Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Weinstraße gesperrt: So groß ist der Anwohner-Frust (mit Bildergalerie)

Wegen der Sperrung extrem befahren: In der Kirchheimer Rückgasse kommen große Fahrzeuge kaum aneinander vorbei.
Wegen der Sperrung extrem befahren: In der Kirchheimer Rückgasse kommen große Fahrzeuge kaum aneinander vorbei.

Wegen Bauarbeiten ist die Kirchheimer Ortsdurchfahrt auf Jahre blockiert. Nun fürchten Betriebe um ihre Existenz und Bürger kritisieren die Umleitungs-Beschilderung.

Barbara Mersinger ist sauer. Seit der Sperrung der Kirchheimer Ortsdurchfahrt habe sie nur noch halb so viele Kunden täglich in ihrer Sternapotheke wie zuvor. „Ich erhalte erboste Anrufe, dass man nicht mehr zu uns kommt“, beklagt sie. Mersinger hat beobachtet, dass an der Abfahrt Kirchheim-Nord zahlreiche Autofahrer umdrehen, denn dort steht an der Absperrung: „Zufahrt bis Schulgasse frei, keine Wendemöglichkeit für Lkw“. Diese Ausschilderung sorge extrem für Verwirrung, sagt sie. Dabei könnte man doch über die Rückgasse in die Bissersheimer Straße fahren. Außer ihrer Apotheke seien dort ein Arzt, zwei Winzer, ein Friseur und zwei Gastrobetriebe, die sehr unter der aktuellen Situation litten.

„Deutlicher Rückgang bei Ab-Hof-Verkauf“

Aber auch die Betriebe in anderen Bereichen sind betroffen. Swantje Schauss und Daniel Trommer, die im Sommer 2022 das Restaurant Ochs & Schwan auf dem Winzerhof Benzinger in der Weinstraße Nord eröffnet haben, haben gekündigt. Im Dorf gilt es als abgemacht, dass die Sperrung der Grund war. Benzinger allerdings sagt: Das sei falsch, Schauss „betätigt sich als Sterneköchin und Top-50-Köchin nun in einer anderen Region“. Eindeutig ist die Lage hingegen in der Weinstraße Süd bei Christoph Hammel vom gleichnamigen Weingut, er verzeichnet„einen deutlichen Rückgang beim Ab-Hof-Verkauf“. Damit seine Kunden nicht herumirren, hat er auf seiner Internetseite eine Karte abgebildet, die darauf hinweist, dass sein Betrieb die nächsten Monate nur noch über die B271 und die Abfahrt Kirchheim-Süd zu erreichen ist. Der Winzer hat auch Zusatzschilder produzieren lassen und neben die Baken gestellt. „Sollte uns das verboten und uns mit Geldstrafen gedroht werden, ist ein Gerichtsprozess nicht auszuschließen“, zeigt sich Hammel kämpferisch.

Für viele dürften die drei Jahre vermutlich finanziell zum Desaster werden, sagt Mersinger. „Wenn die angegebene Zeit überhaupt ausreicht: Die haben in den ersten drei Wochen gerade einmal drei Stunden gearbeitet“, erzählt die Apothekerin. Tatsächlich war das Ortszentrum seit dem 27. August gesperrt, einschließlich der beiden großen Parkplätze am Friedhof und auf dem Schwarzen Platz. Bauarbeiten waren lange nicht zu sehen. Am 10. September wurde etwas Asphalt in der Kleinkarlbacher Straße aufgefräst. Boris Egem, stellvertretender Leiter des Landesbetriebs Mobilität (LBM) in Speyer, erklärt dazu auf Anfrage: „Zuvor wurde die Baustelle eingerichtet.“

Sattelschlepper rasiert Hecke

Wegen der Situation in der Bissersheimer Straße plädiert Mersinger dafür, die Rückgasse zur offiziellen Umleitungsstrecke zu machen. Egem entgegnet: „Wir leiten den Verkehr grundsätzlich über klassifizierte Straßen um und nur im Notfall über das untergeordnete Netz.“ Bei diversen Vorbesprechungen sei auch seitens der Verbandsgemeinde Leiningerland die Rückgasse als Umgehung abgelehnt worden. Die Behörde verweist zudem auf Probleme mit dem Schwerlastverkehr auf dieser Route.

Diese Probleme sehen die Anlieger der Rückgasse mit ihren engen Nebenstraßen tagtäglich – seit der Sperrung der Weinstraße mit massiver Steigerung. Es sei extrem viel Verkehr, der sich auch kaum an Tempo 30 halte, stöhnen Karin Kaster und Melanie Ritter. Das Mäuerchen mit Holzzaun um das Grundstück von Annemarie Gansert „musste bereits fünf Mal repariert werden, weil Laster nicht um die Kurve kamen“. Die Seniorin hat auch gesehen, wie ein Sattelschlepper beim Linksabbiegen aus der Friederich-Diffiné-Straße in die Rückgasse die Ligusterhecke von Doris Kaster abrasiert und dann Teile davon hinter sich hergeschleift hat. „Die Sperrung bestand gerade mal seit acht Tagen, als das passiert ist. Aber die Bauarbeiten sollen ja drei Jahre dauern“, sagt die Geschädigte. Gansert wüsste gern, wer denn nun den Schaden bezahlt. Der Laster sei ja weg.

Lackspuren am historischen Torbogen

Ortsbürgermeister Thomas Dhonau (SPD) hat als schnelle Hilfe gegen weitere Unfälle dieser Art ein paar Warnbaken auf den Gehweg vor die Hecke stellen lassen. Er kann auch von einem demolierten Haus in der Schulgasse berichten. Ein Lieferwagen sei durch einen historischen Torbogen gefahren, wo er Lackspuren hinterlassen habe, und sei dann die Fassade eines Gebäudes entlanggeschrammt. „Das wurde aber beobachtet. Ich hoffe, dass der Eigentümer sich mit dem Verursacher einigen kann“, so Dhonau.

Ein Bus quält sich von der Friederich-Diffiné-Straße links in die Rückgasse, haarscharf an einer Hausecke vorbei und über den Bü
Ein Bus quält sich von der Friederich-Diffiné-Straße links in die Rückgasse, haarscharf an einer Hausecke vorbei und über den Bürgersteig auf beiden Seiten.
Bagger in Bereitschaft: In Kirchheim wird die Ortsdurchfahrt saniert.
Bagger in Bereitschaft: In Kirchheim wird die Ortsdurchfahrt saniert.
Großbaustelle mitten in Kirchheim: Die Ortsdurchfahrt wird umgestaltet.
Großbaustelle mitten in Kirchheim: Die Ortsdurchfahrt wird umgestaltet.
Der Fahrer muss das »Einfahrt verboten«-Schild übersehen haben, aber damit ist er nicht allein: Der Wagen biegt nach rechts von
Der Fahrer muss das „Einfahrt verboten“-Schild übersehen haben, aber damit ist er nicht allein: Der Wagen biegt nach rechts von der Rückgasse ab und verkehrt herum in die Friederich-Diffiné-Straße ein.
Vom Lastwagen rasiert: Ligusterhecke in der Friederich-Diffiné-Straße.
Vom Lastwagen rasiert: Ligusterhecke in der Friederich-Diffiné-Straße.
Wochenlang gesperrt, ohne für die Baustelle genutzt zu werden: Umgestaltung der Ortsdurchfahrt Parkplatz gegenüber dem Friedhof.
Wochenlang gesperrt, ohne für die Baustelle genutzt zu werden: Umgestaltung der Ortsdurchfahrt Parkplatz gegenüber dem Friedhof.
Verwirrende Beschilderung: Sperre an der Zufahrt Kirchheim-Nord.
Verwirrende Beschilderung: Sperre an der Zufahrt Kirchheim-Nord.
Von Linksabbiegern in Mitleidenschaft gezogen: Sandfang und Bürgersteig in der Friederich-Diffiné-Straße / Ecke Rückgasse.
Von Linksabbiegern in Mitleidenschaft gezogen: Sandfang und Bürgersteig in der Friederich-Diffiné-Straße / Ecke Rückgasse.
Wird umgebaut: Kirchheimer Ortsdurchfahrt.
Wird umgebaut: Kirchheimer Ortsdurchfahrt.
Baufortschritt nach zwei Wochen: In der Kleinkarlbacher Straße ist ein bisschen Asphalt entfernt worden.
Baufortschritt nach zwei Wochen: In der Kleinkarlbacher Straße ist ein bisschen Asphalt entfernt worden.
So eng geht’s hier zu: Peter Schreiber zeigt auf einen Bus, der sich von der Friederich-Diffiné-Straße nach links in die Rückgas
So eng geht’s hier zu: Peter Schreiber zeigt auf einen Bus, der sich von der Friederich-Diffiné-Straße nach links in die Rückgasse quält.
Eigentlich gilt rechts vor links, aber der Laster in der Rückgasse muss dem weißen Pkw in der Friederich-Diffiné-Straße die Vorf
Eigentlich gilt rechts vor links, aber der Laster in der Rückgasse muss dem weißen Pkw in der Friederich-Diffiné-Straße die Vorfahrt nehmen, weil der sonst gar nicht links abbiegen könnte.
Der helle Pkw muss Vorfahrt gewähren, sein Fahrer kann dazu aber nicht in die Friederich-Diffiné-Straße sehen – und er muss zurü
Der helle Pkw muss Vorfahrt gewähren, sein Fahrer kann dazu aber nicht in die Friederich-Diffiné-Straße sehen – und er muss zurücksetzen, damit der dunkle Wagen um die Ecke kommt
Haarscharf an einer Hausecke vorbei und über den Bürgersteig: Ein Bus quält sich von der Friederich-Diffiné-Straße nach links in
Haarscharf an einer Hausecke vorbei und über den Bürgersteig: Ein Bus quält sich von der Friederich-Diffiné-Straße nach links in die Rückgasse.

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Peter Schreiber erzählt, dass sämtliche großen Fahrzeuge, auch die Linienbusse, immer über den Bürgersteig an seiner Hausecke rollen müssen, manchmal würden auch Verkehrsspiegel oder Schilder verschoben. Die Gehwegplatten und ein Sandfang sind schon abgesackt. Und der Sockel seines Gebäudes sei schon zweimal beschädigt worden. „Eigentlich war versprochen worden, dass während der Baumaßnahmen kleine Busse eingesetzt werden“, sagt Kaster. Dhonau bestätigt das, allerdings habe er noch keinen Kurzbus gesehen.

Keine Antworten der Verbandsgemeinde

Die Verbandsgemeinde hat leider die Fragen der RHEINPFALZ nicht beantwortet. Unter anderem wäre interessant zu wissen, was man sich bei dem eigenartigen Konstrukt der Verkehrsführung in diesem Wohngebiet gedacht hat. So ist schlecht zu erkennen, dass für die Friederich-Diffiné-Straße die Einbahnregelung eingeführt wurde. Im Minutentakt biegen dort Autos entgegen der Fahrtrichtung ein. Ebenfalls erschließt sich nicht, welchen Sinn die Pfeile auf dem Asphalt besagter Straße haben, da sie zu ordnungswidrigem Abbiegen zwingen.

Ritter findet, dass Unfälle durch die komischen Anordnungen geradezu provoziert werden. Matthias Kaster fordert für die Rückgasse die Beschilderung „Anlieger und Lieferverkehr frei, für Lkw über 7,5 Tonnen gesperrt“. LBM-Sprecher Egem erteilt diesem Ansinnen eine Absage: „Im innerörtlichen Bereich wird kein Lkw-Verbot eingerichtet. Sonst wären auch örtliche Zulieferer davon betroffen.“ Der Hinweis „Anlieger frei“ könne unterschiedlich ausgelegt werden und die Kontrolle läge bei der Polizei. Zum wiederholt erhobenen Vorwurf der insgesamt schlechten Ausweisung der Umleitung erklärt er: „Die Beschilderung entspricht den Richtlinien und ist schlüssig zu fahren.“ Leider registriere die Behörde in jüngerer Zeit auch bei anderen Maßnahmen, dass Verkehrsteilnehmer nicht der Umleitung folgten, „sondern sich eher Schleichwege suchen“.

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