Grünstadt / Sausenheim RHEINPFALZ Plus Artikel Studenten suchen nach mediterranen Pflanzen im Leiningerland

Christophe Neff (mit Schlapphut) und seine Geografie-Studenten vor einem verwilderten Wingert in Sausenheim, der neben anderen A
Christophe Neff (mit Schlapphut) und seine Geografie-Studenten vor einem verwilderten Wingert in Sausenheim, der neben anderen Aufgaben auf ihrer To-Do-Liste steht.

Eigentlich hätte es für eine Gruppe Studenten rund um den Grünstadter Geografen Christophe Neff dieses Jahr zum Praktikum nach Südfrankreich gehen sollen. Da die Pandemie dies nicht zulässt, sind sie stattdessen in der Pfalz gelandet, die ja manchem als deutsche Toskana gilt. Genau der richtige Ort, um nach mediterranen Pflanzen zu suchen?

Ein bisschen traurig ist die Geschichte schon – und zugleich typisch für die Irrungen und Wirrungen dieser Zeit: Schon im Frühjahr hätten elf angehende Geografie-Lehrer und ein Geo-Ökologe des Karlsruher Instituts für Technologie nach Leucate in Südfrankreich reisen sollen, um ein geobotanisches Kartierpraktikum zu absolvieren. Im Wesentlichen bedeutet das, dass sie sich mit der dortigen Flora auseinandergesetzt, sie katalogisiert und kartiert hätten. Im schönen Okzitanien, mit einer Unterkunft nur rund 100 Meter vom Meer entfernt. Stattdessen haben sich einige von ihnen nun in einer Ferienwohnung in Großkarlbach einquartiert und andere pendeln diese Woche jeden Tag von Karlsruhe nach Grünstadt, Sausenheim oder Herxheim.

Das Praktikum wurde erst zeitlich und dann auch örtlich verlegt, weil die Inzidenz rund um Leucate sehr hoch ist – aktuell liegt sie laut dem Landschafts- und Feuerökologen Christophe Neff bei mehr als 500. Da nicht all seine Studenten voll durchgeimpft sind, will er das Risiko nicht eingehen und hat die jungen Leute stattdessen in den Schwarzwald und in die Pfalz geholt. Nicht das Gleiche wie Okzitanien, aber einige Studenten versichern, dass sie trotzdem froh sind, endlich mal wieder rauszukommen und ein bisschen was Praktisches zu machen.

Mediterrane und exotische Pflanzen im Fokus

Ihre aktuellen Aufträge lauten unter anderem, eine Vegetationskarte des Grünstadter Stadtparks und ein Baumkataster der Ausgleichsfläche beim Kreuz 2000 zu erstellen. Außerdem sollen sie die Pflanzen auf dem Sausenheimer Kreisel aufnehmen, den Schotterkörper der ehemaligen Bahnlinie Grünstadt-Altleiningen untersuchen und eine brachliegende Rebfläche beim Sausenheimer Friedhof unter die Lupe nehmen. Dabei gilt ein besonderes Interesse mediterranen und submediterranen sowie exotische Pflanzen, die ihren Weg ins Freie gefunden haben – begünstigt durch den Klimawandel mit seinen wärmeren Temperaturen.

„Überwiegend stehen diese Pflanzen hier in der Gegend noch in Gärten und Parks“, erzählt Neff. Mittlerweile komme es aber immer öfter vor, dass sie über die Zäune und Mauern hinaus wandern und sich in Siedlungsräumen ausbreiten. Damit seine Studenten einen Eindruck von der Vielfalt der mediterranen Pflanzen bekommen und sie sich live ansehen können, war die Gruppe am Mittwochvormittag in Ladenburg bei der Baumschule Huben, die in dem Bereich ein riesiges Angebot hat. Allerdings kennt sich Neff auch in Grünstadt sehr gut aus und weiß daher, wo man auch hier interessante Beispiele finden kann.

Ölbäume sind echte Klimazeiger

So hat der Landschaftgeologe im Stadtbereich zehn Öl- oder Olivenbäume auf dem Schirm, von denen zwei bis vier den Kreislauf bis hin zur Frucht vollziehen. „So etwas gab es hier früher nicht“, sagt Neff. Das sei erst durch den Klimawandel möglich geworden, denn Ölbäume könnten nicht existieren, wo die Temperaturen im Winter auf -14 bis -17 Grad sinken würden. „Es handelt sich daher um echte Klimazeiger“, erklärt der promovierte Geologe. Ein recht stattliches Exemplar steht auf dem Sausenheimer Friedhof, wo es im Winter keinen Schutz gibt. Der Parkplatz vor besagtem Friedhof ist zugleich der Punkt, von dem die Studenten am Donnerstag ausschwärmen, um ihre Aufgaben zu erledigen.

Im Dreiergespann sind Felix Kreutz, Anna-Lea Seger und Andreas Denzel unterwegs, die sich in Sausenheim um das Schotterbett der ehemaligen Bahnlinie und einen brachliegenden Wingert kümmern. Um Projekt zwei haben sich die Studenten nicht gerade geschlagen, wie die Sausenheimer Gruppe schmunzelnd berichtet. In die verwilderte Rebfläche mit allerlei Gestrüpp und übermannshohen Brennnesseln müsste man quasi mit der Machete reinschlagen – was sie natürlich nicht tun.

Schotterbett als interessanter Lebensraum

Projekt eins ist für den im Master-Studiengang befindlichen Kreutz zugleich spannend und ernüchternd. Spannend, weil der noch vorhandene Schotter der mittlerweile aufgegebenen Bahnlinie für ein spezielles Mikroklima sorgt. Die Steine heizen sich über den Tag auf und geben bis spät in die Nacht Wärme ab, sodass sie gute Bedingungen für Pflanzen aus südlicheren Gefilden und zum Beispiel auch Eidechsen bieten. Ernüchternd, weil hier wie an vielen Stellen in Deutschland eine Strecke stillgelegt wurde, die man für einen nachhaltigen, CO 2 -armen Güterverkehr und gut brauchen könnte.

Auch Neff ist kein Freund der Stilllegung und weist mit einem Kopfschütteln darauf hin, dass es dem Stadtrat damit seinerzeit gar nicht „schnell genug gehen konnte“. Zwischenzeitlich sei die Rede davon gewesen, das ehemalige Gleisbett könne zu einem Radweg umfunktioniert werden. Ein Plan, der nun aber bei den Akten liege. Der Schotter blieb also, wo er ist, und auf ihm wachsen alldieweil verschiedenste Pflanzen. Die obligatorischen Brombeeren beispielsweise, Waldreben, Lattich-Arten und dergleichen mehr. All das werden die Studenten in ihre Karte aufnehmen, wenn sie den Bahndamm abgehen und in Quadranten aufteilen, um Stichproben der Vegetation zu nehmen.

Aus den Gärten in die Freiheit

Aber nicht nur heimische Arten kommen auf dem Schotter vor, womit wir wieder beim besonderen Schwerpunkt des Praktikums wären: Auch eine ziemlich beeindruckende Kerzen-Palmlilie, Kreuzblättrige Wolfsmilch und rotblühende Spornblumen stechen ins Auge. Alles Pflanzen, die eigentlich aus südlicheren Gefilden stammen – die Letztere sogar klassisch aus dem mediterranen Raum. Wie sie ihren Weg auf den Schotter gefunden haben, ist zumindest bei der Lilie und der Spornblume schnell erklärt: Sie wachsen auch in den Gärten, die sich direkt an das ehemalige Gleisbett anschließen.

Gestern im Garten, heute auch in der direkten Nachbarschaft und morgen vielleicht im ganzen Siedlungsraum. Auch das ist eine Folge des Klimawandels.

Anna-Lea Segers bei der Arbeit im pfälzischen Dickicht.
Anna-Lea Segers bei der Arbeit im pfälzischen Dickicht.
Kerzen-Palmlilie
Kerzen-Palmlilie
Rotblühende Spornblume
Rotblühende Spornblume
Kreuzblättrige Wolfsmilch
Kreuzblättrige Wolfsmilch
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