Kaiserslautern RHEINPFALZ Plus Artikel Überwältigende Hollywood-Filmmusik aus der Feder von Hans Zimmer

Filmmusik als große Show: Charles Bronson blickt von der Leinwand herab aufs Konzert in der Lauterer Fruchthalle.
Filmmusik als große Show: Charles Bronson blickt von der Leinwand herab aufs Konzert in der Lauterer Fruchthalle.

Hollywood in Kaiserslautern: Das Hollywood Philharmonic Orchestra und das staatliche akademische Symphonie-Orchester der Republik Weißrussland huldigten in der Fruchthalle dem Deutschland geborenen Hollywood-Komponisten Hans Zimmer. Unter der Leitung von Mourad Assouil ließ das Orchester die Zimmer-Kompositionen in all ihrer Pracht wirken – zwar nicht makellos, aber dennoch „filmreif“.

Um gleich mit einer Illusion aufzuräumen: Der Meisterkomponist Hans Zimmer stand bei dieser Show nicht höchstpersönlich auf der Bühne! Scheinbar hatten viele Konzertbesucher in anderen Tour-Städten genau diese Erwartung gehabt, erlebten während der Show dann die große Ernüchterung und ließen herbe Kritik durchs Internet hageln. Wie diese Annahme entstehen konnte, bleibt ein Rätsel. Eins wurde aber zumindest in Kaiserslautern schnell klar: Auch ohne den Maestro live vor Augen zu bekommen, hatten die Besucher einen sagenhaften Konzertabend vor sich.

Nur wenige Komponisten schaffen derart berauschende und dramatische Werke, dass es einen beim Zuhören beinahe überwältigt. Und in manchen Momenten nicht nur beinahe. Nachdem die vier Solisten Johanna Krumin, Portia Manike, Orlando Louis und Linda Rheretyane sich vorgestellt, die Kehlen eingestimmt und sich durch Zimmers Musik aus dem Anti-Apartheids-Drama „Zwei Welten“ gearbeitet hatten, kam die erste große Welle der Überwältigung mit einem Auszug aus dem wohl monumentalsten aller Hans-Zimmer-Soundtracks: „Gladiator“. Dank des gefühlvollen Gesangs von Sopranistin Johanna Krumin und den auf der Leinwand passend eingespielten Szenen aus dem Film kämpften manche Gäste im Publikum mit den Tränen.

„Gladiator“ und Italowestern

Für den Komponisten war der Soundtrack das Ticket zur sechsten von insgesamt elf Oscar-Nominierungen – neben unzähligen weiteren Auszeichnungen. Ein schon damals beachtliches Resümee für einen aus Frankfurt am Main stammenden Jungen, der 1979 noch mit Elton-John-Sonnenbrille als Keyboarder im Quietsch-Pop-Hit „Video killed the Radio Star“ zu sehen war. Diese erste kleine Sternstunde blieb an diesem Abend natürlich nicht unerwähnt − wie einige andere Anekdoten zu den gespielten Werken.

Zu den festen Bestandteilen im abendlichen Set gehört der Ausflug in die Werke von Ennio Morricone, der als größtes Vorbild von Zimmer gilt. So wurde der Block mit einigen der bekanntesten und legendärsten Klassikern des Italowesterns bespickt. Das Orchester spielte sich – unter der meisterhaften Führung von Mourad Assouil – geschickt und bravourös durch die berühmten Themen aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „Zwei glorreiche Halunken“.

Und irgendwo zwischen den angespannten Blicken von Henry Fonda und Clint Eastwood, die einen von der Leinwand aus durchbohrten, hörte man das, was Zimmer sich von Morricone abgeguckt hat: die dramatische Schwere in heimsuchenden Moll-Tönen und die aufsteigenden Bläser, die dem orchestralen Zauber ihren Glanz verleihen. Immer wieder rauschte einem die Gänsehaut über den Rücken – nicht zuletzt Dank der herausragenden Einsätze des weißrussischen Chors. So viel Schönheit und Makellosigkeit in einem Zug kann nur ein erfahrenes Orchester vollbringen.

Emotion ist Trumpf

Aber zugegeben: Die Akustik an diesem Abend war nicht immer so makellos. Bei Zimmers Erkennungsstück „He’s a Pirate“ aus dem Segel-und-Säbel-Epos „Fluch der Karibik“ beispielsweise wirkten die Bläser im Hintergrund leider etwas konturlos und dumpf und wurden viel zu stark von der Trommel-Sektion übertönt. Und wer Morricones „Ecstasy of Gold“ (aus dem Film „Zwei glorreiche Halunken“) in- und auswendig kennt, dem fielen die kleinen Ungenauigkeiten in der berühmten Spieluhr-Melodie auf. Hinzu kamen auch ein paar Mikrofonprobleme und leichte Einsatzfehler.

Doch am Ende war das alles nicht weiter von Bedeutung, denn bei Hans Zimmer zählen einzig und allein die Emotionen. Und was die anbelangt, bewiesen Chor, Orchester, Solisten und Dirigent außerordentliches Können. Besonders bei Zimmers Oscar-prämiertem Soundtrack zum „König der Löwen“, den die hochgradig begabten Solisten mit so viel Stimmung und südafrikanischem Kolorit zierten, dass der gesamte Saal bebte – vom Boden bis zur Empore. Spätestens mit den Suiten aus „Interstellar“ und der Dokumentation „Planet Earth“, die drastisch die Konsequenzen des Klimawandels vor Augen führt, schmolzen die visuellen und musikalischen Sequenzen in ein beeindruckendes Ganzes zusammen.

Jubel und Applaus im Stehen

Nach zwei Stunden neigte sich das Live-Erlebnis dem Ende zu – gerade als Dirigent Assouil zu Hochtouren auflief. Mit mehr Leib und Seele kann man den Taktstock kaum führen. Die Musik zuckte ihm regelrecht durch alle Glieder, das Orchester übersetzte jedes Zucken in Töne. Das Publikum war in jedem Moment konzentriert dabei, folgte jeder Anweisung – bis Dirigent und Ensemble unter den majestätischen Klängen des „Inception“-Soundtracks in einem Meer aus Smartphone-Lichtern untergingen.

Zu erwarten, dass dieses Orchester, das überwiegend durch kleinere Konzertsäle tourt, genauso viel Aufwand und Opulenz auffährt, wie es Hans Zimmer bei seinen eigenen Auftritten tut, wäre anmaßend und schlichtweg ungerecht. Doch wer solche Erwartungen auf ein gesundes Maß herunterschraubte, erkannte das erstklassige Können des Orchesters und erlebte ein Konzert, das die Essenz von Hans Zimmer (und Ennio Morricone) exzellent auf die Live-Bühne brachte. Das Lauterer Publikum quittierte diese Leistung mit stehendem Applaus und lang anhaltendem Jubel.

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