Mein 1. Spiel
180 Sekunden, die Kevin Klier nie vergisst
19 Jahre war Kevin Klier gerade geworden, die U-Nationalmannschaften durchlief er nach und nach – doch der große Moment auf der Bundesligabühne fehlte noch. Gegen die HSG Wetzlar war der 196 Zentimeter lange Klier wenige Minuten vor Ende der Partie auf das Feld gekommen. „Es war das erste Spiel, bei dem ich dabei war“, erzählt Klier, der Torhüterkollege Carsten Lichtlein drei Minuten vor Schluss ablöste. Es war ein besonderer Moment für den Hessen. Denn die nächste Aktion sollte eine entscheidende und prägende für die nächsten 180 Sekunden des Spiels sein.
Typische Handball-Halle
Gespielt wurde noch in einer typisch alten Handball-Halle in einem der Stadtteile von Wetzlar – Dutenhofen –, das auch im Namen des mittlerweile seit 1999 in der Bundesliga spielenden hessischen Klubs enthalten ist. Gegen die Handballspielgemeinschaft Dutenhofen/Münchholzhausen Wetzlar wurde noch in einer der Hallen gespielt, in der nur einseitig Tribünen angebracht waren und die nur 1750 Zuschauer fasste. Heute ist das anders, in Wetzlar wird in der 4000 Zuschauer fassenden Rittal Arena gespielt. „Das war damals schon eine besondere Stimmung“, erzählt Klier, der schon als 15-Jähriger bei den Profis des TV Großwallstadt mittrainierte. „Das war dann später schon eine andere Hausnummer, als ich dann im Bundesligakader war. Da wurde zweimal am Tag trainiert.“
Namhafte Kollegen
Die Kaderkollegen von Klier waren namhaft. Der damalige Nationaltorhüter und spätere Weltmeister Carsten Lichtlein war die unumstrittene Nummer eins beim TVG. Rückraumspieler Jörg Kunze, der vorher bei der SG Flensburg-Handewitt gespielt hatte, gehörte genauso zum Kader wie Henning Siemens (vorher THW Kiel) und Außenspieler Heiko Grimm. Trainiert wurde Kliers Team von Peter Meißinger, der die großen Erfolge des TV Großwallstadt ab den 80er Jahren miterlebt hatte.
2,02-Meter-Mann baut sich auf
Die 180 Debüt-Sekunden in Holzminden verliefen für Klier optimal. Nach dem Siebenmeterpfiff in der 58. Spielminute schickte Meißinger Frischling Klier auf das Spielfeld. „Ich war natürlich super aufgeregt. In dem jungen Alter natürlich noch mehr als sonst. Da hat man auch noch Respekt, Fehler zu machen“, erzählt Klier. Gunnar Berg Viktorsson, 2,02 Meter großer Rückraumspieler der HSG Wetzlar, später auch Spieler der Rhein-Neckar Löwen, stand Klier gegenüber. „Ich habe dann den Siebenmeter gehalten“, berichtet Klier aus seiner Erinnerung. Auch im Anschluss habe er sein Gehäuse bis zum Schlusspfiff vernagelt. Den Weg zum 25:24-Auswärtssieg von Großwallstadt hatte Klier somit geebnet.
Die alte VHS-Kassette
Die Vorbereitung auf ein solches Bundesligaspiel, berichtet der Dansenberger Torhüter, sah damals aber noch anders aus. „Wir haben uns da nicht die Wurfbilder angeschaut. Da gab es eine VHS-Kassette in schlechter Qualität, die haben wir uns vor dem Spiel mal angeschaut“, erzählt der 36-Jährige, dass damals mehr die Intuition eines Handball-Torhüters gefragt war.
Schulterklopfen
Dort, wo heute eifrig gelobt wird, gab es früher nach dem Spiel nur einfache Schulterklopfer der Kollegen nach dem Traumdebüt. „Lob wurde nur spärlich verteilt. Wir haben den Sieg damals mit einem Bier begossen“, berichtet Klier. Hoffnungen auf mehr Einsatzzeit hatte sich der frühere Jugendspieler des TSV Pfungstadt aber nicht gemacht. „Es war klar geregelt, dass Carsten Lichtlein die Nummer eins im Tor ist. Er war damals schon Nationalspieler. Für mich war das damals ein Lehrjahr. Ich hatte noch ein Doppelspielrecht für einen Drittligisten, um mehr Einsatzzeiten zu bekommen.“
Der Wechsel
Trotz des optimalen Einstands in die Bundesliga, des EM-Titels mit der Junioren-Nationalmannschaft 2004 und des Wechsels Lichtleins 2005 zum TBV Lemgo, entschloss sich Klier, ebenfalls bei einem anderen Verein anzuheuern. Er schloss sich dem Bundesligaaufsteiger SG Kronau/Östringen an, dem Vorgängerverein der Rhein-Neckar Löwen. „Es war damals ein sehr ambitionierter Verein. Die SAP Arena in Mannheim wurde gerade neu gebaut, das war ein spannendes Projekt“, erzählt Klier, der sich weiterentwickeln wollte. Das konnte er außerdem auch beruflich. „Ich wollte immer ein zweites Standbein neben dem Handball haben. Carsten Lichtlein hat parallel auch in einem Steuerbüro gearbeitet“, erzählt Klier von seinem Mannschaftskollegen.
Von Friesenheim nach Dansenberg
Nachdem sich die Rhein-Neckar Löwen immer weiter entwickelten, wechselte Klier 2007 zur TSG Friesenheim, die heute unter dem Namen Eulen Ludwigshafen firmieren und in der Ersten Bundesliga spielen. Im Jahr 2018 beendete er seine Karriere in der Ersten Bundesliga und wurde Teil des Kaders des Drittligisten TuS Dansenberg. „Mir macht es immer noch Spaß, auf hohem Niveau Handball zu spielen. Es ist mein Hobby“, erklärt Klier. Für ihn sei die Erste und Zweite Bundesliga aus Zeitgründen nur schwer machbar, da dann auch der Trainingsaufwand enorm zu steigern wäre.
Wäre es im Notfall überhaupt noch möglich für Klier, im Bundesliga-Oberhaus zu spielen? „Ein Einsatz ist immer möglich. Die Eulen und Dansenberg müssten sich dann aber auch einigen, ob ein Wechsel sportlich und wirtschaftlich sinnvoll wäre. Punktuell, wie Philipp Grimm, könnte ich aber noch aushelfen.“
Torwarttrainer der Eulen
Heute ist Klier, der im hessischen Alsbach-Hähnlein an der Bergstraße wohnt, multifunktional eingesetzt. Neben seiner Stelle als Torwarttrainer bei den Eulen Ludwigshafen arbeitet er beim Bundesligisten auch noch in der Geschäftsstelle und kümmert sich um das Thema Finanzen. Auch als Steuerfachangestellter ist er zum Teil noch tätig. Und zwei bis drei Mal pro Woche trainiert er beim TuS Dansenberg.