Kaiserslautern 50 Zeilen Lesebrücke: Das Publikum richtet über Leben und Tod

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Nein, so fern, wie man die von Kerry Drewery in ihrem Roman „Marthas Widerstand“ (Edition „One“/Lübbe, Köln; 446 Seiten, 16 Euro) geschaffene Welt gerne sehen möchte, ist sie leider nicht: Nicht ein Gericht wird darüber entscheiden, ob Martha die Todesstrafe ereilt, sondern das Fernsehpublikum: Martha hat zugegeben, den Fernsehpromi Jackson Paige ermordet zu haben. Nun wird Martha binnen sieben Tagen immer wieder dem Fernsehpublikum präsentiert, das am Ende entscheiden muss, ob sie sterben wird. Seit Jahren ist es Realität, dass Medienkonsumenten über andere urteilen: Ganz greifbar in Abstimmungen bei diversen Castings, aber viel brutaler, indem sie sich ergötzen an überforderten Eltern, an scheiternden Abnehmwilligen, an Familien im sozialen Abseits, an der Liebesehnsucht einsamer Landwirte – kurz, an allen, deren Anblick die eigenen Unzulänglichkeiten, das eigene Scheitern auszublenden hilft. Dass die Macher solcher Formate nichts anderes tun, als genau diesen Überheblichkeitsreflex sehr geschickt zu bedienen, um die Einschaltquoten zu Rekordhöhen zu treiben und per Televoting abzuzocken, übersehen die Zuschauer nur zu gerne. Und wie leicht erliegt man dem Trugbild, wahre Demokratie herrsche, wenn alle über alles entscheiden dürfen. Drewery beschreibt eine Gesellschaft, die am Ende dieser Entwicklung in trügerischster Selbstgefälligkeit verlernt hat, dem eigenen Gewissen eine Stimme zu geben. Und die nicht mehr in der Lage ist, Wahrheiten zu erkennen und zu ertragen. Drewerys Roman ist ein lohnenswertes Gedankenexperiment. Sprachlich kann es leider nicht ganz überzeugen, gelegentlich wirken Drewerys Formulierungen unbeholfen, woran sicher auch die Übersetzung aus dem Englischen ihren Anteil hat. | Tatjana Stegmann

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