Grünstadt Putin mit Regenschirm
chluss, aus, erledigt. Die Weltmeisterschaft 2018 in Russland ist offiziell zu Ende. Vorbei die wunderbaren Wochen mit prachtvoll gefüllten Stadien, fesselnden 1:0-Siegen und gesellschaftlich akzeptiertem Alkoholismus zur Mittagszeit. Mannschaften und Fans sind schon längst wieder abgereist, die Spuren der 15 französischen Fans nach dem WM-Sieg (drei leere Flaschen Wein und eine Vuvuzela) inzwischen beseitigt und Emmanuel Macrons Anzug ist getrocknet. Lediglich die kroatische Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarovic streift angeblich noch immer völlig aufgelöst durch Moskaus Straßen und umarmt jeden, der ihr über den Weg läuft. Für alle Nicht-Staatschefs gilt hingegen: Es ist an der Zeit, sich wieder der Tagesordnung zu widmen – auch, wenn es schwerfällt. Die deutschen Medien und Fußballexperten gehen hier bereits mit gutem Beispiel voran, üben sich in schlechter Laune, gegenseitiger Selbstzerfleischung und Machtkämpfen. Gut so! Auch in Russland werden die überdimensionierten Stadien bald ihre wahre Bestimmung finden und in den kommenden Jahrzehnten ein Dasein als Mahnmale politischer Großmannssucht fristen. Wenn sie nicht gerade vier- bis fünftausend Zuschauern ein wundervolles Panorama in der zweiten russischen Liga bieten, können sie wahlweise auch – je nach politischer Entwicklung – als erfrischende Kulisse für Schauprozesse jedweder Art dienen. Herrlich. Doch was bleibt sonst übrig von der „besten Weltmeisterschaft aller Zeiten“ (FIFA-Präsident Gianni Infantino)? Vermutlich, dass es nicht die beste Weltmeisterschaft aller Zeiten war – was mit Sicherheit nicht an den Randfiguren dieser WM lag. Diego Maradona, Pussy Riot oder der deutsche Betreuerstab beim Spiel gegen Schweden: Sie alle gaben am Spielfeldrand Vollgas. Das Spektakel auf dem Platz hielt sich indes in Grenzen. Ergebnisse wie Englands 6:1 gegen Panama, die an jedem Kreisklassespieltag zum guten Ton gehören, blieben Mangelware. Stattdessen dominierten Standardsituationen, Mittelfeldpressing und Putin mit Regenschirm. Sinnbildlich für den Turnierverlauf dürfte wohl Luka Modrics monotoner Gesichtsausdruck bei der Entgegennahme diverser Ehrungen nach dem Finale sein. Immerhin: In viereinhalb Jahren erwartet uns dann ein Fußballspektakel der besonderen Art. Ohne lästige Begleiterscheinungen wie stimmungsvolle Stadien, gemeinsame Grillabende mit Freunden oder Menschenrechte. Ich freue mich schon darauf! Die Kolumne Unser Autor kann auf eine lange und erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er wöchentlich über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso auf dem Platz.