Grünstadt
Wanderer mit Auftrag
LEININGERLAND: Es ist eine Frage, auf die wohl jeder seine eigene Antwort hat: Was macht das Leiningerland aus, was ist das Besondere? Die Verbandsgemeinde holt sich jetzt einen Maler von außen. Er soll diese Frage bildlich beantworten.
Für die einen ist das Leiningerland ein historisches Gebiet, für die anderen eine Verwaltungseinheit und wieder andere haben noch nie davon gehört. Was ist das Einzigartige an der Region?
Weinbau, Burgen? „Das haben andere Verbandsgemeinden auch“, sagt Frank Rüttger (CDU). Auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen hat der Bürgermeister der seit 2018 bestehenden Verbandsgemeinde öfter mit dem Tiefenthaler Kunstkenner Wolfgang Thomeczek gesprochen – und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass es gut wäre, die Frage von einem Künstler beantworten zu lassen. Deswegen hat die Verbandsgemeinde den Leipziger Maler Heinrich Mauersberger ins Leiningerland eingeladen. Sein Auftrag ist es, in jeder der 21 Ortsgemeinden und der acht Ortsteile das Charakteristische zu finden und mindestens ein Bild pro Ortschaft zu malen. Mauersberger, der gegenständlich malt und ein Faible für Architektur hat, ist frei in der Wahl seiner Motive. Er drückt es so aus: „Ziel ist nicht, 29 Kirchen gemalt zu haben.“ Entstehen sollen Bilder, die einerseits bei einem breiteren Publikum für die VG werben sollen, die andererseits aber auch dafür geeignet sind, als Kartenmotive oder Nachdrucke für besondere Anlässe genutzt zu werden.
Wandern ist Teil des Konzepts
Mauersberger ist zu Fuß unterwegs. „Das Wandern ist Teil des Konzepts“, sagt der Leipziger Maler. Morgens um 7 Uhr steht er auf, um 8 Uhr bricht er mit Rucksack, Staffelei, Leinwand und Block auf – und wenn er nach zwei oder drei Stunden in einer Ortschaft ankommt, sucht er ein Motiv, bringt es mit Ölfarben auf die Leinwand oder mit Aquarellfarben und Tusche auf Papier.
Mauersberger ist dabei in zweierlei Hinsicht ungewöhnlich: Zum einen besinnt er sich auf das kleine Format, 30x40 Zentimeter. „Das ist schon uncool“, weiß er. „Die Tendenz geht dahin, große Formate zu haben, weil man meint, besser gesehen zu werden.“ Zum anderen ist er als Freiluftmaler unterwegs – was für einen akademisch ausgebildeten Künstler eher selten ist: „Pleinair-Malerei hat den Ruf, eine Rentnerbeschäftigung zu sein“, erzählt Mauersberger, der Ende September 32 Jahre alt wird. Wie findet er die Motive in den Orten? „Ich gucke erstmal, was bereitwillig kommt“, sagt er. Manchmal läuft es gut, dann muss er sich disziplinieren, um nicht fünf Bilder vom gleichen Ort zu malen. Und manchmal findet er nichts, was ihn begeistert. Dann wird er wiederkommen.
Mauersberger ist in vier Gemeinden untergebracht
Mauersberger gefällt die Gegend. Vergangene Woche erwanderte er von Bockenheim aus das Eistal und die nördliche Verbandsgemeinde, diese Woche schläft er in der Jugendherberge Altleiningen und besucht die umliegenden Orte. Im Oktober übernachtet er in Dirmstein und Kirchheim, zwischendurch stellt er in Leipzig und in Plettenberg (Nordrhein-Westfalen) aus.
Für Bürgermeister Frank Rüttger ist der Input von außen wichtig. „Wir haben bewusst jemanden von extern gefragt, der einen ungefilterten Blick auf die Region werfen kann“, sagt er. Das kann dann, Stichwort Haus der Deutschen Weinstraße in Bockenheim, bei Mauersberger auch mal so klingen: „Ich muss zugeben, dass mich dieses Tor abgestoßen hat.“ Er hat es nicht gemalt.
Was ist eigentlich eine Verbandsgemeinde?
Dass die Wahl auf Mauersberger fiel, ist den Kontakten von Wolfgang Thomeczek zu verdanken. Der Inhaber des Tiefenthaler Kunstkabinetts kennt die Leipziger Professorin Annette Schröter, und trug ihr die Idee vor: Gesucht wurde eine Malerin oder ein Maler, der Lust darauf hat, 21 Orte zu malen und mit den Menschen in Kontakt zu kommen – schließlich steht die Aktion unter dem Motto „Begegnungen“. Der Professorin fiel genau ein Schüler ein, der dafür prädestiniert schien: Ihr Meisterschüler Mauersberger, der 2017 drei Monate als wandernder Maler in Uruguay verbracht hatte. Thomeczek telefonierte mit ihm – und musste erstmal erklären, was das seltsame Wort Verbandsgemeinde bedeutet.
Erste, auch unfertige, Ergebnisse seines Aufenthalts werden im Oktober bei einer Schau („Zwischenblick“) in Tiefenthal zu sehen sein, es folgt eine große Ausstellung, wenn das Projekt abgeschlossen ist. Die Verbandsgemeinde erwirbt die Rechte an den Bildern, damit sie sie später reproduzieren kann – beispielsweise als Motiv für Grußkarten oder als Faksimiles für Ehrungen. Die Ortsgemeinden können ebenfalls Ortsansichten bekommen, auch ein Bildband (eventuell mit Mundart-Gedichten) ist geplant, ein Besuch von Schulen steht ebenfalls auf der To-do-Liste. Die erste Woche war für Mauersberger produktiv – er hat schon sechs Bilder gemalt. Und er musste sich auch mit Kritik auseinandersetzen. Bei einem Kindergeburtstag in der Ebertsheimer Papierfabrik urteilte ein Mädchen – noch ehe er mit seinem Aquarell begann: „Du kannst es ja gar nicht.“ Der Leipziger mag solche Erlebnisse und er mag es, wenn die Leute sagen: „Ich habe ja keine Ahnung von Kunst.“ Denn er sieht es als seine Aufgabe an, Brücken zu bauen – und das, was auseinanderläuft zwischen der großen Kunstwelt und der Breite der Bevölkerung zusammenzubringen.
Zur Person
Heinrich Mauersberger, geboren 1987, hat von 2008 bis 2013 Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert, 2013 bis 2016 folgte sein Meisterschülerstudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Mauersbergers Beruf ist die Malerei, um dazuzuverdienen und die Versicherung zahlen zu können, arbeitet er im Küster-Team der Thomaskirche in Leipzig. „Das ist mein Dienst“, sagt er. Dort herrsche Rücksichtnahme, so dass er Beruf und Dienst gut in Einklang bringen könne.
Internet: www.heinrichmauersberger.de