Tiefenthal
Nach dem Brand: Betroffene sind erfreut über Hilfsangebote und bestürzt über Gaffer
Die Halle stand innerhalb kurzer Zeit in Flammen, mit ihr verbrannten neben Heu, Stroh und Geräten auch viele Dinge, an denen Erinnerungen hingen. Die Eltern von Helge Dauth siedelten – wie weitere Tiefenthaler Landwirte – in den 80ern aus und verlagerten ihren Betrieb vom Dorfkern an den Dorfrand. Die hölzerne Halle, die vergangene Woche abbrannte, bauten sie vor 37 Jahren. „Für sie war das ein herber Verlust“, sagt die Tochter. „Ein Lebenswerk, das innerhalb von 30 Minuten weg gewesen ist.“
Die Landwirtschaft gaben die Eltern, heute beide über 80 Jahre alt, vor rund zehn Jahren auf. Einen Teil der Halle nutzten sie weiterhin – für den Rasenmähertraktor, Werkzeuge oder landwirtschaftliche Maschinen von früher. „Es ist alles weg“, sagt Dauth (50). „Der ideelle Wert war enorm.“ Denn man könne zwar einen Rasenmäher neu kaufen, aber die alten Gerätschaften aus der Landwirtschaft – ein Kummet für die Tiere oder eine alte Egge – seien verloren. Und auch Dinge, die mit der bäuerlichen Tradition verbunden sind, wie das Gestell für die Erntekrone.
Es war eine haarscharfe Sache
Die Eltern von Helge Dauth bemerkten das Feuer am Freitagabend und schlugen sofort Alarm. Nachbar Eduard Schott ist dafür unendlich dankbar. „Wenn sie nicht so geistesgegenwärtig gehandelt hätten, hätten wir keine Chance gehabt“, sagt der 65-Jährige. Denn er und seine Familie betreiben einen Zucht- und Pensionsstall für Pferde. Sie lagerten ihr Heu und Stroh in der Halle der Nachbarn. Dass alle Tiere überlebten, erfüllt Schott mit Dankbarkeit – denn direkt neben der abgebrannten Halle steht einer der Pferdeställe: „Es war haarscharf. Keine zwei Minuten später – und wir hätten sicherlich tote Pferde zu beklagen gehabt“, sagt Schott.
Etwa ein Drittel des Pferdestalls wurde bei dem Feuer beschädigt. Dass nicht noch mehr kaputt ist, sei dem engagierten Einsatz der Feuerwehr zu verdanken, sind sich Dauth und Schott sicher. „Sie haben mehr als einen super Job gemacht“, hebt Schott hervor. 75 Wehrleute aus der Verbandsgemeinde Leiningerland und aus Grünstadt waren im Einsatz, die Tiefenthaler Kameraden harrten in der Nacht als Brandwache aus.
Die Ursache des Brands ist noch unklar
Der „heile Teil“ des Pferdestalls kann derzeit nicht benutzt werden, auch weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind. Von der Neustadter Kripo heißt es auf Anfrage, es müsse geklärt werden, ob ein technischer Defekt oder eine Selbstentzündung die Ursache des Brands war, bei dem einen Schaden von rund 300.000 Euro entstand. Brandstiftung könne man ausschließen. Für Schott ist das eine Erleichterung. „Wenn es Brandstiftung gewesen wäre, hätte man ja keine innere Ruhe mehr“, sagt er. Die wiederholten Brandstiftungen bei einem Landwirt in Hettenleidelheim hätten dafür gesorgt, dass man in dieser Hinsicht „unter Strom“ stehe: „Man ist sensibilisiert.“
Die Schott’schen Springpferde sind derzeit in einem Zelt untergebracht. Glück im Unglück war, dass der Tiefenthaler es schon am Montag geliefert bekam. Normalerweise sind solche Spezialzelte für Pferde nicht kurzfristig zu leihen, schließlich finden in dieser Jahreszeit überall Reitturniere statt – wenn nicht gerade eine Pandemie ist. Schott berichtet: „Mit dem Ersatzgebäude haben wir Platz geschaffen und unser Betrieb kann zum Alltag übergehen.“
Der 65-Jährige zog mit seiner Frau und seiner Tochter, in Jugendzeiten eine erfolgreiche Reiterin, 2012 von Mutterstadt nach Tiefenthal. Die Familie gründete hier den Pferdehof Hohe Birken, auf dem zwei bis drei Zuchtstuten, deren Nachwuchs und Pensionspferde eine Heimat haben und ein Mitarbeiter bei den Arbeiten hilft.
Große Hilfsbereitschaft und viele Gaffer
Licht und Schatten liegen nach Unglücken oft nah beieinander. Das haben auch die beiden Familien in Tiefenthal erfahren. So berichtet Schott von unzähligen Hilfsangeboten aus der „Pferde-Community“: „Das war sensationell.“ Freunde aus Ludwigshafen nahmen nach dem Brand zwei Pferde auf, bei einem Nachbarn kann er das frisch gelieferte Heu einlagern. Schott erzählt erfreut: „Es gab eine Flut von Rückmeldungen, sogar aus der Schweiz.“
Andererseits haben den Nachbarn und ihm die vielen Gaffer und Katastrophentouristen zugesetzt, die sich am Wochenende nach dem Brand einfanden, um einen Blick auf die abgebrannte Halle zu erhaschen und den Ort des Unglücks zu fotografieren: „Sonntagabend um 21.45 Uhr hatten wir den letzten ,Besucher‘“, erzählt Schott, der nicht versteht, warum Menschen so etwas machen. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Gaffer, der sein Auto auf dem Pferdehof parkte, ausstieg, sich eine Zigarette anzündete und nachfragte, ob das der Hof sei, auf dem es gebrannt habe.
Beim Notruf erst mal kein Durchkommen
Zur Sorge um die Tiere kam, dass es am Bandabend unter der 112 kein Durchkommen gab. „Es war nonstop besetzt“, berichtet Schott. Pferdebesitzer auf dem Hof hätten sich die Finger wundgewählt, während er und seine Frau die Tiere aus den Boxen auf die Koppel trieben. Helge Dauth erzählt das Gleiche: „Auch meine Mutter ist nicht durchgekommen.“ Schott und Dauth vermuten, dass die Notrufnummer, die in der Integrierten Leitstelle in Ludwigshafen ankommt, an jenem Abend wegen Überschwemmungen in der Vorderpfalz überlastet war.
Wie geht es jetzt weiter? Der in Teilen beschädigte Pferdestall soll bis Ende des Jahres wieder nutzbar sein, die Halle soll wieder aufgebaut werden, sagt Helge Dauth. Das werde frühestens im nächsten Jahr passieren. Der Betrieb auf dem Pferdehof wird derweil ganz normal weiterlaufen. Die Arbeit, sagt Schott, gehe nie aus.