Grünstadt Wagemutig und lebhaft

An der Kirchheimer Mönch-Orgel: Masaaki Suzuki, assistiert vom künstlerischen Leiter der Reihe, Dominik Wörner.
An der Kirchheimer Mönch-Orgel: Masaaki Suzuki, assistiert vom künstlerischen Leiter der Reihe, Dominik Wörner.

Ein volles Haus, ein bestechend stringentes, hochvirtuoses und interpretatorisch vollauf befriedigendes Konzert sowie brandender Beifall – so zeigte der Kirchheimer Konzertwinter mit einem Sonderkonzert des japanischen Organisten Masaaki Suzuki, dass er auch mitten im Sommer höchst attraktiv ist. Erfreulicherweise hatte man der Jahreszeit insoweit Tribut gezollt, als das Konzert eine Stunde später als sonst üblich angesetzt war.

Suzuki ist in Kirchheim kein Unbekannter: Der japanische Bachspezialist, der kürzlich die CD-Einspielung sämtlicher Bach-Kantaten nach 22 Jahren abgeschlossen hat und sich jetzt der Einspielung des gesamten Bach’schen Orgelwerks widmet, hat hier schon vielfach als Instrumentalist und Dirigent Proben seines überaus spannenden Zugriffs auf die Musik des Thomaskantors und seiner Zeitgenossen gegeben. Dessen Präludium und Fuge in Es-Dur BWV 552 rahmten das Orgelkonzert als Eröffnung und Abschluss, dazwischen gab es Luther-Choräle aufnehmende Musik unter dem derzeit allgegenwärtigen Motto „500 Jahre Reformation“. Bachs Präludium entfaltet Suzuki großartig: Es hat Wucht und ist vom ersten bis zum letzten Ton mit mitreißender, spannungsvoller Energie geladen. Es ist mächtig und stark im Klang – und doch durchscheinend und weit, man versteht alles, man vernimmt alles. Nichts geht in allzu großer Klangdichte unter. Schön hält Suzuki die Balance zwischen gebundenem und nichtgebundenem Spiel, er artikuliert die einzelnen Motive kleinräumig und plastisch im Sinne barocker Rhetorik, nimmt sich also lebendig differenzierten Sprachfluss statt klassizistischer Gleichförmigkeit zum Muster. Und immer - das zeigt sich auch im weiteren Verlauf des Konzerts – ist er um hörerfreundliche Mannigfaltigkeit des Klangs bemüht, spielt zugleich auf beiden Manualen, setzt Register verschiedenen Klangtyps gegeneinander, so dass der Hörer gut die einzelnen Stimmen auseinanderhalten kann – eine Grundvoraussetzung zum Verständnis barocker Polyphonie. Dann springt Suzuki über ein Jahrhundert zurück: Jan Pieterszon Sweelinck mit den Choralbearbeitungen über Luthers deutsches Credo „Wir glauben all an einen Gott“. Belebt und in milden Klangfarben wird die Choralmelodie vorgestellt, dann verschiedenartig variiert, zum Teil noch ganz renaissancehaft. Sparsame, solistische Registrierung schafft reizvolle und intime Klangwirkungen, manche Variation ist nur zweistimmig, aber gleichwohl so kunstvoll gesetzt, dass sie des Interpreten volle Aufmerksamkeit braucht. Es gibt imitatorische Verarbeitungen und überraschende Taktwechsel – all das gibt Suzuki frisch spritzig, keinen Moment langweilig. Ganz anders: Dietrich Buxtehudes Präludium in D-Dur BuxWV 139. Da rauschen virtuose Pedalpassagen prächtig. Vorwärtsdrängender Drive und kleine Verzögerungen treten einander, Spannung schaffend, gegenüber. Die abschließenden fantastisch-bizarren Passagen taucht Suzuki in wuchtige Expressivität. Dass das ausladende Choralvorspiel über „Nun komm, der Heiden Heiland“ und die Choralvariationen über „Komm, Heiliger Geist, Herre Gott“, demgegenüber passagenweise etwas abfallen, liegt sicher im Notentext begründet; Komponist Weckmann erfreut schließlich aber durch einen fulminanten und glänzenden Schlussteil. Zum Schluss erfreut noch einmal Johann Sebastian Bach mit hochkomplexer Musik: dem Choralvorspiel über „Jesus Christus, unser Heiland“ BWV 688, einem rasanten, gleißenden Spielwerk in den beiden Manualen über den langen Noten des Chorals im Pedal. Langsam und nahezu unauffällig beginnend steigert sich schließlich die Fuge von BWV 552 zu stringenter, beglückender Pracht.

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