Grünstadt
Neues Leben für altes Backsteinhaus
„Es wäre schade, wenn dieses Haus abgerissen würde“ – das war der Gedanke von Juliane und Thomas Geib, als sie vor drei Jahren das helle Backsteinhaus in Bahnhofsnähe kauften. Es wurde jahrzehntelang von der Bahn genutzt. Schilder, Aufkleber und eine Trafostation für die Weichenheizung, die im Haus zu finden sind, zeugen heute noch davon. Wann das Gebäude gebaut wurde, wissen die Geibs nicht – es gebe keine Unterlagen dazu. Thomas Geib schätzt, dass es um die 100 Jahre alt sein könnte. „Das Gebäude war extrem heruntergekommen, Fenster und Türen waren kaputt“, erinnert er sich. Im Laufe der Jahre wurde das leerstehende Objekt von Jugendlichen zum Feiern und von Obdachlosen zum Übernachten genutzt – davon zeugen die Funde, die beim Ausräumen gemacht wurden. Doch die Substanz sei gut. Das Haus ist komplett unterkellert, im Keller wurden sogar Sandsteine verwendet. Es hat also durchaus Charme.
Juliane Geib hätte sich vorstellen können, ein Architekturbüro in dem historischen Gebäude einzurichten – doch mit vier Kindern hat die Architektin von dieser Idee wieder Abstand genommen. Das Anwesen plattzumachen und neue Häuser hinzubauen – das hätten sich beide nicht vorstellen können.
Tagesstätte für psychisch behinderte Menschen
Jetzt wird das Gebäude so umgebaut, dass am Jahresende eine Tagesstätte mit 18 Plätzen für Menschen mit psychischer Behinderung einziehen kann. Für Achim Helfrich von der „Betreibergesellschaft Tagesstätte Bad Dürkheim“ (BTB) ist das ein Glücksfall. Die Tagesstätte ist seit 20 Jahren in Bad Dürkheim ansässig, dort läuft der Mietvertrag aber aus und wird nicht verlängert. Helfrich betont, dass man sich im Guten trenne – der Eigentümer des Hauses habe andere Pläne. Die BTB – die Gesellschafter sind der Masurenhof und der Verein Psychosoziale Projekte Leiningerland (beide in Tiefenthal) – habe lange nach passenden neuen Räumlichkeiten in Bad Dürkheim gesucht, sei aber nicht fündig geworden. Fügung sei gewesen, dass Familie Geib durch einen RHEINPFALZ-Bericht auf die Suche der Tagesstätte aufmerksam geworden ist. „Der Standort ist für uns ideal“, sagt Helfrich – schließlich sei er gut mit der Bahn zu erreichen und barrierefrei.
Die Tagesförderstätte für psychisch behinderte Menschen bietet Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie lebenspraktisches Training für Menschen mit Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Psychosen oder Persönlichkeitsstörungen. Daneben hat die Tagesstätte eine Kontaktstellen-Funktion: Jeder kann kommen und sich Beratung und Hilfe bei der Alltagsbewältigung holen.
Die Pläne haben Juliane Geib und Helfrich gemeinsam entwickelt: Das Ehepaar Geib baue das Gebäude eigens für die Zwecke der Tagesstätte aus, freut sich Helfrich. So gibt es unter anderem einen Arbeits- und Beschäftigungsraum, einen Ruheraum, einen Speiseraum und ein Büro in dem 46 Meter langen Gebäude mit rund 280 Quadratmetern Nutzfläche. Der Mietvertrag laufe zunächst einmal zehn Jahre, berichten die Geibs.
Vieles muss erneuert werden
Thomas Geib rechnet mit Kosten in Höhe von 500.000 bis 750.000 Euro für die Sanierung – schließlich muss im Inneren vieles neu gemacht werden. Überraschungen auf der Baustelle gab’s auch schon: beispielsweise, dass in einem der Räume im Fundament Gleise verbaut waren. Und dann gebe es da noch einen gemauerten alten Kanal, bei dem noch nicht ganz klar sei, wie damit umgegangen werde, sagt Juliane Geib. Bislang sind auf der Baustelle nur die Innenarbeiten gemacht worden.
Thomas Geib, Geschäftsführer der Elektro-Geib GmbH mit 21 Mitarbeitern, wird auf das neue Dach eine Photovoltaik-Anlage (30 kWp) bauen, zudem sollen zwei der Stellplätze mit einer öffentliche Ladestation für E-Autos ausgerüstet werden.
Hingewiesen sei noch auf eine Kuriosität: Die offizielle Adresse des Klinkerbaus ist Albsheimer Weg 1 – obwohl man von der Lage her eigentlich davon ausgehen kann, dass das Gebäude in der Friedrich-Ebert-Straße steht. Juliane und Thomas Geib sind zuversichtlich, dass der Umbau des ehemaligen Bahn-Gebäudes in eine moderne Tagesstätte bis zum Jahresende abgeschlossen ist. Sie freuen sich darauf, dass bald wieder Leben einkehrt. Juliane Geib findet: „Das Gebäude gehört zu Grünstadt dazu.“