Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Mit Botox gegen Blasenschwäche

Niko Grabowiecki
Niko Grabowiecki

RHEINPFALZ-Telefonaktion: Harninkontinenz war das Thema unserer Telefonaktion mit dem Kreiskrankenhaus Grünstadt. Etliche Leserinnen haben Fragen an den Chefarzt der gynäkologischen Abteilung, Niko Grabowiecki, gestellt. Nicht nur Seniorinnen riefen an.

Eine Einschränkung ihrer Denkleistung beklagte eine 76-jährige Grünstadterin, nachdem sie zur Behandlung ihres häufigen nächtlichen Harndrangs Tabletten von ihrem Arzt bekommen hat. Auch beseitige das Medikament nicht ihr eigentliches Problem, sagte sie. Der Gynäkologe Dr. Niko Grabowiecki erklärte: „Wenn das Arzneimittel nicht hilft und nur Nebenwirkungen hat, sollte man es auch nicht nehmen.“ Er schlug der Seniorin vor, zu ihm in die Sprechstunde zu kommen, damit er schauen könne, was die Ursache für ihre Inkontinenz ist. Wenn keine anatomischen Veränderungen wie eine Senkung der Unterbauchorgane, etwa der Gebärmutter, vorliegen, wäre eine elegante Lösung, Botox in die Blasenmuskulatur zu spritzen. Das Mittel stelle die Rezeptoren ruhig, die dem Gehirn immer wieder fälschlicherweise melden, dass die Blase voll ist und die Betroffene zwingen, nachts mehrmals aufzustehen.

Dasselbe riet Grabowiecki einer 63-Jährigen aus der Verbandsgemeinde Leiningerland, die erzählte: „Ich komme mir langsam vor, wie eine alte Oma. Viermal muss ich nachts raus, tagsüber trage ich eine Einlage und schaffe es oft nicht bis zur Toilette.“ Auch diese Seniorin hat Medikamente verschrieben bekommen, die offensichtlich nicht wirken. Der Chefarzt nickte: „Es gibt zehn bis 15 verschiedene Präparate auf dem Markt. Die wirken bei jedem anders. Perfekt ist keines davon, sonst gäbe es nur ein Mittel.“ Man könne ein weiteres Arzneimittel ausprobieren oder die Botox-Behandlung ins Auge fassen. Der ambulante Eingriff unter lokaler Betäubung dauere etwa 30 Minuten und werde seit etwa zwei Jahren von den Krankenversicherungen übernommen. Eine Portion Botox, die rund 900 Euro koste, beseitige die Beschwerden in der Regel für neun bis zwölf Monate.

21 Monate ist diese kleine Operation bei einer Kleinkarlbacherin her. „Jetzt ist die Blasenschwäche aber ganz gravierend wieder da“, beschwerte sie sich. Grabowiecki sagte, es sei ganz normal, dass die Wirkung des gespritzten Mittels mit der Zeit nachlasse. Bei der Mittsiebzigerin habe sie allerdings überdurchschnittlich lange gehalten. Er empfahl ihr, die kleine Operation wiederholen zu lassen. Die ganzen Voruntersuchungen wie beim ersten Mal müssten nicht noch einmal gemacht werden, beantwortete er eine entsprechende Frage der Anruferin.

Botox sei auch eine Option für die 92-jährige aus der Verbandsgemeinde Eisenberg, „die nachts alle zwei Stunden aufs Klo muss“, wie die Tochter berichtete. „Meiner Mutter wurden verschiedene Hormonsalben verschrieben, aber die brennen alle“, sagte sie. Der Chefarzt weiß, woher das kommt: „Da ist Alkohol drin.“ Er wies auf die große Verletzungsgefahr hin, der sich die hochbetagte Dame durch die Blasenschwäche in der Nacht aussetzt: „Wenn sie übermüdet im Dunkeln über den Teppich stolpert, kann ein viel größeres Problem entstehen.“ Die 92-Jährige könnte es – alternativ zu der Botox-Therapie – mit der Einnahme von Tabletten versuchen, wobei sie vermutlich schon täglich mehrere Medikamente einnimmt und man wegen möglicher Wechselwirkungen aufpassen müsse.

Ein „ganz schlechtes Bindegewebe“ vermutet eine 79-Jährige aus Grünstadt bei sich. Sie erzählte, dass sie sich schon dreimal die gesenkte Blase heben ließ, zuletzt 2006. Es sei ihr sogar ein Netz zur Stützung des Gewebes eingelegt worden, „aber nun muss ich nachts wieder alle zwei Stunden raus“. Ein Pessar, ein Gummiobjekt, das in die Scheide eingelegt wird, habe sie auch schon ausprobiert, aber es sei einfach wieder herausgefallen. „Dann war es vermutlich zu klein“, sagte Grabowiecki und erklärte, dass das Bindegewebe mit zunehmendem Alter schwächer werde und es 15 Jahre nach der OP schon sein könne, dass die Inkontinenz wieder da sei.

Dass auch schon jüngere Frauen unter Blasenschwäche leiden können, zeigt der Fall einer 34-Jährigen. Wie ihr Mann berichtete, müsse die zweifache Mutter nachts mehrmals aufstehen und verliere Harn beim Sport. Grabowiecki sieht darin zwei Ursachen: Drang- und Belastungsinkontinenz. Er schlug vor, es zunächst mit einer gezielten Beckenbodentherapie mit Gymnastik und Reizstrom zu versuchen oder mit einem Pessar. „Vielleicht können wir damit beide Probleme gleichzeitig beseitigen“, machte er Hoffnung. Der Gynäkologe mahnte allerdings, die Behandlung der Blasenschwäche „nicht auf die lange Bank zu schieben“, weil sich daraus ein viele Jahre währender Leidensweg entwickeln könne.

Ab wann sie einen Spezialisten aufsuchen müsse, wollte eine 67-Jährige aus der Verbandsgemeinde Leiningerland wissen. Sie verliere nur manchmal beim Lachen oder Husten ein paar Tropfen oder wenn sie zu lange mit dem Toilettengang warte. Als ersten Schritt zur Diagnose empfahl Grabowiecki, die getrunkene und urinierte Menge über 48 Stunden in einem Miktionsprotokoll festzuhalten und sich bei ihm körperlich untersuchen zu lassen. Wer zu ihm in die Sprechstunde kommen möchte, muss eine Überweisung vom niedergelassenen Gynäkologen vorlegen. Eine Terminvereinbarung ist unter Telefon 06359/809301 möglich.

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