Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel 30 Jahre Fraunhofer: Von den wilden Anfangstagen zur Spitzenforschung

Frank Bomarius ist stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer IESE.
Frank Bomarius ist stellvertretender Institutsleiter am Fraunhofer IESE.

Seit drei Jahrzehnten ist Fraunhofer eine Marke in der Forschungslandschaft der Stadt. Frank Bomarius (IESE) und Konrad Steiner (ITWM) blicken zurück auf die Anfangstage.

Frank Bomarius ist ein Mann der ersten Stunde am IESE. Seit 30 Jahren bestimmt er die Geschicke der Software-Experten mit. Sein letztes großes Projekt läuft. Gut im Gedächtnis geblieben ist ihm der Valentinstag 1996: Der 14. Februar vor 30 Jahren war der erste offizielle Tag des Fraunhofer IESE, des Instituts für Experimentelles Software-Engineering.

Am Anfang muss der Privat-Rechner mit ins Büro

Seinen Privat-Rechner habe er sich damals unter den Arm geklemmt und mit ins Büro nach Siegelbach genommen, dann von seinem privaten T-Online-Zugang aus die Korrespondenz der frisch gebackenen Fraunhofer-Einrichtung – anfangs war das IESE noch kein Institut – gemanagt. „Wir waren schon sehr, sehr hemdsärmelig am Anfang“, blickt Bomarius zurück auf wilde Anfangstage.

Am Valentinstag, 14. Februar, 1996 wurde das IESE gegründet. Der erste Institutsleiter war Dieter Rombach.
Am Valentinstag, 14. Februar, 1996 wurde das IESE gegründet. Der erste Institutsleiter war Dieter Rombach.

Bomarius, Jahrgang 1960, stammt aus Südhessen, lebt allerdings seit 1980 in Kaiserslautern, ist hier heimisch geworden. Nach Informatikstudium und Promotion an der hiesigen Uni arbeitete er anderthalb Jahre in Diensten des DFKI, wechselte dann zu Tecmath und stieg dort in die Softwareentwicklung für die Automobilindustrie ein. Seine Begeisterung für Informatik war früh geweckt. Seinen ersten Rechner, einen Apple II, kaufte er sich bereits in jungen Jahren – eine nachhaltige Investition, für die er sogar auf ein eigenes Auto verzichtete. „Der hat mich durch mein ganzes Studium begleitet.“

Ein Treffen mit Dieter Rombach, dem späteren Institutsleiter am IESE, veränderte dann sein Berufsleben nachhaltig. Ein „informelles Bewerbungsgespräch“, rund zehn Minuten lang, führte Bomarius „Weg zum damals in Gründung befindlichen IESE – und er blieb an Bord, nunmehr 30 Jahre.

2004 wurde der Grundstein für das Fraunhofer-Zentrum an der Trippstadter Straße gelegt. Auf dem Foto sind ganz links Dieter Romb
2004 wurde der Grundstein für das Fraunhofer-Zentrum an der Trippstadter Straße gelegt. Auf dem Foto sind ganz links Dieter Rombach, damals Leiter des IESE, und Dieter Prätzel-Wolters (Vierter von links), damals ITWM-Leiter, zu sehen. Der Dritte von links ist der damalige Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Kurt Beck.

In seiner Zeit am IESE habe er bereits viele Rollen ausfüllen dürfen, berichtet er im Gespräch mit der RHEINPFALZ: Abteilungsleiter, später stellvertretender Institutsleiter (was er heute noch ist) und immer wieder ist er für Sonderaufgaben zuständig, etwa für den Mitte der Nuller Jahre fertiggestellten Neubau an der Trippstadter Straße. Seine Expertise in Sachen Bauen bescherte ihm die Verantwortung für den Erweiterungsbau am IESE. Das Projekt ist angelaufen, für November ist ein Richtfest geplant, verbunden mit einer Feier zum 30. Geburtstag des Instituts.

Konrad Steiner hatte Mitte der 1990er Jahre gerade seine Promotion in der Tasche, da fing er am Fraunhofer ITWM an.
Konrad Steiner hatte Mitte der 1990er Jahre gerade seine Promotion in der Tasche, da fing er am Fraunhofer ITWM an.

Seit mehr als 30 Jahren auch Hochschul-Professor

Sein Wissen in Sachen Informatik gibt Bomarius seit mehr als 20 Jahren auch an Studenten weiter. An der heutigen Hochschule Kaiserslautern lehrt er seit 2004 Informatik in unterschiedlichen Studiengängen, hat dafür eine Professur im Fachbereich Angewandte Ingenieurwissenschaften. Würde er heute noch einmal Informatik studieren? Bomarius überlegt kurz. „Ja, würde ich.“ Und schiebt hinterher: „Oder Maschinenbau.“ Das Informatikstudium in den 1980ern sei noch sehr „anwendungsneutral“ abgelaufen. „Die Professoren konnten damals noch gar nicht so recht sagen, wofür man das Gelernte mal brauchen wird.“ Heute sei das anders, die Informatik habe sich spezialisiert, was an den vielen Studiengängen „Informatik für …“ abzulesen sei. So gibt es beispielsweise an der RPTU heute den deutschlandweit ersten Lehrstuhl „Digital Farming“ in einer Informatikfakultät und einen Informatikstudiengang für Agrarsysteme.

Software sei heute aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. „Die erste Software im Auto steckte im Radio, heute sind Autos fahrende Computer mit einem Motor drin“, sagt Bomarius. Für die Zukunft des IESE bedeute dies: Anwendungsorientierung. „Die Anwendungsbereiche wandeln sich permanent und die Informatik muss immer wieder ,Enabler’ der neuen Bereiche sein.“ Das mache die Arbeit in einem Fraunhofer-Institut wie dem IESE so spannend.

Die Fertigstellung der gerade laufenden Erweiterung des Fraunhofer-Zentrums wird Bomarius wohl als Ruheständler verfolgen. Im März 2027 endet seine Dienstzeit. Dann bleiben mehr Zeit für seine Hobbys: Basteleien und Holzarbeiten aller Art – und das Familienpferd.

Mathematiker Konrad Steiner arbeitet sein halbes Leben am ITWM

Sein halbes Leben hat Konrad Steiner am ITWM verbracht. Dabei sah es am Anfang gar nicht danach aus. Das neu zu gründende Institut musste sich erst einmal bewähren – um dann in der Fraunhofer-Gesellschaft durchzustarten.

Der Gründer des ITWM, das zuerst seinen Sitz auf dem Campus der damaligen TU hatte: Helmut Neunzert.
Der Gründer des ITWM, das zuerst seinen Sitz auf dem Campus der damaligen TU hatte: Helmut Neunzert.

1995 war Konrad Steiner 30 Jahre alt, gerade mit seiner Promotion fertig. In seiner Doktorarbeit hatte sich der Mathematiker mit Strömungsdynamiken in der Raumfahrt befasst. Seinen Abschluss gemacht hatte er in der Arbeitsgruppe des damaligen Professors an der TU, Helmut Neunzert. Zum 1. Januar 1996 wurde er Mitglied im Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik von Neunzert, die sich als Keimzelle des späteren Fraunhofer-Instituts für Techno und Wirtschaftsmathematik (ITWM) erweisen sollte. „Wir waren zehn, 20 Leute, kannten uns gut“, blickt Steiner auf die Anfangstage zurück.

Zum fünften Geburtstag des IESE 2001 gratulierte auch Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Rechts daneben: Gründungsinstitutsleite
Zum fünften Geburtstag des IESE 2001 gratulierte auch Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Rechts daneben: Gründungsinstitutsleiter Dieter Rombach.

Bis zum offiziellen Institut in der Fraunhofer-Gesellschaft dauerte es allerdings noch ein paar Jahre für die Mathe-Experten. „Fraunhofer hat anfangs nicht geglaubt, dass man mit Mathematik Geld verdienen kann.“ Kurz vor der Jahrtausendwende allerdings war der Beweis erbracht. Eine Evaluation habe zweifelsfrei ergeben, dass die Arbeitsgruppe sich selbst tragen kann. Anfang 2001 wurde das ITWM offiziell – als erstes Mathematik-Institut überhaupt – in die Fraunhofer-Gesellschaft aufgenommen. Eine turbulente, fordernde Anfangszeit, in der alle an einem Strang zogen. „Es galt: hopp oder top!“, bringt es Steiner auf den Punkt.

ITWM-Expertise ein gefragtes Gut in der Fraunhofer-Welt

Nachdem die Mathematiker bewiesen hatten, dass ihre Expertise in der Industrie gefragt ist und sich damit auch Projekte an Land ziehen lassen, wollten sich die Mathe-Expertinnen und -experten „in der Welt von Fraunhofer etablieren“. Auch das gelang. „Wir sind ein gern gesehener Partner“, sagt Steiner. Heißt: Zahlreiche Institute in der Fraunhofer-Gesellschaft suchen die Zusammenarbeit, insbesondere Institute, die mit Materialprüfung zu tun haben. Grob gesprochen können die Teams am ITWM Simulationen für unterschiedliche Bereiche aufsetzen. Was in der Praxis – die Simulationen laufen am Computer, in der virtuellen Welt – Kosten einsparen kann. Natürlich, unterstreicht Steiner, stehe am Ende immer ein Prototyp und Tests in der realen Welt.

2001 wurden Konrad Steiner und Franz-Josef Pfreundt (von links), beide Mathematiker am Fraunhofer-ITWM, mit dem Fraunhofer-Preis
2001 wurden Konrad Steiner und Franz-Josef Pfreundt (von links), beide Mathematiker am Fraunhofer-ITWM, mit dem Fraunhofer-Preis ausgezeichnet.

Über die Jahre entwickelte sich ein dichtes Netz an Kooperationen mit weiteren Forschungseinrichtungen in der Stadt, etwa zur RPTU, der Hochschule, aber auch zum IESE, dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) oder dem IVW (Leibniz-Institut für Verbundwerkstoffe), was 2016 im Leistungszentrum Simulations- und Software-basierte Innovation mündete. Steiner war viele Jahre Geschäftsführer der an der Fraunhofer-Gesellschaft angedockten Einrichtung, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, alle Akteure in der Region in der angewandten IT-Forschung näher zusammen zu bringen.

Experten tauchen in die Arbeitswelt der Kunden ein

Warum ist das ITWM erfolgreich? Steiner überlegt. „Gute Frage.“ Vielleicht, sinniert er, liege es daran, dass die Forscherinnen und Forscher die Bedürfnisse der Kunden gut erfassen und begreifen können. „Wir arbeiten mit unseren Kunden sehr eng zusammen, wir müssen quasi in die Arbeitswelt der Unternehmen eintauchen, verstehen, was gebraucht wird.“

In seinen drei Jahrzehnten bei Fraunhofer hat Steiner immer wieder mit Strömung und Filtration zu tun gehabt, genauer gesagt mit auf mathematischen Modellen ruhenden Simulationen rund um die Vorgänge, die beispielsweise auch bei der Batterietechnologie eine Rolle spielen. Seit rund 25 Jahren ist er Leiter der Abteilung „Strömungsprozesse“, seit kurzer Zeit auch Leiter des übergeordneten Bereichs „Prozesse und Materialien“. Wollte er nicht mal was anderes machen? Steiner schüttelt vehement den Kopf. „Nie!“ Der Beruf sei sehr abwechslungsreich, man gelange nie in einen Trott. „Es ist immer was anderes zu tun, es sind immer andere Leute, man hat ganz viele Kontakte zu ganz unterschiedlichen Menschen.“

Befasst er sich nicht mit Strömungsvorgängen und Mathematik, dann musiziert er gern: Steiner spielt Klavier und singt seit Jahrzehnten im Chor.

Seit den 2000er Jahren haben die beiden Institute IESE und ITWM ihren Sitz im Fraunhofer-Zentrum an der Trippstadter Straße in K
Seit den 2000er Jahren haben die beiden Institute IESE und ITWM ihren Sitz im Fraunhofer-Zentrum an der Trippstadter Straße in Kaiserslautern.
x