Grünstadt / Carlsberg
Weinprobe: Herr Pfarrer, was ist die schrägste Suff-Geschichte in der Bibel?
Herr Kraul, haben Sie fürs Abendmahl einen persönlichen Lieblingswein?
Nein, der Kirchendienst bringt halt immer eine Flasche mit. Aber letztens in Höningen, da hatten wir einen hervorragenden Kerner. Der hat mir sehr gut gefallen, die Sorte hab’ ich mir aufgeschrieben – die gibt’s jetzt auch im Pfarrhaus.
Jetzt sprechen sie bei den Grünstadter Siedlern über Wein in der Bibel – eher als Bibel- oder eher als Weinfachmann?
Als Bibelfachmann. Ich komme ja aus Niedersachsen – es wäre unfair, wenn ich den Pfälzern ihren Wein erklären würde. Außerdem bin ich Theologe, da bin ich im Bibel-Bereich schon besser aufgehoben.
Dann konzentrieren wir uns jetzt auf die Bibel. Haben Sie schon mal durchgezählt – oder nachgeschlagen –, wie oft in ihr das Wort Wein steht?
Ja, ich habe das spaßeshalber online mal eingegeben. Das gab allein in der Luther-Übersetzung über 200 Treffer. Allerdings wird der Wein oft nebenbei erwähnt. Die wirklichen Kern-Stellen, das lässt sich so auf gute 50 runterbrechen. Gerade im Neuen Testament gibt es da ja sehr zentrale Stellen, zum Beispiel, wenn Jesus Christus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Das ist natürlich immer eine Gleichnis-Sprache, aber sehr intensiv und sehr schön.
Welche Bibel-Stelle liefert die beste Weinwerbung?
Puh, da fragen Sie mich was. Hab’ ich mir noch keine Gedanken gemacht.
Ok, ich schlage Ihnen was vor: das erste Wunder, das Jesus im Johannes-Evangelium bewirkt ...
Ja, die Hochzeit von Kanaan, Jesus verwandelt Wasser in Wein – stimmt, das ist eine tolle Weinwerbung.
Betrunkene tun ja manchmal auch skurrile Dinge. Was ist die schrägste Wein-Geschichte der Bibel?
Ja, mir fällt eine ganz besonders schräge ein. Direkt am Anfang, bei der Arche Noah: Noah hat sich nach der Sintflut eines Abends wohl ziemlich betrunken. Am Ende lag er nackt in seinem Zelt. Das war seinen Söhnen so peinlich, dass mit einem Gewand ins Zelt hineingingen – rückwärts, um, wie es so schön höflich heißt, die Scham ihres Vaters nicht zu sehen. Und um ihn zu bedecken, damit er in Würde wieder aufstehen konnte. Wenn wir gerade ans Oktoberfest denken, wo neun Lederhosen in der Fundgrube gelandet sind ... Und ich will auch gar nicht wissen, was so auf dem Wurstmarkt passiert. (lacht)
Ok, diese Noah-Anekdote wirkt auf uns heute witzig. Und wir sehen vielleicht auch eine Warnung vor zu viel Alkohol. Aber finden Sie in biblischen Wein-Geschichten auch eine theologische Botschaft?
Ich seh’ schon theologischen Gehalt. Beim letzten Abendmahl hat Jesus nicht nur Wasser genommen und verteilt, sondern Wein. Das hat eine doppelte, vielleicht sogar drei- oder vierfache Bedeutung. Der Wein steht für das Blut Jesu Christi, das am Kreuz vergossen wird, damit wir von den Sünden befreit sind – das soll schon erfreuen, es soll uns erleichtern. Da steckt auch das Motiv des Berauschenden drin, das einen über Schlimmes hinwegbringen kann. Aber wenn man sich voll berauscht und einem alles egal ist, kann man die Realität verlieren – und auch den Glauben. Das spielt da alles mit rein, das hat viele theologische Deutungsebenen.
In der Medizin, scheint mir, wird der Blick auf Alkoholkonsum immer kritischer – weg von „Ein Gläschen Wein pro Tag ist schon in Ordnung“, hin zu „Jeder Tropfen schadet der Gesundheit“. Müsste die Kirche da nicht mittlerweile den Zeigefinger heben und zum Komplett-Verzicht mahnen?
Es ist ja schon so, dass viele Institutionen bei uns stark darum bemüht sind, Abhängigkeit zu bekämpfen. Ich war in meiner Ausbildung bei der Diakonie, beim Blauen Kreuz – da geht es darum, dass Suchtkranke eine Perspektive ohne Alkohol gewinnen. Und es ist eine fantastische Arbeit, die da geleistet wird. Beim Abendmahl berauschen wir uns ja auch nicht. Die Frage, die wir uns kritisch stellen müssen: Sollen wir bei der Kerwe wirklich mit dem Dubbeglas rumrennen? Wir versuchen, ein maßvolles Umgehen zu predigen und auch zu leben. Und ich halte das auch für sinnvoll. Man kann sich jede Freude am Leben nehmen, das hat der Protestantismus schon mal versucht. Aber das ist heute nicht mehr unsere Perspektive. Maßvolles Genießen, eine gute Geselligkeit, Woi, Worscht und Weck – und dann ist alles super.
Trotzdem sind Abendmahls-Gottesdienste in vielen Gemeinden sehr selten geworden. Und wenn sie stattfinden, dann oft nur mit Traubensaft. Was sagt der protestantische Theologe dazu?
Der sagt: Das ist mittlerweile Usus, auch bei mir. Wir haben sowohl Wein als auch Traubensaft. Viele ältere Menschen, die das Abendmahl besuchen, nehmen Medikamente und dürfen deshalb keinen Alkohol trinken. Da nehmen wir gerne drauf Rücksicht. Natürlich ist es so, dass Jesus Wein genommen hat. Und er hat gesagt, dass er im Abendmahl selber anwesend ist, in Brot und Wein. Ich glaube, dass er in der Frucht des Weinstocks – also auch im Traubensaft – persönlich dabei sein kann, gerade auch für die Menschen, die das anders nicht genießen können.
Sie haben es eben schon gesagt, oder vielleicht besser gestanden: Sie stammen eigentlich aus Niedersachsen. Weinbautechnisch eine ziemliche Wüste ...
Wir brennen guten Korn bei uns! (lacht)
Ja, is’ schon recht. Betrachten Sie es als göttliche Fügung, dass Sie in der Pfalz gelandet sind?
Doppelt und dreifach! Ich bin kein Überzeugungs-Niedersachse. Mich hat es immer schon ein bisschen in die Ferne gezogen. Ich freue mich, dass ich eine Heimat gefunden habe, die schöner nicht sein könnte. Ich genieße das total. Wobei man natürlich auch sagen muss: Ich sitze in Carlsberg und blicke gerade auf den Kahlenberg. Wir haben hier auch keine Weinberge. Aber ich gehe immer wieder gerne zum meinem hochverehrten Kollegen Christopher Markutzik nach Sausenheim, um dort die Weingüter anzusteuern. Es ist nicht weit weg.
Zur Person
Julian Kraul ist seit Ende 2022 protestantischer Pfarrer für Carlsberg-Hertlingshausen, Altleiningen und Höningen, vorher war er Vikar in Neuhofen. Nach dem Abitur studierte er in seiner Heimatstadt Hannover Physik und evangelische Theologie. Dabei lernte er seine spätere Frau kennen, die aus Sausenheim stammt.
Termin
Biblische Weinprobe der Siedlergemeinschaft Grünstadt mit Julian Kraul und Albert Boßmann am Freitag, 11. Oktober, 19 Uhr, Alte Lateinschule (Neugasse 17). Zu Weinen aus Sausenheim und Asselheim gibt es Brotschnitten mit Hausmacher Wurst. Anmeldung bei Familie Born, Telefon 06359 5685 oder per E-Mail an Bibl.Weinprobe@Siedler-gruenstadt.de.