Grünstadt Mit Wohnmobilen auf der Überholspur

Im Jahr 2007 hatte die Mertesheimer Speditionsfirma Nitzsche erstmals auch zwei Reisemobile auf ihrem Gelände neben der Landstraße stehen. Wer hätte damals schon gedacht, dass der Verkauf und das Vermieten von Wohnmobilen einmal das Kerngeschäft des Transportunternehmens darstellen würde? Selbst GmbH-Geschäftsführer Bernd Nitzsche nicht: „Das Verhältnis vom Reisemobil- zum Speditionsgeschäft ist derzeit etwa 70 zu 30. Und die Tendenz ist weiter steigend“, wurde auch der 55-Jährige von diesem Boom überrascht.
Inzwischen erwirtschaftet das Mertesheimer Unternehmen mit zehn Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa drei Millionen Euro: mit einer jährlichen Zuwachsrate in der Reisemobil-Sparte von zirka zehn Prozent. Absolutes Ausnahmejahr war 2014. „Da hatten wir sogar etwa 50 Prozent mehr Reisemobil-Zulassungen als im Jahr zuvor“, sagt Nitzsche nicht ohne Stolz. Allerdings soll das traditionelle Speditionsgeschäft als weiteres Standbein auch künftig auf keinen Fall vernachlässigt werden. Nitzsche organisiert vorwiegend von Eisenberg aus Waren-Transporte quer durch ganz Europa und darüber hinaus. Allerdings nicht mehr wie zu früheren Zeiten mit eigenen Lkws, sondern wie ein klassischer Spediteur werden Transportunternehmen beauftragt. So auch bei einem japanischen Großkunden, für den Nietzsche in einer angemieteten Halle im Eisenberger Industriegebiet Fotodruckplatten lagert. Praktisch als deutsche Niederlassung des Japaners übernimmt Nitzsche die gesamte Logistik auch für kurzfristig anberaumte Warentermin-Geschäfte: von der Einteilung der Lkws, das Regeln der notwendigen Papiere bis zur Umsetzung der Zollbestimmungen – gerade bei Fahrten nach Russland oder ehemaligen Sowjetrepubliken nicht immer ganz einfach. Von diesem „internationalen Know-how“ profitieren auch einige Reisemobil-Kunden. Denn Nietzsche verkauft und liefert die Fahrzeuge europaweit, regelt – wenn benötigt – dann zum Beispiel auch die Einfuhrpapiere für den Zoll. Dies gilt auch für den aktuellen Verkauf des bisherigen firmeninternen „Spitzenreiters“: Der Verkaufspreis des umfangreich ausgestatteten Wohnmobils, das nach Istanbul geliefert wird, beträgt 180.000 Euro. Bei diesem Gefährt ist dann aber fast alles, was das moderne Camperherz begehrt, inklusive: von der Stand-Klimaanlage bis zum Satellitenempfangsgerät, mit der der Eigentümer praktisch überall ins Internet kommt. Natürlich ist man in diesem „Spezialfahrzeug“ auch völlig autark, braucht weder Strom- oder Wasserversorgung von außen. Nitzsche setzt nach eigenen Angabe auf individuelle Beratung – und nach dem Wohnmobil-Kauf auf weiteren begleitenden Service. „Damit tragen wir auch den sich ändernden Kundenwünschen Rechnung“, sagt Nitzsche. So gibt es etwa ein „Rundum-Versorgungspaket“ für Stammkunden, die sich mit dem Wohnmobil lange Zeit im Ausland aufhalten. Etwa Rentner, die über die Wintermonate mit ihrem Wohnmobil in Südspanien leben. Für die organisiert Nitzsche von Mertesheim aus, wenn benötigt, Reparaturen oder Inspektionen. „Wir wollen keine Discounter-Mentalität, sondern den persönlichen Kontakt mit unseren Kunden“, betont Nitzsche. Deshalb verkaufen die Mertesheimer auch nur Modelle von mittelständischen Reisemobil-Herstellern wie Adria, Pilote oder Sun Living. Pro Jahr verkauft Nietzsche etwa 100 Wohnmobile – allerdings nicht nur solche, wie jetzt einer nach Istanbul geliefert wird, sondern auch gebrauchte, zum Wohnmobil umgebaute Kastenwagen für zwei Personen, zum Preis von etwa 18.000 Euro. Insgesamt 20 Fahrzeuge stehen auf dem großen Mertesheimer Stellplatz zum Vermieten bereit: je nach Reisezeit, Fahrzeuggröße (zwei bis sechs Personen) und Ausstattung variiert der Mietpreis. Übrigens: Bis 3,5 Tonnen gelten die Straßenkreuzer als „normale Autos“, können also mit Pkw-Führerschein gefahren werden. Kein Wunder, dass immer mehr Individualurlauber auf Wohnmobile umsatteln. Aber nicht nur die. So gibt es nicht wenige Geschäftsleute, die in einem „fahrbaren home office“ unterwegs sind, weiß Nitzsche. Außerdem gibt’s bei Konzerten oder Motorsportveranstaltungen auf dem Nürburg- und Hockenheimring erhöhte Reisemobil-Nachfragen. Wohnmobile wurden und werden zu den unterschiedlichsten Anlässen angemietet. Nordkap-Fahrer sind da schon längst keine Ausnahme mehr. Schon eher die Firma, die acht Wohnmobile auf einmal gechartert hatte, um ihren Mitarbeitern ein perfektes Formel-1-Fahrer-Feeling bieten zu können: Das Unternehmen hatte für einen „Betriebsausflug“ den Hockenheim-Ring gemietet, um dort Rennen zu fahren. Und wie das die Vettels auch tun, wurde im Wohnmobil übernachtet. Prominentester Kunde bislang war Ex-Schiri Markus Merk, der zu einem Berg-Lauf mit einem Fahrzeug aus Mertesheim gereist war. Sportliche Großereignisse sind für das Reisemobil-Geschäft oft ein Thema. Dies war bislang bei allen Fußball-Welt- und Europameisterschaften so. Im nächsten Jahr rechnet Nitzsche an der EM im Nachbarland Frankreich wieder mit mehr Kundschaft. Vielleicht lässt er sich erneut was Besonderes wie zur letzten WM in Brasilien einfallen. Da gab’s beim Neuwagen-Kauf ein spezielles WM-Paket dazu: zwei Weizenbiergläser, einen Grill und zwei Relax-Sessel. Dass so etwas mal über seinen Ladentisch geht, hätte sich Spediteur Nitzsche vor zehn Jahren sicher auch noch nicht träumen lassen. Aber da war er ja mit seinen Reisemobilen noch nicht auf der Überholspur. (lor)