Kaiserslautern / Leiningerland
Überschall-Donner in der Pfalz löst Feuerwehr-Einsatz aus
Die Bundeswehr hat mittlerweile bestätigt, zum fraglichen Zeitpunkt Kampfflugzeuge im Überschallflug über der Pfalz unterwegs waren. Die vier Eurofighter seien in der „TRA Lauter“ nordwestlich von Karlsruhe geflogen, schreibt eine Sprecherin des Luftfahrtamtes der Bundeswehr auf RHEINPFALZ-Anfrage. Die TRA Lauter ist ein Gebiet, das sich über den Pfälzerwald bis ins Nordsaarland erstreckt und zeitweise für militärische Flugübungen reserviert ist (TRA bedeutet „temporary reserved airspace“, „zeitweise reservierter Luftraum“).
Um 14.36 Uhr seien zwei der Kampfjets „im Rahmen von Abfangübungen kurzzeitig mit Überschallgeschwindigkeit“ geflogen, so das Amt - präziser: mit 840 Knoten, das sind rund 1.560 Kilometer pro Stunde. Erlaubt ist dem Amt zufolge der Überschallflug über Land bei einer Mindesthöhe von 36.000 Fuß (etwa 10,8 Kilometer). Die Flugzeuge sind laut Luftwaffe zum Zeitpunkt ihres Überschallflugs auf einer Höhe von rund 41.340 Fuß, das sind etwa 12,6 Kilometer, unterwegs gewesen. Die Luftwaffe begründet Überschallflüge vor allem mit der Notwendigkeit, Flugzeuge nach Wartungen und Reparaturen zu testen.
Es knallt immer wieder einmal
Auch wenn der Fluglärm über der Pfalz heute nicht mehr so massiv ist, wie er zu Zeiten des Kalten Krieges zuweilen war – wirklich weg war er nie. Die Kaiserslauterer Bürgerinitiative Fluglärm dokumentiert die Belastung, die am Vereinsstandort der Aktivisten natürlich eine doppelte ist, denn dort kommt noch der Start- und Landeverkehr der US-Air Base in Ramstein dazu. Aus öffentlich verfügbaren Daten über Flugbewegungen generiert die BI sogenannte Heatmaps, die zeigen sollen, wie stark eine Region mit Überflügen bestimmter Flugzeugtypen belastet ist. Demnach sind im Jahr 2019 und bisher in 2020 besonders oft Kampfjets über dem Saarland und dem nördlichen Rheinland-Pfalz unterwegs gewesen, aber auch die Pfalz hat einen großen Teil abbekommen. Das Gebiet, in dem die BI die Jets identifiziert hat, deckt sich mit der TRA Lauter.
Auch von Überschallknallen berichtet die Bürgerinitiative immer wieder einmal. Kurz nach dem Knallereignis vom 7. Mai hat sie via Twitter Geschädigten empfohlen, Anzeige zu erstatten. Mit Geschädigten meint die BI zum Beispiel Menschen, die durch den Schreck in gefährliche Situationen gekommen seien, die mit körperlichen Symptomen reagiert hätten oder deren Tiere durch den Knall verstört worden seien. Direkte Sachschäden durch Überschall-Donner soll es schon gegeben haben. Vom aktuellsten Ereignis ist derlei bisher nicht bekannt. Eine Strafanzeige ist laut Polizei erstattet worden; sie kam dem Polizeipräsidium Rheinpfalz zufolge aus dem Bereich Neustadt. Dem Polizeipräsidium Westpfalz sind nach eigenen Angaben keine Anzeigen bekannt.
Was solche Anzeigen nützen, ist nicht ganz klar. Wurden sie gegen die frühere Vertiedigungsministerin Ursula von der Leyen gerichtet, leitete die Berliner Staatsanwaltschaft keine Verfahren ein, berichtet Holger Marzen vom Vorstand der BI.
Missverständnis durch aufgewirbelten Staub
Einen Hinweis darauf, dass die drei Knallereignisse tatsächlich ungewöhnlich laut waren, liefert ein Feuerwehreinsatz in der Verbandsgemeinde Leiningerland: Dort waren die Wehren von Kirchheim, Kleinkarlbach und Bissersheim ausgerückt, weil Anrufer einen Flugzeugabsturz zwischen Kirchheim und Dackenheim gemeldet hatten. Wie Jochen Lander, stellvertretender Wehrleiter der Verbandsgemeinde, der RHEINPFALZ bestätigte, hatte die Einsatzleitstelle einen Alarm wegen eines vermeintlichen großen Flugzeugabsturzes ausgelöst.
Rund 30 Personen von den Wehren Kirchheim-Kleinkarlbach und Bissersheim seien im Einsatz gewesen; dazu kamen noch der Rettungsdienst, der Notarzt und der Rettungshubschrauber „Christoph 5“, der das von Anrufern genannte Gelände aus der Luft absuchte. Dass die Anrufer auf diesen Ort verwiesen, dürfte mit Feldarbeiten zu tun gehabt haben, so der Feuerwehrmann: Dadurch sei an dieser Stelle weithin sichtbar Staub aufgewirbelt worden.
Wenig Einflussmöglichkeiten für das Land
Die SPD-Landtagsabgeordneten Alexander Schweitzer und Martin Haller haben wegen des Knalls eine kleine Anfrage an die Landesregierung gestellt. Sie möchten wissen, welche Erkenntnisse die Landesregierung zu dem Vorfall hat und was Bund und Land tun, um die Beeinträchtigung der Region durch militärische Flüge zu verringern. Sie fragen auch, ob Überschallflüge im Übungsflugbetrieb in der TRA Lauter erlaubt sind, und wie sich die Nutzung des Luftraums über Rheinland-Pfalz in den vergangenen zwei Jahren entwickelt hat.
Stellschrauben, an denen die Landesregierung drehen könnte, gibt es allerdings nur wenige: Da militärischer Flugbetrieb wie alles, was mit der Landesverteidigung zu tun hat, zum Aufgabenbereich des Bundes gehört, kann Mainz „keinen direkten Einfluss auf die Lärmsituation durch militärischen Flugbetrieb nehmen“, so die Antwort auf eine Nachfrage der RHEINPFALZ bei den beiden Abgeordneten.
Über eine seit 2008 existierende Arbeitsgruppe „Fluglärm Saarland/Rheinland-Pfalz“ beim Bundesverteidigungsministerium seien „punktuelle Verbesserungen zur grundsätzlichen Flughöhe sowie zum militärischen Flugverkehr an Wochenenden“ erreicht worden. Zwar müsse das Ziel sein, das „Gesamtflugaufkommen sowie eine einseitige Lärmbelastung durch militärischen Flugverkehr zu reduzieren“. Die Entscheidung allerdings, Übungsflüge auch in andere geeignete Gebiete zu verlagern, fällt beim Verteidigungsministerium in Berlin.