Kaiserslautern Abschied von einem Reisenden
Leonard Norman Cohen, der kanadische Schriftsteller, Singer-Songwriter und Chefpoet der Populären Musik ist tot. Der Mann, der Lieder wie „Suzanne“ oder „Halleluja“ zu Welthits gemacht hat, starb bereits am vergangenen Montag im Kreise seiner Familie in Los Angeles, wie erst gestern bekannt wurde.
Am 21. September feierte der Kanadier in seiner kalifornischen Wahlheimat noch seinen 82. Geburtstag. Vier Wochen später erschien sein 14. Studio-Album mit dem Titel „You Want It Darker“ und ahnungsvollen Text-Zeilen wie „I„m ready To Die“ und „I Am Leaving The Table“. Als im Sommer 2016 erste Gerüchte über Leonard Cohens schlechten Gesundheitszustand durch das Internet gingen, waren die Fans alarmiert. Es war die Zeit, in der seine Muse aus den 60er Jahren, Marianne Ihlen, an Leukämie verstarb: „Du kannst einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen. Aber jetzt wünsche ich dir eine gute Reise. Goodbye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald“, postete Cohen auf seiner Facebook-Seite. Bei seinem letzten öffentlichen Auftritt im Oktober darauf angesprochen, meinte er nur: „Ich sah das wohl etwas zu dramatisch. Ich beabsichtige, für immer zu leben.“ Die Koketterie mit dem Tod zieht sich bei dem in den 1950er Jahren zunächst als Schriftsteller gestarteten Cohen durch sein gesamtes Lebenswerk. Aber auch Liebe, Frauen, Religion und Philosophien waren stets Themen in seinen 14 Studioalben, in zwei Romanen und etlichen Gedichtbänden. 1968 veröffentlichte er auf Anraten der Folksängerin Judy Collins erstmals seine Texte auf dem Album „Songs Of Leonard Cohen“. Lieder wie „Suzanne“ oder „So Long, Marianne“ wurden zu Hymnen. In den 1980ern beschwor er mit dem Albumtitel „I’m Your Man“ und dem Welthit „First We Take Manhattan“ nach einigen erfolglosen und depressiven Jahren sein eigenes Comeback. Leonard Cohen wirkte bereits von Anfang an wie ein Reisender. Ein Reisender, der immer nur wegfuhr, nie aber ankam. Und er erweckte stets ein wenig den Eindruck eines Predigers ohne Mission. Oft verfiel er in Depressionen. Frauen und Musik waren seine Medizin. Aber manchmal machten ihn die Frauen noch trauriger, und seine Musik verstummte. Dann suchte er neue Kräfte in einem Zen-Kloster in Los Angeles oder bei philosophischen Studien in Mumbai bei dem indischen Mystiker Ramesh S. Balsekar. Verheiratet war Leonard Cohen nie. Von der Mutter seiner beiden Kinder Lorca und Adam, Suzanne Elrod trennte er sich Ende der 70er Jahre. Mitte 2000 wurde bekannt, dass ihn seine Managerin um sein Millionen-Vermögen gebracht hatte. Danach begann, in seinem siebten Lebensjahrzehnt, ein unglaubliches Comeback. Nach dem Einzug in die Rock’n’Roll- Hall of Fame 2008 und zahlreichen Ehrungen wie dem PEN-Award oder Grammy-Auszeichnungen, ging er bis 2013 für knapp 500 Konzerte auf weltweite Konzertreise und holte sich sein „Altersgeld“ zurück. Gleichzeitig erschienen mit „Old Ideas“ (2012), „Popular Problems“ (2014) und „You Want It Darker“ (2016) sein „Spätwerk“. Mit seiner Stimme, seiner Musik und seinen Texten berührte er tief die Herzen seiner Zuhörer, besonders auch der Zuhörerinnen. Leonard Cohen verstand es, Popmusik und Poesie zu einer Leinwand für Gedanken zu verweben, er malte die Bilder mit Worten. Die Depressionen, an denen Cohen so lange litt, schienen im Alter verflogen. Oft sprach er davon, dass „die nervösen Melodien ihrer Zeit vorauseilen“, und gab sich mit vielen ähnlichen Äußerungen geradezu philosophisch. Seine Musik und seine Texte waren Lehrstücke zwischen Disziplin und Askese. Seine Arbeit und seine Kunst vorzeitig beenden zu müssen, fürchtete Leonard Cohen nicht. IMmer wieder zitierte er seinen mittlerweile verstorbenen Schriftsteller-Freund und einstigen Mentor, Irving Layton: „Es ist nicht der Tod, vor dem man sich fürchtet. Es ist die Vorstufe des Todes.“ „Tennessee Williams vergleicht das Leben mit einem gut geschriebenen Theaterstück, mit Ausnahme des dritten Aktes. Ich denke, ich stehe am Anfang des dritten Aktes“: Das sagte Cohen 2008. In dieser Woche nun ist der Vorhang gefallen.