Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Therapeuten im Leiningerland fehlen bis zu 90 Prozent ihrer Patienten

Die Corona-Krise bringt die Heilmittelerbringer wie die Ergotherapeutin Marion Böhnert, die in Wattenheim und Frankenthal prakti
Die Corona-Krise bringt die Heilmittelerbringer wie die Ergotherapeutin Marion Böhnert, die in Wattenheim und Frankenthal praktiziert, in Existenznot. Hier behandelt sie Deniz Erbug gegen Lähmungen.

Während der Corona-Krise sind die Mitarbeiter im medizinischen Bereich sehr stark gefordert. Große Probleme haben allerdings die Heilmittelerbringer wie Physio- und Ergotherapeuten. Sie sind durch die Pandemie in Existenznöte geraten. Über Ostern hat Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei den Hilfen nachjustiert.

„Wir sind in einer prekären Lage“, sagt Marion Böhnert, Ergotherapeutin und Masseurin, die ihre Dienste in Wattenheim und Frankenthal mit vier Angestellten anbietet. Von ihren rund 80 Patienten kämen gegenwärtig nur noch acht. „Aus Angst vor dem Virus sagen die Leute ihre Behandlungstermine ab“, erklärt die 55-Jährige. Das sei den Menschen nicht zu verdenken, denn oft handele es sich ja um Personen aus der Hochrisikogruppe. Aber die Einnahmen, die nur nach dem Erbringen der auf den Rezepten vermerkten Leistung fließen, seien zu 90 Prozent weggebrochen. Die monatlichen Kosten im fünfstelligen Bereich liefen jedoch weiter. Da nützen die 9000 Euro Soforthilfe des Bundes nicht viel. Zudem kann Böhnert derzeit keinen einzigen Euro in ihrer Massagepraxis verdienen, die auf behördliche Anordnung geschlossen werden musste.

Praxen müssen geöffnet bleiben

Da Krankengymnasten, Ergo- und Ernährungstherapeuten, Logopäden und Podologen (medizinische Fußpfleger) als Vertragspartner der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) systemrelevant sind, müssen sie – wie die Ärzte – ihre Praxen offenhalten. „Als Niedrigverdiener können wir uns jedoch kein finanzielles Polster anlegen. Spätestens im Mai muss ich aufgeben“, klagt die Pfälzerin, die befürchtet, dass etliche Heilmittelerbringer Insolvenz anmelden müssen. Dann wäre die Versorgung von Patienten unter anderem nach Schlaganfällen und Operationen sowie mit chronischen Krankheiten wie Multiple Sklerose, Mukoviszidose oder Parkinson nicht mehr gewährleistet, warnt sie. „Die Politik nimmt das Verschwinden der Therapiepraxen in Kauf“, sagt Böhnert. Die Krankenversicherungen müssten Ausfallzahlungen leisten.

Diese seien „längst überfällig“ heißt es in einer Pressemitteilung des in Köln ansässigen Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV). Mit den Soforthilfen von 9000 Euro bei bis zu fünf Angestellten und 15.000 Euro bei maximal zehn Mitarbeitern könnten die Praxen nicht gerettet werden. Darlehen seien auch keine Lösung, da diese „nach der historisch schlechten Einkommenslage nicht zurückgezahlt werden können“. Der SHV fordert deshalb Ausgleichszahlungen. Die Kosten für Physio- und Ergotherapie, Logopädie und Podologie seien im Haushaltsplan der Krankenversicherungen eingeplant. Das Gros des Geldes, das derzeit nicht abgerufen wird, sollte den Heilmittelerbringern zukommen, so der SHV.

Regelungen befristet gelockert

Janka Hegemeister, Pressereferentin des GKV-Spitzenverbandes, erklärt auf RHEINPFALZ-Anfrage: „Wir haben bereits zusammen mit den Kassenverbänden auf Bundesebene die Bereitschaft erklärt, zeitlich befristet von den bisherigen Regelungsvorgaben der Versorgung mit Heilmitteln abzuweichen.“ Es drohe kein Verlust der Zulassung, wenn aufgrund der Pandemie einzelne Kriterien nicht erfüllt werden könnten. „Die Erbringung der Therapie kann flexibler gestaltet werden. Dazu bleiben einige Vorgaben der Heilmittelrichtlinien ausgesetzt“, so Hegemeister. Darüber hinaus machten sich Politik und Kassen Gedanken, ob über die staatlichen Sofortmaßnahmen hinausgehende Hilfen notwendig seien.

Diese Überlegungen sind über Ostern konkret geworden: In diesen Tagen soll eine neue Verordnung in Kraft treten, wonach die Heilmittelerbringer 40 Prozent der Vergütung aus dem vierten Quartal 2019 als Einmal-Zuschuss erhalten sollen. Auch die Grünstadter Physiotherapeutin Nadia Russek hat sich eine solche Finanzspritze gewünscht. Russek, die sich auf Säuglinge und Kinder mit schlimmen Erkrankungen spezialisiert hat, bestätigt, dass gegenwärtig 80 bis 90 Prozent der Behandlungen nicht stattfinden. So könne sie beispielsweise nicht mehr Menschen mit Behinderungen in den Einrichtungen der Lebenshilfe betreuen. Die Erleichterungen wie Videobehandlungen seien in den meisten Fällen nicht zielführend, „da ich nicht korrigierend eingreifen kann“. Von ihren sechs Mitarbeitern sei eine Frau in Elternzeit, die übrigen in Kurzarbeit.

Man müsse „ans Eingemachte gehen“

Ohne Hilfen erwartet Wieland Suchomelli, der in Grünstadt eine Krankengymnastikpraxis hat, „viele Insolvenzen“. Er selbst müsse gegenwärtig „ans Eingemachte gehen“, um die Kosten zu decken, bis sein Antrag auf Soforthilfe bewilligt ist. Auch bei Suchomelli bleiben rund 80 Prozent der Patienten weg. „Sogar ganz akute Fälle, wie jemand, dem gerade ein künstliches Kniegelenk implantiert wurde“, erzählt er.

„Es kommen von Woche zu Woche weniger Patienten“, beschreibt der Eisenberger Physiotherapeut Ron Mauritsz die Situation. „Die Rezepte laufen aus.“ Bei Hausbesuchen wäge er sehr genau ab, ob es den Betreffenden zuzumuten sei, dass er kommt. Das Einhalten der Hygienevorschriften sei sehr aufwendig. Die monatlichen Fixkosten von rund 2500 Euro deckt Mauritsz, dessen Teilzeitkraft momentan zuhause ist, im Wesentlichen über Ersparnisse.

Noch halte er durch, sagt Physiotherapeut Egon Reuther, der seit 35 Jahren eine breite Palette an Therapien in Eisenberg anbietet. Rechne er die ausfallenden Hausbesuche und Behandlungen von Pflegeheim-Bewohnern ein, fehlten ihm circa 70 Prozent der Patientenkontakte. Reuther weiß jedoch, „dass es bei vielen Kollegen noch schlimmer aussieht“. Nun plant Gesundheitsminister Spahn die Verluste bei den Heilmittelerbringern abzufedern und deren Liquidität zu sichern.

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