Wir über uns Wenn einem beim Zeitungsmachen die Tränen kommen
Da sitzt man vorm Computer und hat plötzlich Tränen in den Augen. So ist es mir am Donnerstagvormittag ergangen – und das nach vielen Jahren in einem Beruf, der einen leider eine gewisse Routine im Umgang mit Unerwartetem und Unheilvollem lehrt. Morgens schimpften meine Kollegen und ich noch über den Wahnsinnigen in Moskau, der die Ukraine von allen Seiten angreift und offenbar auch vor einem Dritten Weltkrieg nicht zurückschreckt. Wir waren fassungslos – und mussten weitermachen. Denn die Lokalausgabe von morgen will produziert werden.
Kurz vor 12 Uhr landete dann eine E-Mail des protestantischen Pfarrers von Sausenheim im Postfach: „Ein Krieg hat begonnen. In Europa.“ Es war nichts Neues in diesem Moment – aber wenn man es in zwei kurzen Sätzen so zusammengefasst sieht, erschlägt es einen doch. Und die Tränen kommen.
Es ist nicht der erste Krieg in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg: Der Bosnien-Krieg in den 90er Jahren forderte 97.000 Tote und Verschollene, es gab noch weitere Kriege mit weiteren Toten in den 90er Jahren auf dem Balkan.
Vor einigen Jahren habe ich in Sarajewo mit jungen Frauen gesprochen – sie hatten den Bosnien-Krieg als Kinder erlebt und litten weiterhin unter der Kriegserfahrung. Eine von ihnen, ihr Vater wurde beim Beschuss Sarajewos durch die Serben schwer verletzt, berichtete, dass sie nachts immer noch vom Krieg träume. Und sie erzählte auch, dass die Familie damals ein Hilfspaket aus Deutschland bekam. Das werde sie nie vergessen.
Vor 20 Jahren war ich das erste Mal in der Ukraine, ich studierte damals in Polen und bereiste mit meinen Mitstudenten jene Gebiete im Westen der Ukraine, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch zu Polen gehörten. Wir übernachteten in einer Turnhalle in Lemberg und besuchten von dort aus Burgen, Herrenhäuser, kleine Dörfer, imposante Kirchen. Es war Anfang Mai, die Bäume blühten, die Landschaft am Dnjestr beeindruckte. Kurzum: Es war eine schöne Reise und eigentlich hatte ich immer den Wunsch, den Westen der Ukraine wieder zu besuchen.
2013 war ich zum zweitem Mal in dem Land – allerdings im Osten, in Dnjepropetrowsk, einer modernen Millionenstadt. Eine Freundin von mir lebte damals dort und unterrichtete an einer der vielen Unis Deutsch. Sie hatte mich gebeten, vor ihren Studenten einen Vortrag über das Zeitungswesen in Deutschland zu halten. Ich sprach mit jungen Menschen, die unglaublich wissbegierig waren, viel über das Leben bei uns erfahren wollten – und voller Optimismus in die Zukunft schauten. Was wohl aus ihnen wird?
Während ich diesen Text schreibe, blinkt das Handy auf, eine Freundin aus Polen schreibt eine SMS: „Bei uns im Osten Polens suchen sie schon nach Übernachtungsmöglichkeiten für Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine, Schulplätze für Kinder, Arbeitsplätze für die Ukrainer ...“ Und dann fügt sie an: „Sag, ist das nicht alles Wahnsinn?“ Ja, das ist es.