Grünstadt
Welche Auswirkungen hat der Abzug der US-Truppen auf die Aafes-Bäckerei?
Jetzt ist es konkret: US-Verteidigungsminister Mark Esper hat am Mittwoch in Washington angekündigt, die Anzahl der in Deutschland stationierten US-Soldaten von 36.000 auf 24.000 zu senken. Knapp 5600 Soldaten sollen in andere europäische Länder verlegt werden, rund 6400 Soldaten in die USA zurückkehren.
Donald Henson hat noch kein offizielles Schreiben der amerikanischen Armee. Deswegen hält sich der Chef der Grünstadter Aafes-Bäckerei mit einer Einschätzungen zurück. Fest stehe: Die Verlegung von US-Soldaten in andere europäische Länder habe keine Auswirkungen auf die Grünstadter Großbäckerei – schließlich backen die Mitarbeiter für amerikanische Soldaten in ganz Europa. Wenn Soldaten nach Amerika verlegt werden, wolle man mögliche Folgen für die Belegschaft mit Rentenlösungen abfangen.
Seit fast 70 Jahren in Grünstadt
Seit 1953 wird in Grünstadt für amerikanische Soldaten gebacken. Von der kleinen Stadt im Leiningerland aus werden amerikanische Soldaten und ihre Familien versorgt, die in 24 Ländern Europas und des Nahen Ostens stationiert sind. Die Soldaten in Ramstein, Vilseck oder Grafenwöhr essen das gleiche Brot wie diejenigen, die in Italien, dem Irak oder Saudi-Arabien Dienst tun. Einziger Unterschied: Innerhalb Europas werden die frischen Backwaren mit dem Lastwagen transportiert, die Ware für den Nahen Osten wird gefroren geliefert. Die Grünstadter Bäckerei ist die einzige Bäckerei für amerikanische Militärangehörige in Europa, die anderen sind in Japan, Korea und auf den Okinawa-Insel, die zu Japan gehören. Sie alle gehören zum Army & Air Force Exchange Service (AAFES), eine Kette mit eigenen Geschäften, die der Versorgung der US Army und der US Air Force dient.
Die einzige Bäckerei in Europa
Donald Henson ist nicht nur Chef des Grünstadter Depots (250 Mitarbeiter), sondern auch für die drei Großbäckereien in Asien und damit für insgesamt 500 Mitarbeiter zuständig. In Grünstadt werden 164 verschiedene Produkte hergestellt, wobei es bei den Tortilla-Fladen beispielsweise schon zehn verschiedene Sorten gibt. Apropos Tortillas: „Die gingen während des Lockdowns weg wie nichts“, berichtet Henson. In der vorletzten März-Woche seien beispielsweise 25 Prozent mehr gebacken worden als zu „normalen Zeiten“. „Wir haben uns gefragt: Warum ausgerechnet Tortilla-Fladen? Die Antwort ist: Die Leute sind zu Hause, und Tortillas sind der einfachste Weg, sich ein schnelles Sandwich zu machen.“
Über 1400 Tonnen Backwaren werden produziert
Pro Jahr werden in Grünstadt 3,2 Millionen Laib Brot, 8,9 Millionen Brötchen, 2,7 Millionen Tortilla-Fladen und 3,8 Millionen Donuts produziert. Nicht zu vergessen: Die Bäckerei verlassen jährlich 4200 aufwendig dekorierte Kuchen. Alles in allem werden in der Großbäckerei jährlich 1451 Tonnen Backwaren hergestellt, die Zutaten dafür kommen zu 90 Prozent aus den USA. Besonders stolz ist man in der Bäckerei auf eine Lizenz zum Backen der in Amerika beliebten Donuts der Marke „Krispy Kreme Doughnuts“. Henson sagt: „Wir sind die einzige Bäckerei der Welt, die diese Lizenz hat.“
Insgesamt hält der Standort elf solcher Lizenzvereinbarungen – unter anderem auch für „Culligan Water“. Das Grünstadter Wasser wird dabei so aufbereitet, dass die Zusammensetzung dem Marken-Produkt entspricht. „Hört sich einfach an, ist aber ein ziemlich komplizierter Prozess“, erläutert Henson. 16 Millionen Liter werden pro Jahr abgefüllt.
Kühllager auf dem Gelände
Wenig bekannt sei, dass auf dem Gelände in Grünstadt ein riesiges Kühllager ist: Gefrorene Ware wie Burger Patties oder Fritten werden aus den USA eingeflogen, in Grünstadt kommissioniert und an Armeestützpunkte in Europa ausgeliefert. „Es ist das einzige Aafes-Kühllager in Europa“, sagt Henson.
Donald Henson ist seit 50 Jahren in der Back-Industrie tätig: Mit 15 Jahren lernte er bei einem deutschstämmigen Bäcker in Ohio das Handwerk, lebte in zehn amerikanischen Bundesstaaten, leitete verschiedene Großbäckereien. Bevor er vor 19 Monaten nach Grünstadt kam, war der 65-Jährige neun Jahre lang im Aafes-Hauptsitz in Dallas (Texas) beschäftigt – und dort für die vier Aafes-Bäckereien zuständig, den Job erledigt er jetzt von Grünstadt aus. Henson ist von den Mitarbeitern, von denen bis auf sechs alle Deutsche sind, begeistert: „ Wir haben eine exzellente Belegschaft.“ Froh ist er, das keiner der Angestellten während der Corona-Pandemie erkrankt war. Auf dem Gelände und in der Produktion herrscht Maskenpflicht, der Chef macht es vor.
Henson fühlt sich wohl in der Pfalz
Henson fühlt sich, Stichwort Corona, derzeit viel sicherer in der Region als in den Vereinigten Staaten. Henson ist Zivilist, kein Militärangestellter, politisch hält er sich öffentlich bedeckt. Zur anstehenden Präsidentschaftswahl sagt er diplomatisch: „Ich denke, es wird eine sehr interessante Wahl werden.“ Eine Prognose könne er nicht abgeben.
Sein Wunsch für die Zukunft? „Dass die Deutschen und die Amerikaner ihre langen und guten Beziehungen fortsetzen.“ Henson ist zwar schon in einem Alter, in dem er in Ruhestand gehen könnte – hat das aber sobald nicht vor: „65 ist das neue 45“, sagt er und grinst. Es gefalle ihm gut in der Pfalz. Nicht zuletzt wegen der Feste. Da sieht es in diesem Jahr natürlich schlecht aus: „Im miss the Wurstmarkt. And I miss the Grünstadt Wine Festival.“