Grünstadt Von Schock bis Verständnis: AfD-Stimmen in Mertesheim
Nach der Wahl: Haben die Mertesheimer Bürger eine Erklärung, warum die AfD bei den Bundestagswahlen so hoch abgeschnitten hat? Mit einem Stimmenanteil von 20,2 Prozent lag die AfD in der Gemeinde weit über dem Bundesergebnis von 12,6 Prozent.
«MERTESHEIM.» Von „geschockt über das hohe Ergebnis“ bis zu „habe Verständnis für AfD-Wähler“ sind gestern die Reaktionen bei einer RHEINPFALZ-Umfrage gewesen, die natürlich nicht repräsentativ sein kann. Redakteurin und Fotograf haben gestern Vormittag an vielen Haustüren geklingelt. Von den Personen, die die RHEINPFALZ angetroffen hat, wollten sich allerdings viele gar nicht erst zu dem Thema äußern. Viele Menschen habe die Mutlosigkeit in die Arme der AfD getrieben, findet Peter Frank. „Vielleicht wachen die großen Parteien jetzt mal auf. Ob FDP, Grüne, CDU oder SPD, das ist doch alles inzwischen ein Einheitsbrei“, erklärt der 68-Jährige. Für ihn selbst stelle die AfD allerdings keine Alternative dar. Er sei bei der Bundestagswahl am Sonntag auch gar nicht wählen gegangen. „Und wenn, dann hätte ich die Linke gewählt“, sagt Frank. „Für 20 Prozent habe ich keine Erklärung. Das ist viel“, sagt Werner Lauer, der vor 19 Jahren aus Ludwigshafen nach Mertesheim gezogen ist, zu dem Ergebnis. „Es gibt im Ort nur wenige Flüchtlinge und diese Familien sind super integriert. Mir sind auch keine Aufmärsche oder Kundgebungen von AfD-Anhängern aufgefallen“, zeigt sich der 73-Jährige, der am Sonntag seine Stimme abgegeben hat, ratlos. Für eine Trotzreaktion hält Wunibald Abele (75 Jahre) das hohe Abschneiden der AfD in Mertesheim. Obwohl er die Beweggründe der AfD-Wähler nachvollziehen könne. Diese seien nicht nur abhängig vom Verdienst der Leute. Kritisch sieht er unter anderem die Flüchtlingsfrage: „Die Politik der großen Parteien ist nicht gerecht. Wir haben hier doch selbst viele arme Leute, für die man was tun muss“, findet Abele, der wählen gegangen ist. „Es ist erschreckend, dass es so viele AfD-Wähler hier gibt“, sagt Dominik Benninghoff, der seit vier Jahren wieder in Mertesheim lebt und auch seine Kindheit dort verbracht hat. „Man fragt sich schon, warum die Leute in Mertesheim so unzufrieden sind, oder warum sie glauben, sie würden vielleicht gegenüber den Flüchtlingen benachteiligt. Aber im Grunde gibt es hier keine schlüssige Erklärung dafür.“ Das Bundesergebnis gebe trotzdem die Stimmung, die vor Ort herrsche, wieder. Bei der Rentenpolitik, vor allem was den Osten betreffe, solle die Bundesregierung jetzt aber genau hinschauen und das Ergebnis der AfD als Mahnung nehmen, sagt Benninghoff (36), der am Sonntag gewählt hat. Angst vor der Zukunft, die Sicherung der Renten und das Flüchtlingsthema sei für viele wahrscheinlich der Grund, AfD zu wählen, glaubt Birgit Deubert. Obwohl es hier im Ort selbst keine Gründe gebe: „Die Flüchtlinge sind gut integriert. Deren Kinder gehen in Ebertsheim zur Schule und in den Kindergarten“, sagt die 60-Jährige. Er habe die AfD gewählt, sagt Rainer Schuck. Gut finde er an der Partei, dass sie für die Rente nach 45 Beitragsjahren sei und sich für eine Demokratie nach Schweizer Modell mit Volksbegehren einsetze. „Die Flüchtlingskrise, die packen wir nicht. Das knackt unser ganzes Sozialsystem. Das, was mein Vater mit vielen Überstunden aufgebaut hat, wird kaputtgemacht“, erklärt der 53-Jährige. Er sei am vergangenen Sonntag überhaupt zum ersten Mal in seinem Leben zur Wahl gegangen, sagt Schuck. „Ich dachte, mich trifft der Schlag, als ich das Ergebnis gesehen habe“, sagt Angelika Hinkel. Sie ist der Ansicht, dass das alles Protestwähler sein müssten. Im Ort selbst gebe es keinen Grund, alle hätten doch ihr Auskommen. „Das hätte ich in dieser Höhe nicht vermutet“, meint die 65-Jährige. Mertesheim in Zahlen In der Gemeinde Mertesheim leben nach Angaben des Statistischen Landesamts 420 Menschen (Stichtag 31.12.2015). Davon sind 205 Frauen und 215 Männer. 387 sind Deutsche, 42 Menschen Ausländer. 78 Personen sind unter 20 Jahre alt, 274 sind 20 bis 64 Jahre und 68 sind über 65 Jahre alt.