Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Syrer sollen türkische Moschee attackiert haben: Wie viel davon wahr ist

Hier gab es nach dem EM-Spiel der Türkei gegen die Niederlande zwei Leichtverletzte: Moschee-Komplex in der Grünstadter Bitzenst
Hier gab es nach dem EM-Spiel der Türkei gegen die Niederlande zwei Leichtverletzte: Moschee-Komplex in der Grünstadter Bitzenstraße.

Das Gerücht lässt an einen Anschlagsversuch denken: Syrer sollen Grünstadts türkische Moschee angegriffen, dabei Messer benutzt haben. Tatsächlich rückte die Polizei nach einem EM-Spiel zu einem größeren Einsatz an, nun laufen Verfahren gegen mehrere junge Männer. Allzu hoch hängen wollen die Ermittler die Sache trotzdem nicht.

In der ersten Halbzeit können die Fußball-Gucker im Komplex des türkisch-islamischen Kulturvereins in Grünstadt noch jubeln: In der 35. Minute des EM-Spiels gegen die Niederlande geht ihre Mannschaft in Führung. Doch nach der Pause wendet sich das Blatt: Innerhalb weniger Minuten kassieren die Türken zwei Gegentore, mit dem Schlusspfiff der Partie am 6. Juli ist das Turnier daher für sie vorbei. Und in der Bitzenstraße kommt es zu einem unsportlichen Nachspiel.

Triumph-Hupen vor Moschee

Denn vor dem Moschee-Anwesen fährt mehrfach ein hupendes Auto vorbei. Die Insassen: junge Syrer, die schließlich auch anhalten und aussteigen. Es kommt zum Gerangel, die Polizei rückt an – und muss Verstärkung aus Nachbar-Dienststellen anfordern. Denn sie hat es eigener Zählung zufolge mit etwa 30 Menschen zu tun, die sich anschreien. Und auf türkischer Seite gibt es auch noch zwei Leichtverletzte. Sie haben Pfefferspray abbekommen, das einer der Syrer versprüht haben soll.

Immerhin: Den Beamten gelingt es, die Lage ohne eigenen Gewalteinsatz zu beruhigen. Doch anschließend unterläuft ihnen ein Versäumnis. Eine Sprecherin räumt ein: Nach den üblichen Maßstäben hätten die Einsatzkräfte hinterher die Öffentlichkeit über diesen Vorfall informieren müssen. Doch im Trubel jener Nacht habe dafür die Zeit gefehlt. Kreise zieht die Sache anschließend trotzdem, zunächst vor allem unter den Türken und türkischstämmigen Menschen in der Region.

Türken eilen in die Bitzenstraße

Einer aus ihren Reihen sagt: Die Nachricht von einem Angriff auf die Moschee in Grünstadt hatte sich binnen weniger Minuten unter ihnen verbreitet, Dutzende weitere Landsleute aus der Umgebung hätten sich deshalb sofort auf den Weg in die Bitzenstraße gemacht. Und brenzlig war die Stimmung beim EM-Spiel gegen die Niederlande ja ohnehin schon. Schließlich gab es zuvor den „Wolfsgruß“-Eklat. Die Geste gilt als Erkennungszeichen türkisch-nationalistischer Extremisten.

Dem Spieler Merih Demiral hatte ihre Verwendung beim Torjubel eine Uefa-Sperre eingebrockt, was wiederum viele seiner Landsleute empört hatte. Und das Verhältnis zu Syrern ist erst recht angespannt: In der Türkei kam es zuletzt verstärkt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Flüchtlingen aus dem Nachbarland. In Grünstadt befeuert die Gerüchteküche später zudem der Hinweis, dass die Syrer auch Stichwaffen verwendet hätten.

Klappmesser am Schlüsselbund

Tatsächlich hat die Polizei bei ihnen Messer gefunden: Eines mit neun Zentimetern Klingenlänge lag im Fußraum ihres Autos. Und ein weiteres mit vier Zentimeter langer Klapp-Klinge trug einer der jungen Männer an seinem Schlüsselbund. Die Ermittler gehen auch davon aus, dass die Provokateure ihren Kontrahenten während der Auseinandersetzung ein Messer zeigten. Allerdings: Zugestochen hat niemand. Und ein wirklich politisches Motiv schreibt die Polizei den Syrern auch nicht zu.

Sie verbucht den Zusammenstoß mittlerweile eher als typische Auseinandersetzung zwischen Anhängern rivalisierender Fußball-Mannschaften. Ein Beleg dafür: Als sie vor der Moschee aufkreuzten, schwenkten die Provokateure eine niederländische Fahne. Und auch im Streit mit ihren Kontrahenten haben sie offenbar vor allem über die Niederlage der türkischen Kicker gespottet. Als mutmaßliche Straftäter gelten die Syrer im Alter von 19, 22 und 25 Jahren nun aber trotzdem.

Reumütig zum Imam

In den Verfahren gegen sie geht es um Delikte wie gefährliche Körperverletzung, Bedrohung, Beleidigung. Und um Sachbeschädigung, weil im Gerangel auch eine Werbetafel zerborsten sein soll. Allerdings zeichnet sich schon ab, dass die in Grünstadt lebenden Männer glimpflich davonkommen dürften. Nach Polizeiangaben haben sie sich mittlerweile reumütig beim Imam der Moschee gemeldet, demnach möchten sie ihre Kontrahenten offiziell um Verzeihung bitten.

Ob ihnen die Möglichkeit gewährt wird, lässt der Vorstand des türkisch-islamischen Kulturvereins der RHEINPFALZ gegenüber offen. Denn er will sich zum Konflikt mit den Syrern überhaupt nicht äußern. Den Ermittlern zufolge hat die Organisation der Polizei aber bereits mitgeteilt, dass sie an einer Bestrafung der jungen Männer nicht interessiert ist.

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