Reportage
1. FCK gegen Hansa Rostock: RHEINPFALZ-Reporter begleitet Polizeieinsatz
Samstag, 1. FC Kaiserslautern gegen Hansa Rostock, 9 Uhr. Der Arbeitstag für die Polizeiführung beginnt in der Lagezentrale mit der Einsatzbesprechung. Noch ohne den Pressevertreter. Wie Ralf Klein, Leiter der Polizeidirektion und an diesem Tag Polizeiführer, später schildert, kommen in der Besprechung die Abschnittsleiter der verschiedenen Einsatzabteilungen zusammen, um sich auf den aktuellen Stand zu bringen. Etwa: Wie reisen die Gästefans an? Gibt’s neue Erkenntnisse, welche Fans aus Rostock den Weg in die Pfalz auf sich genommen haben? Details aus der Besprechung verrät Klein keine, man will sich nicht in die Karten schauen lassen. Bernhard Erfort, Pressesprecher der Polizei: „Der Satz ,Das wollen wir nicht sagen – und schon gar nicht in der Zeitung lesen’ wird heute noch öfter fallen.“ Denn immer wieder geht es um Einsatztaktik und darum, wie welche Mittel und Einheiten eingesetzt werden.
Kurz nach 10 Uhr. Die wichtigen Infos sind ausgetauscht, Klein hat Zeit für einen Kaffee und ein Gespräch: „Es ist kein Geheimnis, dass organisierte Fangruppen ein Schwerpunkt unserer Arbeit sind.“ In der Lautrer Fanszene gebe es gut 200 gewaltbereite Fans, im Vergleich mit all den anderen Fans eine sehr kleine Gruppe. Allerdings gebe es bei den Gästen ebenfalls immer wieder gewaltbereite Zuschauer.
„Das Fan-Verhältnis zwischen den Vereinen fließt bei unseren Planungen natürlich ebenfalls mit ein“, sagt Klein. Szenekundige Beamte halten den Kontakt zu Fangruppen und begleiten die eingefleischten Fußball-Anhänger aller Vereine übers Jahr, wissen um die Stimmung und kennen ihre Pappenheimer. „Übrigens“, sagt Klein, „gibt es keine Hochrisikospiele. Lediglich Risikospiele, bei denen wir davon ausgehen, dass es zu Auseinandersetzungen kommen könnte.“ Die Fanbeziehung zwischen FCK- und Rostock-Anhängern sei „eher angespannt“.
Die Lage des Stadions macht Spieltage zur Herausforderung
Größte Herausforderung für die Polizei sei die Lage des Stadions, mitten in der Stadt. Während in anderen Städten Stadien meist außerhalb liegen und entsprechend gut anzufahren sind, ist der Betzenberg eben ein Berg. Und ein Wohngebiet mit nur wenigen Zufahrtsstraßen. Das erschwere eine reibungslose Fantrennung – und mache bei Risikospielen letztlich die Sperrung des Elf-Freunde-Kreisels meistens notwendig. Klein: „Die Fangruppen zu trennen ist wichtig, um sie selbst zu schützen, aber auch alle und alles drumherum.“
Die Schwierigkeit beim Rostock-Spiel: Die Fans aus dem Norden reisen mit Kleinbussen, Bussen und Zügen an, Sonderzüge seien da oft einfacher, weil damit viele Fans auf einen Schlag kommen. Diesmal gibt es keine. Weitere Herausforderung: Samstag ist Einkaufstag. Bedeutet viel Verkehr in der Stadt. Klein verabschiedet sich ins Lagezentrum, wo er mit seinen Kolleginnen und Kollegen auf großen Monitoren neuralgische Punkte rund um den Betzenberg im Blick hat – beispielsweise in Echtzeit die Drohnen- und Helikopterbilder.
Im Rathaus Nord hat man den Straßenverkehr im Blick
11.20 Uhr. Verkehrsleitstelle im Rathaus Nord. Zwei Polizeibeamte, eine Vertreterin der Stadtverwaltung und ein SWK-Mitarbeiter sorgen von hier aus dafür, den Verkehr am Laufen zu halten und die fast 40 eingesetzten Park-and-Ride-Shuttlebusse zügig zum Stadion und dann wieder zu den Parkplätzen zu bekommen. Per Funk wird Kontakt zu Beamten an wichtigen Kreuzungen gehalten. „Samstag, 11.30 Uhr, am Spieltag. Das ist hier Primetime“, sagt Erfort. Ziel aller Bemühungen sei es, dass die Besucher des Spiels zum Anpfiff alle im Stadion sind: „Pünktlich und gut gelaunt“, sagt der Pressesprecher. Polizist Carsten Becker blickt ein paar Stunden zurück: „Wir haben um 7.30 Uhr mit vorbereitenden Maßnahmen begonnen, unter anderem Falschparker in der Malzstraße aufgefordert, umzuparken und, wenn das nicht geholfen hat, die Autos abschleppen lassen.“ Becker nutzt die Gelegenheit und appelliert an die Stadiongänger, möglichst mit dem ÖPNV anzureisen, nicht alleine im Auto. Das entlaste die Situation wesentlich. Durch gezielte Ampelschaltungen und verkehrsregelnde Polizisten, gelingt es, den Straßenverkehr weitestgehend fließen zu lassen.
12.40 Uhr. Elf-Freunde-Kreisel. Das Gros an Zuschauern ist vorbeigezogen. Auch die Gäste sind im Stadion. Wegen eines verspäteten Zuges mit Rostock-Fans war der Kreisverkehr länger als vorgesehen gesperrt. Ein Beamter der „Taktischen Kommunikation“ berichtet von einer guten Stimmung unter den Fans. Er und sein Kollege sind Ansprechpartner für die Stadionbesucher, erklären vor Ort den Sinn einer polizeilichen Aktion. Das helfe oft, angespannte Situationen zu entschärfen. Die beiden Beamten sind selbst Fußballfans, „so findet sich immer ein gemeinsames Thema“. Allerdings gehört zu ihren Aufgaben auch Warnungen auszusprechen und Maßnahmen anzukündigen, wenn sich jemand daneben benimmt.
Wasserwerfer steht bereit
Einige Schritte weiter in der Kohlenhofstraße steht der eindrucksvolle Wasserwerfer mit zahlreichen Extras – welche, darf an dieser Stelle nicht verraten werden. „Aus einsatztaktischen Gründen“, sagt Erfort. Daneben bedienen sich Bereitschaftspolizisten aus einem Verpflegungsfahrzeug. Die meisten Einsatzkräfte können nun durchatmen, denn die Fans sind im Stadion und das Spiel kann beginnen.
13 Uhr. Am Stadion. Erfort zeigt die vorbereitete Lunchbox für Polizisten des PP Westpfalz: Müsliriegel, Brot, Obst und Gemüse, dazu mehrere Flaschen Wasser. Zeit für eine kleine Pause, während im Stadion die Fans für Stimmung sorgen.
13.30 Uhr. Im Fritz-Walter-Stadion. Mit einem Fahrstuhl geht’s in der Südtribüne fast bis zum Befehlsstand der Polizei. Über den Zuschauern sitzen etliche Polizeibeamte mit bestem Blick aufs ganze Stadion. Unter ihnen Kai Süßenbach, Stellvertretender Leiter der Polizeidirektion, der während des Spiels den Einsatz von hier oben aus koordiniert. „Bislang keine besonderen Vorkommnisse“, zeigt er sich zufrieden, „lediglich kleinere Verkehrsbehinderungen.“ Als das 0:1 fällt, herrscht auch unter den Polizisten kurz Stille, die ansonsten zahlreiche Monitore im Blick haben. Was man damit genau sehen kann und wer sich alles hier oben tummelt, darf nicht verraten werden – „aus einsatztaktischen Gründen“, sagt Erfort und schmunzelt.
Polizei rät zu Alternativroute
Halbzeit. Einen Raum weiter treffen sich alle Abschnittsleiter, berichten, was bisher gut und was nicht gut gelaufen ist und sprechen das weitere Vorgehen nach dem Spiel ab. Welche Straße wird wo und wann gesperrt? Ziel ist es wieder, die Fanströme möglichst zu trennen. Einen Punkt erläutert Erfort im Anschluss: „Man muss bei einer Sperrung des Elf-Freunde-Kreisels bedenken, dass es 15 bis 20 Minuten dauert, bis die Treppen und die Straße tatsächlich frei sind. So lange geht in der Straße Zum Betzenberg nichts voran – und Gästefans sind dann auch noch keine in Sicht.“
14.45 Uhr. Zurück im Polizeipräsidium wirft Erfort einen Blick auf die Einsatzdokumentation, die fortwährend aktualisiert wird – falls Pressevertreter anrufen und nach Ereignissen rund ums Spiel fragen. Ein gestohlener Schal wurde gemeldet, was für den Bestohlenen natürlich ärgerlich sei. „Wenn das bei mehr als 40.000 Menschen das Einzige bleibt, können wir zufrieden sein.“ Bis zum Ende des Einsatzes sammeln sich dann doch noch einzelne Körperverletzungen und wenige Sachbeschädigungen an. Und ein Mann wurde nach Widerstand gegen Polizeibeamte in Gewahrsam genommen.
15.30 Uhr. Auf dem Dach des Polizeipräsidiums. Drohnenpilot Jochen Weis und sein Kollege haben die große Flugdrohne im Blick, die gemeinsam mit einer weiteren Drohne und dem Hubschrauber über dem Stadionumfeld fliegt. Beide Einsatzmittel liefern Bilder der Fanströme an die Lagezentrale. So sehen die Beamten aus verschiedenen Perspektiven, wo es hakt. Die Luftüberwachung hat noch andere Aufgaben – aber, Sie ahnen es sicher schon, „das können wir aus taktischen Gründen nicht verraten“.
Einsatzende mit „Dank vom PF“
Was Erfort dagegen gern verrät, aber oft ungehört bleibt: „Für Heimfans hat sich als Fußweg vom Stadion zum Hauptbahnhof die Kantstraße bewährt. Die Strecke ist zwar etwas länger, aber nach dem Spiel ist der Hauptbahnhof so schneller zu erreichen.“ Sagt er und zeigt über die Bahnschienen hinweg auf die, wegen der Kreiselsperrung in der Straße Zum Betzenberg wartenden, Lautrer Fans. Die Gäste ziehen friedlich durch die Zollamtstraße zum Bahnhof.
16 Uhr. Lagezentrale. Erste Polizeieinheiten werden via Funk entlassen, haben ihre Aufgabe erfüllt: „Schönen Feierabend und Dank vom PF“, verabschiedet die Beamtin am Funk nach und nach ihre Kollegen, Dank vom Polizeiführer.
16.45 Uhr. Ralf Klein erklärt den Einsatz für beendet, kurz darauf folgt die Abschlussmitteilung von Erfort an den Presseverteiler. Kleins Fazit des Spieltags – aus polizeilicher Sicht: „Herausfordernd, aber durchweg positive Ergebnisse.“
