Kaiserslautern Der wandlungsreiche Zaubervogel

... 2015 in der Produktion „Käthe Hermann“...
... 2015 in der Produktion »Käthe Hermann«...

Es hieße Wasser in die Lauter zu tragen, wollte man die Kammersängerin Geertje Nissen dem Publikum in und um Kaiserslautern vorstellen. Nach über drei Jahrzehnten am Pfalztheater ist die gebürtige Berlinerin, die am heutigen Samstag ihren 75. Geburtstag begehen kann, eine pfälzische Institution.

Die jüngeren Theaterbesucher kennen die Sopranistin vorrangig als gereifte Matrone („Käthe Hermann“), als sämtliche Fährnisse richtende Gouvernante, Tante und Großmutter („My fair Lady“, „Der König und ich“), altersweises bis verschlagenes Muttchen („Anatevka“) oder schlichtweg als komische Alte („Fisch zu viert“). Wie einst Adele Sandrock und Leo Slezak wechselte sie in reiferen Jahren vom ernstzunehmenden Gesangsfach zum Sprechtheater, wo sie als Hexe im „Faust“ ebenso effektvoll agierte als eine der acht „Sekretärinnen“ in der gleichnamigen Schlagerrevue. Wiewohl sich diese Veränderung ohne erkennbare Brüche vollzog, strahlt die Aureole der Theater-Titanin in erster Linie Dank grandioser Leistungen in Oper, Operette und Musical. Die Tochter des Baritons Hanns-Heinz Nissen und der Solotänzerin Ingeborg Herbst debütierte 1969 am Stadttheater Koblenz als Susanna in „Figaros Hochzeit“. Anschließend sang sie in Münster, ehe sie 1978 zusammen mit ihrem Mann, dem Tänzer und Choreografen Zbigniew Krzeszowiak, nach Kaiserslautern kam. Hier wurde aus der ge- und beachteten Soubrette „die Nissen“, souverän und stimmsicher, strahlend und gesegnet mit jenem „Je ne sais quoi“ aller großen Komödiantinnen, das ihr gestattet, mit vibrierender Verve und (scheinbar) müheloser Selbstverständlichkeit die Bühne zu beherrschen. Während sie anfangs noch überwiegend in Operetten („Saison in Salzburg“, „Opernball“) und Musicals (unvergessen ihr Auftritt im Habit in „Nonn-sens“) eingesetzt wurde, bewies sie ihre schauspielerisch-musikantische Doppelbegabung bald auch auf der Opernbühne, etwa als Gräfin in „Andrea Chénier“, Musette in „La Bohème“ und Venus im „Dardanus“ von Rameau. Zum Triumph geriet schließlich 2008 ihre Gräfin in „Pique Dame“. Nebenfiguren wie diese sind bei Geertje Nissen ebenso gut aufgehoben wie die Hauptpartien, was sie jüngst als „Blutgräfin“ in Andy Kuntz’ „Chronik der Unsterblichen“, als Anhilte in der „Csárdásfürstin“, schrille Millionärin in „High Society“ und als Juno in einer verwirrend schrillen Inszenierung von „Orpheus in der Unterwelt“ vorführte. Dieser Mutter des Olymp ist Geertje Nissen auch im wahren Leben nicht unähnlich. Ihre warmherzig-liebevolle (und liebenswerte!) Herzensgüte lässt auch Raum für eine resolut-engagierte Konfliktfähigkeit, die auch den Diskurs mit Regisseuren und Intendanten nicht scheut. So scheint sie uns − auf und jenseits der Bühne − als zauberische Götterkatze voller Geheimnisse, mal lockend verführerisch, mal fauchend und sprungbereit. In der künstlichen Welt des Theaters wirkt Geertje Nissen wie ein Elementarereignis: ein tosender Wildbach der Leidenschaft, ein Gewitter des Witzes, ein Sturmwind reiner Komödianterie. Und doch ist sie zwischen Bar und Boudoir, Glanz und Gosse heute wie zu Beginn ihrer Karriere ein Zauberwesen: der Zaubervogel Frau mit der ausdrucks- und wandlungsreichen Stimme.

... und in unseren Tagen: Kammersängerin Geertje Nissen.
... und in unseren Tagen: Kammersängerin Geertje Nissen.
Zu Beginn ihrer Lauterer Zeit vor ziemlich genau 30 Jahren...,
Zu Beginn ihrer Lauterer Zeit vor ziemlich genau 30 Jahren...,
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