Grünstadt Warum diese 76-Jährige noch immer arbeitet
Damit hat Ilke Schmidt nicht gerechnet: Plötzlich kommt der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Westpfalz aus Kaiserslautern, André Morio, ins Grünstadter Kamin- und Kachelofenstudio. Neben der Urkunde für das 50. Dienstjubiläum gibt es einen großen Blumenstrauß, ein Buffet, „viele Küsschen“ und eine Einladung ins Restaurant. Ihr Chef, Stephan Kohl, hat Schmidt mit dieser Würdigung überraschen wollen und es ist gelungen: exakt 50 Jahre nach ihrem Eintritt ins Unternehmen. „Das war sehr emotional. Ich war ganz durcheinander“, sagt die Geehrte noch immer total gerührt.
Als die gebürtige Ebertsheimerin, die ihre Ausbildung zur Buchhalterin in einem Autohaus in Oppau absolviert hat, noch junge Mutter war, hat das Geld nicht gereicht. Zu der Zeit fiel ihr ein Inserat in der Zeitung auf und sie bewarb sich. Fünf Tage später, am 15. Mai 1975, war sie bei Gerhard Kohl stundenweise als Lohnbuchhalterin angestellt. Mit dem Eintritt ihres Sohnes Mirko in die Grundschule – heute ist er Professor für Anatomie mit zwei Doktortiteln an der Technischen Universität Dresden – stieg sie in Vollzeit ein. In seinem Fliesen- und Ofenbaufachgeschäft in der Kirchheimer Straße beschäftigte der Handwerksmeister damals rund 40 Leute. Stephan Kohl war zu dem Zeitpunkt knapp sechs Jahre alt, sein Bruder Markus sieben.
Brüder teilen sich das Unternehmen
Mitte der 1990er-Jahre wurde die Firma geteilt in Platten-Kohl und Kamin-Kohl. Letztere zog 2002/03 in die Carl-Zeiss-Straße – und nahm die gemeinsame Buchhalterin mit. „Ilke kennt mich länger als ich mich selbst kenne, sie ist für mich persönlich mehr Mutter als Mitarbeiterin“, sagt Stephan Kohl. Für seine Gattin Ute sei Schmidt wie eine Schwester. Witzigerweise sehen sich die beiden Frauen sehr ähnlich – auf Jugendbildern gar wie Zwillinge –, sodass von manchem Kunden eine Verwandtschaft vermutet wird, wie der Obermeister der Ofen- und Luftheizungsbauer-Innung der Pfalz lachend erzählt.
Er sei Schmidt unendlich dankbar dafür, dass sie seinem Unternehmen und seiner Familie fünf Jahrzehnte lang die Treue gehalten habe und immer noch hält. „Du hast uns durch alle Höhen und Tiefen begleitet, Opfer- und Leidensbereitschaft gezeigt, Vertrauen und Zuneigung gegeben“, so der 55-Jährige. Auch habe sie viel Humor. Schmidt bezeichnet sich bescheiden als „des Mädche vumm Papier“. Schließlich ist der Schreibtisch ihr originärer Arbeitsplatz. Am Anfang habe sie alles manuell gemacht, dann irgendwann brachte der PC Erleichterung. Heute bereitet sie die Unterlagen nur noch für den Steuerberater vor.
Schmidt ist auch ein Verkaufstalent
Aber die Buchhalterin mit dem laut Kohl „sensationellen Gedächtnis“ steht bei Bedarf auch im Laden. Während der Energiekrise im Herbst 2022 infolge des russischen Überfalls auf die Ukraine hat Schmidt an einem Tag sechs Öfen verkauft. „Die Leute hatten Panik“, sagt Kohl. Inzwischen habe sich das Geschäft wieder auf das Niveau von 2019 normalisiert.
Schmidt, schon seit 1984 verwitwet, bezieht seit ihrem 61. Lebensjahr Altersrente. Der Firma Kamin-Kohl kam sie deshalb aber nicht abhanden. Sie gehört seither als Teilzeitkraft zum – inklusive Lehrling – neunköpfigen Team. Im Juni feiert sie ihren 76. Geburtstag. Daran, sich zur Ruhe zu setzen, denkt die fitte Seniorin bis dato nicht. „Ich arbeite aus Leidenschaft. So lange mein Kopf das mitmacht, bleibe ich an Bord“, sagt sie. Ihrem Chef ist das Recht: Die „gute Seele des Betriebes“ dürfe bleiben, solange sie Lust dazu hat.