Sausenheim Unsere tägliche Predigt gib uns heute: Telefonandacht hat viele treue Hörer
Sie sind aus der Not und der Langeweile heraus geboren worden: die digitalen Angebote der protestantischen Kirchengemeinde Sausenheim-Neuleiningen. Im Frühjahr 2020, als ein damals noch kaum bekanntes Virus die Welt in Atem hielt und für massive Einschränkungen im gesellschaftlichen Leben sorgte, gingen die – mittlerweile wieder eingestellte – Youtube-Reihe mit dem Titel „Mittwoch mit Gott“, eine Serie von 45-minütigen Gottesdienst-Videos sowie die tägliche Telefonandacht an den Start.
Die Idee zu Letzterem hatte Max Niessner, dem wegen Corona über Nacht sein Vikariatsprojekt geplatzt war – der junge Mann wollte eigentlich zwei Monate lang in der Pflegeeinrichtung Bethesda in Landau arbeiten. Er machte den Vorschlag zu einem „Gottesdienst in 180 Sekunden“, der jeden Tag per Telefon abgehört werden konnte, wie sich Pfarrer Christopher Markutzik erinnert. Dem Pastor war so ein Format nicht fremd, denn er hält schon seit 2008 morgendliche Radioandachten auf den Sendern RPR1 und Rockland. Und Niessner, Mitglied einer Band, verfügt über das notwendige technische Equipment und Know-how.
Am 18. März 2020 war Premiere
Angedacht – getan. Am 18. März 2020 war Premiere. Der erste Predigttext war von Niessner. „Anfangs waren wir fünf evangelische Autoren“, erzählt Markutzik. Relativ schnell seien dann aber katholische Geistliche dazu gekommen, sodass das Team auf neun Köpfe anwuchs. „Heute sind wir etwa 25 Leute zwischen 25 und 70 Jahren aus Grünstadt und Bad Dürkheim – unter anderem auch aus Weisenheim am Sand, Friedelsheim und Birkenheide“, zählt der Pfarrer auf.
Mindestens 150 Menschen hörten sich die tägliche Andacht an – und das, obwohl zu Beginn der Anrufbeantworter einer Fritzbox besprochen wurde. Da konnte immer nur einer darauf zugreifen und für alle anderen war besetzt. Heute läuft das über den Service eines Telekommunikationsunternehmens, der für Gewerbebetriebe konzipiert wurde. „Da können zahlreiche Anrufer gleichzeitig bedient werden“, sagt Markutzik.
Abwechslungsreiches Programm
Die Autoren werden in Drei-Monats-Sendeplänen möglichst gerecht eingeteilt. „Das organisiert aktuell Kerstin Waldenmaier, eine bei mir angestellte Theologiestudentin“, berichtet der 47-Jährige. Für die Andachten gibt es Vorgaben. Sie sollen möglichst etwa 180 Sekunden lang sein, was 3000 bis 3500 Zeichen entspricht, und der Ablauf hat fünf Teile: Bibelvers, Kurzvorstellung des Vortragenden, Predigt, Gebet und Segen. Die Pastorin Traude Prün und die inzwischen verabschiedete Pastoralreferentin Dominique Haas entwickelten Andachtreihen mit verschiedenen Themenschwerpunkten. Durch unterschiedliche Charaktere und das breite Altersspektrum der Teilnehmenden ergibt sich laut Markutzik ein abwechslungsreiches Programm, das sogar mitunter heiter ist.
Der Sausenheimer Pfarrer hat Zugriff auf alle Daten, die hochgeladen werden, und kann so tagesaktuell reagieren. Das nutzte er zum Beispiel am 24. Februar dieses Jahres, als Putin die Ukraine überfiel. „Da kam ich aber mit drei Minuten Predigt nicht aus“, berichtet er von dem Ereignis, das ihn sehr beschäftigte. Der Pastor verlieh in seinem Text seiner Fassungslosigkeit über diesen Krieg mitten in Europa Ausdruck. Er klagte den „Bruch des Völkerrechts“ an, betonte, dass Krieg keine Lösung sein könne, und forderte die Gläubigen auf, zu beten: „Lasst Gott unsere Sorgen hören.“ Zudem zitierte er das Lied von Jan Nooter „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“.
Am heutigen Donnerstag geht die 1000. Telefonandacht ins Netz – und laut Markutzik wird es ganz bestimmt auch noch eine 2000. geben. „Wir haben eine sehr treue Hörerschaft, für die es eine liebgewonnene Gewohnheit geworden ist, morgens anzurufen.“
Telefonandacht
Rufnummer 06359 9535292.