Grünstadt „Umsteigen in die Zukunft“

Der Landkreis Bad Dürkheim hat eine Auspendlerquote von 64,5 Prozent. Laut statistischem Landesamt sind dies rund 32.300 Auspend
Der Landkreis Bad Dürkheim hat eine Auspendlerquote von 64,5 Prozent. Laut statistischem Landesamt sind dies rund 32.300 Auspendler. Der Großteil pendelt nach Ludwigshafen.
Herr Tachkov, Sie wohnen in Wachenheim und arbeiten in Ludwigshafen. Wie legen Sie die rund 25 Kilometer zurück?

Teils mit dem Auto, teils mit dem Rad. Weil ich mit dem Rad zu lange für die Strecke brauche, so etwa eine Stunde, habe ich mir jetzt ein S-Pedelec – also ein schnelles E-Rad – gekauft. Künftig bin ich damit deutlich schneller unterwegs und brauche daher kein Auto mehr – zumindest für den Weg zur Arbeit. Ganz vorbildlich im Sinne des Projekts. Ganz genau. Es gehört dazu, dass man das vorlebt. Zu viele Leute fahren mit dem Auto zum Job. Wie lässt sich das ändern? Der Fokus des Projekts liegt auf der klimafreundlichen Mobilität und knüpft auch an das Ereignis des Hochstraßenabrisses an. Es geht künftig darum, ein gutes Gesamtangebot bereitzustellen – damit ein Umsteigen in die Zukunft gelingt. Konkret bedeutet das? Es reicht nicht, einen Teil einer Wegstrecke zu gestalten, etwa einen guten Radweg, wenn dann am Ende die entsprechenden Einrichtungen am Arbeitsplatz wie Duschen, Umkleiden oder auch ein Reparaturservice fehlen. Dafür müssen wir Anreize schaffen. Das Gesamtpaket muss stimmen. Es muss so attraktiv sein, dass man umsteigen möchte. Vielleicht sogar, dass der Weg zum Arbeitsplatz zum Erlebnis wird. Das Gleiche gilt für den öffentlichen Nahverkehr, auch da gibt es Verbesserungsmöglichkeiten. In der Studie wollen wir die Perspektive der Nutzer einnehmen und herausfinden, welche Bausteine wir anpacken müssen. Das ist der Ausgangspunkt. Also ein ganzheitlicher Ansatz? Ganz genau. Wir betrachten alle möglichen Komponenten, die dazu führen, dass Alternativen wie Fahrräder, Pedelecs, E-Bikes, Busse oder Bahnen attraktiver werden im Vergleich zum Status quo Autofahren. Da gibt es diverse Bestandteile. Wichtig ist dabei auch die Infrastruktur und wie man Verkehrsmittel verknüpfen oder kombinieren kann, also der intermodale Verkehr. Es geht um gute Zukunftslösungen und die Frage, welche Bedürfnisse und Präferenzen die Menschen haben. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die eigentlich bereitwillige Leute hindern, das Auto öfter Mal oder immer stehen zu lassen. Für zum Beispiel eine verstärkte Rad- und E-Bike/Pedelec-Nutzung ist die Vorderpfalz mit ihrem flachen Gelände ja geradezu ideal. Wie ermitteln Sie Pendler-Wünsche? Wir haben große Arbeitgeber als Partner und die Verwaltungen aus Ludwigshafen und dem Rhein-Pfalz-Kreis mit im Boot. Bei den Mitarbeitern dieser Institutionen werden wir unsere Daten erheben und haben da einen innovativen Ansatz. Und der sieht wie aus? Wir machen nicht irgendeine Befragung nach dem Motto „Was hättet ihr gerne, damit ihr künftig mit dem Rad fahrt?“ Stattdessen werden wir Online-Experimente durchführen. Diese ermöglichen es, die Auswahl zwischen verschiedenen Verkehrsmitteln und Mobilitätsoptionen – ÖPNV, Fahrrad/E-Bike, Fahrgemeinschaften, Auto und so weiter – zu simulieren. Dabei können die zur Auswahl gestellten Mobilitätsoptionen unterschiedlichste Ausgestaltungen annehmen. Aufgrund des erfassten Auswahlverhaltens können wir dann ermitteln, welchen Nutzen verschiedene denkbare Maßnahmen und Maßnahmenpakete den Pendlern stiften. Angelegt ist die Studie auf zwei Jahre – ein recht langer Zeitraum. Wir gehen bei der Studie natürlich auch auf die einzelnen Standorte ein. Von daher haben wir mehrere ähnliche, aber eben auch individuelle Untersuchungen. Das dauert seine Zeit. Im zweiten Jahr wird es dann Konzeptbeschreibungen geben, die zeigen, welche Kombinationen von Maßnahmen besonders interessant sind und wie diese konkret umgesetzt werden können. Die Umsetzungen selbst sind nicht Teil des Projekts – hier sind dann im Anschluss die Projektpartner gefragt. Ich packe also mein Rad in den Van, besteige mit ihm die S-Bahn und radle dann in Ludwigshafen angekommen zu meinem Arbeitgeber – wäre das so eine Kombination? Ja, wenn man die S-Bahn-Station nicht direkt vor der Haustür hat. Möglicherweise stellt sich in diesem Fall die Frage, wo man sein Rad beim Arbeitgeber geschützt abstellen oder wo man sich umziehen kann. Auch das müssen wir bei unseren Überlegungen berücksichtigen. Es geht quasi um den Weg von der Haustür bis zum Bürostuhl? Genau. Ludwigshafen sollte sein Radwegenetz weiter ausbauen, große Arbeitgeber sollten ein Jobticket anbieten, die Verkehrsbetriebe mehr Expresszüge einsetzen – könnten derlei Vorschläge Ergebnisse der Studie sein? Ja, klar. Diese Bereiche werden bereits optimiert. Es passiert schon viel. Es geht aber vor allem darum, welche Kombinationen von Gesamtmaßnahmen den größten Gesamtnutzen bringen. Wir können Hinweise darauf geben, wo ein spezieller Bedarf besteht. Ein Schwerpunkt wird sicher die Förderung des Fahrrad- und E-Bike/Pedelec-Verkehrs sein. Potenzial gibt es auch bei den Fahrgemeinschaften. Da sind die Beteiligungsquoten nicht so hoch wie erhofft. Neben der Kombination der Verkehrsmittel sind das die Hauptpfeiler des Ganzen. Wie ist es denn bei Ihrem Arbeitgeber? Nach 25 Kilometern im Sattel sind Sie sicher verschwitzt. Bietet die Hochschule Ludwigshafen Duschmöglichkeiten an? Leider nein. Deshalb ist die Hochschule ja auch mit im Boot. Beim anstehenden Campus-Neubau könnten die Voraussetzungen geschaffen werden, dass künftig nicht so viele Leute wie bisher mit dem Auto kommen.

Philipp Tachkov
Philipp Tachkov
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