzung dieser Arbeitsplätze?
Das muss sehr differenziert betrachtet werden. Viele Unternehmen suchen Fachkräfte. Selbstverständlich gibt es auch Bedarf an Hilfskräften, aber wenn wir von Fachkräften sprechen, dann ist eine Besetzung mit einem Menschen aus dem Ausland nicht ganz so leicht. Deutschland ist ein Land, in dem Formalien eine große Rolle spielen. Das ist, mit Blick auf fachliche Qualifikationen und berufliche Abschlüsse, auch gar nicht schlecht. Nehmen wir den Pflegebereich. Dort dürfen nur Menschen arbeiten, die qualifiziert sind, deren Abschlüsse im Ausland als Krankenpflegekraft oder Arzt in Deutschland anerkannt sind. Dazu kommt natürlich auch noch die sprachliche Qualifikation.

Die Sprache ist die erste Hürde.
Richtig. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge bietet für Menschen aus dem Ausland Sprach- und Integrationskurse an. Der Integrationskurs umfasst 700 Stunden, 600 Stunden Sprache und 100 Stunden Orientierung in Deutschland. Menschen, die keine lateinische Schrift lesen können, bewältigen 1000 Stunden. Mit einem Pensum von 100 Stunden pro Monat - das ist schon ein anspruchsvolles Programm, wie ich finde, - sind wir dann bei sieben bis zehn Monate, die allein die sprachliche Qualifikation dauert. Wir sprechen dann von einem Niveau von A2 oder B1, das entspricht Stufe zwei oder drei auf einer sechsstufigen Skala. Das bedeutet, dass man die Sprache einigermaßen beherrscht, im Alltag zurechtkommen kann. Die Kurse enden mit einer Prüfung, wer die nicht schafft, kann noch einmal 300 Stunden anhängen.

Wie sieht es in der Westpfalz aus? Reicht das Angebot von Integrationskursen?
Das passt bei uns ganz gut. Nachdem 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, wurden Strukturen aufgebaut, so dass der Bedarf gedeckt werden kann. Die Kurse sind übrigens verpflichtend. Sprache ist und bleibt der Schlüssel zur Integration. Das Nadelöhr ist aber auch hier der Fachkräftemangel. Bei den Bildungsträgern fehlen Deutschlehrer.

Wie geht es dann weiter nach den Sprachkursen?
Dann wird geschaut, was die Person mitbringt an beruflicher Qualifikation und wie diese auch anerkannt werden kann in Deutschland. In einigen Berufen, bleiben wir noch einmal im Pflegebereich, darf erst dann gearbeitet werden, wenn die formale Anerkennung abgeschlossen ist. Bei Ärzten beispielsweise muss ein Sprachniveau von C1 – das ist Stufe fünf von sechs – nachgewiesen werden. Für die Anerkennung der Qualifikationen arbeiten wir mit zwei Bildungsträgern zusammen, die sich um die Verfahren kümmern. Da geht es darum, Nachweise übersetzen und beglaubigen zu lassen, zum Beispiel. In manchen Fällen darf auch schon gearbeitet werden, allerdings geht es dann zunächst einmal mit Hilfstätigkeiten los, bevor dann, wenn die Anerkennung abgeschlossen ist, auch voll gearbeitet werden darf.

Sie haben jetzt mehrfach den Pflegebereich angesprochen. Ist da der Bedarf nach Fachkräften am größten?
Ja. Da ist die Not schon lange groß. Das beschränkt sich nicht nur auf Krankenhäuser, sondern ist auch bei ambulanten Pflegediensten oder in Pflegeeinrichtungen spürbar. Wer sich umschaut, wird feststellen, dass beispielsweise in Krankenhäusern schon Menschen unterschiedlichster Nationalitäten arbeiten, die den Betrieb mit am Laufen halten. Ohne zugewanderte Kräfte wäre das System schon lange zusammengebrochen.

In welchen Arbeitsfeldern ist der Bedarf noch groß?
Bei den Handwerkern, ich nenne mal Bäcker und Metzger. Aber auch im Hotel- und Gastronomiegewerbe. Schauen Sie sich um: In vielen Schaufenstern sehen Sie Schilder, auf denen nach Arbeitskräften gesucht wird. Einige Jobs können auch nach Anleitung in den Betrieben erledigt werden. Da sehe ich auch einen guten Ansatz: Wer arbeiten geht, kommt raus aus seiner Wohnung und kann dabei auch noch die Sprache erlernen. Geholfen haben uns da auch die Ansiedlungen im Logistikbereich. Hier sehen wir auch positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.

2015 war ein Jahr, in dem viele Menschen aus dem Ausland nach Deutschland kamen. Wie hat sich das auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt?
Wenn wir uns die Zahlen seit Januar 2014 bis zum Frühjahr 2023 anschauen, stellen wir fest, dass die Anzahl der Arbeitsplätze gewachsen ist. Insbesondere seit 2019 hat die Anzahl kontinuierlich zugenommen. Sicherlich gab es dann die Corona-Delle, aber im Spätjahr 2022 ging es sprunghaft in die Höhe – was auch an der Logistikansiedlung in Kaiserslautern lag.

Verstehe ich das richtig: Wären in den vergangenen Jahren keine Menschen aus dem Ausland in die Westpfalz gekommen, wären noch viel mehr Arbeitsstellen als die 5800 bei der Agentur für Arbeit gemeldeten unbesetzt?
Ganz genau. Der Aufwuchs an Arbeitsplätzen in der Region wäre ohne die Zuwanderung nicht möglich gewesen. Wir unterscheiden dabei die acht Länder, aus denen die meisten Menschen nach Deutschland kommen – Afghanistan, Eritrea, Somalia, Iran, Irak, Syrien, Pakistan und Nigeria – sowie seit Kriegsbeginn noch die Ukraine.

Können Sie dazu noch etwas sagen?
Bereits vor Kriegsbeginn hatten wir in der Westpfalz schon Menschen aus der Ukraine, die hier gearbeitet haben. Das waren so rund 200, mittlerweile ist die Anzahl auf knapp 800 angewachsen. Dabei reden wir von sozialversicherungspflichtigen Stellen, an Mini-Jobs kommen noch einmal rund 300 dazu. Das wird auch noch zunehmen, da die Menschen jetzt auch ihre Sprachkurse abschließen und arbeiten wollen.

Wagen Sie bitte noch einen Ausblick in die Zukunft!
Nun, die Wirtschaftsforscher sagen, dass wir auf dem Arbeitsmarkt demnächst mit einer Stagnation rechnen müssen, dass die Wirtschaft nicht mehr so wie in den vergangenen beiden Jahren weiterwachsen wird. Aber die Demografie wird eine Rolle spielen, es gehen demnächst sehr viele Menschen in Ruhestand. Diese Arbeitskräfte müssen wir ersetzen. Die Menschen dazu sind da oder kommen zu uns, und wir müssen versuchen, sie bestmöglich zu qualifizieren. Die Arbeitgeber sollten Menschen einstellen und sie qualifizieren. Das ist aus meiner Sicht der beste Weg. Im Arbeitsalltag lässt sich viel lernen, vor allem die Sprache. Durch die berufliche Integration kann auch die soziale, die gesellschaftliche Integration gelingen. Das eine zieht das andere nach.

Der Leiter der Agentur für Arbeit Kaiserslautern-Pirmasens: Peter Weißler.
Der Leiter der Agentur für Arbeit Kaiserslautern-Pirmasens: Peter Weißler.
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