Grünstadt Wie einst vor 500 Jahren

Presbyter der Kirchengemeinden lesen in Grünstadt Martin Luthers Thesen vor, wie beispielsweise These 47: „Man muss die Christen
Presbyter der Kirchengemeinden lesen in Grünstadt Martin Luthers Thesen vor, wie beispielsweise These 47: »Man muss die Christen lehren: Ablasskauf steht frei, ist nicht geboten.«

Vor der Eingangstür der evangelischen Martinskirche haben am Reformationstag 24 Presbyter und Mitglieder der Protestantischen Kirchengemeinden Grünstadt, Bissersheim und Kirchheim, Asselheim, Sausenheim/Neuleiningen die 95 Thesen des Reformators Martin Luther vorgelesen. Zahlreiche Gläubige hörten sich an, was Luther vor 500 Jahren an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt hatte.

Pfarrer Andreas Funke ordnete die Bedeutung der 95 Thesen ein: „Es ist der Text mit dem die evangelische Kirche vor 500 Jahren begann und der die Menschheit verändert hat.“ Auch wenn den Menschen heute der Text fremd scheine, könne jeder seine eigenen ersten Erfahrungen mit dem „theologischen Fachtext“, sammeln, der noch mitten im Mittelalter stecke. Agathe Kneisel aus Asselheim freut sich über die vielfältigen Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum. „Dass der Reformationstag in diesem Jahr ein Feiertag ist, das finde sehr gut. Im Alltag geht er doch oft unter“, sagte sie. Die 95 Thesen sind der 62-Jährigen zwar bekannt, doch was sie genau und in Einzelheiten beinhalten, wolle sie heute erfahren. Die Reformation noch tiefgründiger begreifen, das war das Anliegen von Tina Ottmann (49) aus Grünstadt, die nach der Veranstaltung sagte: „Die Schärfe des Textes und die Kritik Luthers kommt in den Thesen zur Geltung. Es ist ein Zeichen des Mutes, eine andere Wahrheit auszusprechen.“ Zu den Zuhörern gehörten auch der katholische Gemeindepfarrer Martin Tiator und weitere Katholiken wie Harald und Regine Wellter aus Hannover, die zu Gast in Grünstadt waren. „Als gläubige Christen, egal ob evangelisch oder katholisch, glauben wir an Gott. Das verbindet uns. Deshalb sind wir heute dabei“, erklärte Harald Wellter. Seine Frau ergänzte: „Andere Konfessionen können erst inhaltlich verstanden werden, wenn man sich damit auseinandersetzt und offen dafür ist.“ Am Ende der Lesung befestigte Pfarrer Funke die Thesen an der Tür der Martinskirche. Jedoch nicht mit Hammer und Nägeln, da reichten ein paar Klebestreifen. Zur Sache Mehrere protestantische Kirchengemeinden und die Stadtmission Grünstadt hatten am Reformationstag einen „Veranstaltungs-Marathon“ organisiert (wir berichteten). Die Angebote seien „sehr gut“ besucht gewesen, resümierte Pfarrer Andreas Funke auf RHEINPFALZ-Anfrage. Besonders hob Funke den Abendgottesdienst, bei dem der katholische Pfarrer Martin Tiator gesprochen hat, hervor: „Es war ein bewegender Gottesdienst mit ökumenischer Beteiligung.“

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