Grünstadt / Kreis Bad Dürkheim
Zu viel Bedarf, aber zu wenig Plätze: Frauenhaus muss Frauen abweisen
Darf ich meinen alten kranken Mann verlassen, fragt die 80-Jährige. Was tue ich, wenn mein Freund mich schlägt, fragt die 15-Jährige. Diese oder ähnliche Fragen hört Sozialpädagogin Johanna Born oft. Sie ist eine von vier Mitarbeiterinnen des Dürkheimer Frauenhauses Lila Villa und berät 120 Klientinnen jährlich, darunter auch etliche aus Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland. Das Problem, dass Frauen von Männern misshandelt werden, komme nicht nur in unteren, bildungsfernen Schichten oder in Familien mit Migrationshintergrund vor, verdeutlicht sie.
Born führt 500 bis 600 Beratungsgespräche und unterstützt die Bewohnerinnen der Lila Villa und deren Kinder. „Manche Frau begleite ich über Jahre. Eine Trennung ist oft ein längerer Weg, auch das Erlebte aufzuarbeiten, geht nicht von heute auf morgen“, erläutert die 42-Jährige. Langsam müsse Vertrauen aufgebaut werden, die Betroffenen lernen, dass nicht alle Männer schlecht sind. Um unabhängig zu werden, sei die Vermittlung eines Jobs wichtig, eventuell sei die Teilnahme an einem Sprachkurs zu organisieren.
Das Frauenhaus stößt an Grenzen
Leider stoße man zunehmend an Grenzen, sagt die Vereinsvorsitzende Marita Zeppei. Das Frauenhaus Lila Villa hat nur zehn Plätze – für vier Mütter mit ein bis zwei Kindern. Und während die Zimmer früher alle zwei, drei Monate wieder geräumt wurden, bleiben die Frauen heute teilweise bis zu einem Jahr. Von den Sozialleistungen oder auch dem Lohn, den sie erarbeiten könnten, lasse sich immer seltener eine marktübliche Miete bezahlen. „Wir brauchen dringend mehr sozialen Wohnraum mit fußläufig erreichbarer Kita und Schule“, sagt Zeppei.
2019 waren an 90 Tagen in den landesweit 17 Frauenhäusern, die zusammen 286 Personen beherbergen können, keine freien Plätze gemeldet. Nach den Empfehlungen der Istanbul-Konvention fehlen in Rheinland-Pfalz 300 Familienzimmer und circa 60 Fachkräftestellen. „Wir haben 2020 mindestens 96 Frauen mit rund 84 Kindern nicht aufnehmen können“, berichtet Zeppei von der großen Nachfrage nach Plätzen im Dürkheimer Haus. Abgelehnt werden müssten unter anderem Drogenabhängige, Personen, die akut an einer schweren psychischen Krankheit leiden und behinderte Menschen, da die Lila Villa nicht barrierefrei ist. Wer mit mehreren Kindern einziehen will, muss wegen des begrenzten Platzes mitunter ebenfalls abgewiesen werden, genauso wie eine Mutter, die ihren jugendlichen Sohn mitbringen möchte. Jungen ab 14 Jahre werden in Frauenhäusern grundsätzlich nicht aufgenommen.
Vollbelegt: 63 Frauen abgelehnt
In 63 Fällen sei Vollbelegung der Grund für die Ablehnung gewesen, davon viermal in direktem Zusammenhang mit Covid-19. Denn während der Pandemie ist die Kapazität noch geschrumpft. „Wir müssen ein Zimmer für Quarantäne vorhalten“, erläutert Zeppei, die froh ist, dass bislang niemand in der Lila Villa positiv getestet wurde. In der ersten Welle habe man einfach Glück gehabt, schaut sie auf eine Zeit ohne Schnelltests und Schutzausrüstung. Dass Kontaktbeschränkungen und Lockdowns generell die häusliche Gewalt steigen lassen, sei nur zu vermuten. „Viele Bitten um Aufnahme erreichen uns gar nicht, weil die Polizei unsere Situation kennt und die Frauen gleich woandershin vermittelt“, erzählt die 67-Jährige. Hinzu kommt, dass gegenwärtig die soziale Kontrolle fehlt. Die Grünstadter Gleichstellungsbeauftragte Andrea Braun sagt, dass Gewaltopfer sonst oft von Dritten, etwa einer Freundin oder der Hausärztin, ans Frauenhaus vermittelt werden.
Um in der Corona-Krise gerüstet zu sein, hat das Land der Lila Villa 4000 Euro für Sachmittel und digitale Ausstattung überwiesen. „Leider wird die Finanzierung nicht dauerhaft verbessert“, bedauert Braun. Die Bad Dürkheimer Schutzeinrichtung ist die einzige in Rheinland-Pfalz, die nicht kommunal gefördert wird. „Wir brauchen jährlich 40.000 bis 50.000 Euro an Spenden“, rechnet Zeppei vor. Von daher freut sie sich sehr über 1355 Euro, die die Gleichstellungsbeauftragten Andrea Braun und Kira Wolf ihr kürzlich überreichten. Das Geld stammt aus der Abgabe eines Kalenders mit Porträts von zwölf inspirierenden Frauen aus Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland. „Wer ihn haben möchte, kann etwas spenden“, erläutert Wolf. Bislang wurden 280 Exemplare in der Tourist-Info oder in der Buchhandlung Frank mitgenommen. Für 2022 soll eventuell ein neuer Kalender aufgelegt werden.
Lage in Rheinland-Pfalz nach der Istanbul-Konvention
Die Istanbul-Konvention ist das „Übereinkommen des Europarates zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“. In 81 Artikeln sind umfassende Verpflichtungen zu Maßnahmen festgeschrieben, die der Prävention und Bekämpfung der Gewalt dienen, sowie dem Schutz der Opfer und der Bestrafung der Täter. In Deutschland trat die Konvention am 1. Februar 2018 in Kraft. Am 1. September 2020 hat die Bundesregierung einen Staatenbericht vorgelegt, der die Lage hierzulande beschreibt. Nach der Vereinbarung müsste es jeweils ein Familienzimmer im Frauenhaus pro 10.000 Einwohner geben. In Rheinland-Pfalz werden 407 Räume gefordert, es sind aber nur 107. Landesweit fehlen auch 60 Fachkräfte. Zudem ist die Finanzierung der 17 Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz „uneinheitlich, unzureichend und unsicher“. Dadurch, dass die Mitarbeiterinnen sich ständig um die Beschaffung von Geld bemühen müssen, gehen Ressourcen für die Unterstützung der hilfesuchenden Frauen und ihren Kindern verloren. Auch sei die professionelle Besetzung der Rufbereitschaft nicht abgesichert und die personelle Ausstattung der Beratungsstellen entspreche nicht den empfohlenen Standards. Darüber hinaus wird in dem Staatenbericht darauf hingewiesen, dass viele Frauenhäuser in Rheinland-Pfalz in einem schlechten baulichen Zustand und meist auch nicht barrierefrei seien.