Grünstadt Mensch und Milbe bringen Tod

Placeholder-Image

Vor rund 100 Jahren gab es in Deutschland zwei Millionen Bienenvölker, die von Imkern betreut wurden. Heute sind es nur noch 600.000. Was geschehen ist und was der Mensch zum Erhalt des in seiner Nahrungskette nach Schwein und Rind drittwichtigsten Nutztieres tun kann, verrät Norbert Nutsch, Geschäftsführer der Ebertsheimer Bildungsinitiative (Ebi), bei einem Vortrag am Mittwoch.

Das Bienensterben (auch CCD – Colony Colaps Disorder genannt), das weltweit Alarm auslöst, hat mehrere Ursachen. „Da wären in erster Linie die in der Landwirtschaft eingesetzten Pestizide, die für die Bienen am gefährlichsten sind, wenn sie direkt in die offenen Blüten gesprüht werden“, erklärt Nutsch, selbst Besitzer von fünf Bienenvölkern. Die Landwirte, die diese Gifte versprühen, befänden sich allerdings in einem Teufelskreis, würden doch immer größere Ernten gefordert, die nur durch mehr Düngemittel und mehr Pestizide zu erreichen sind. Auch seien Lebensmittel Spekulationsgüter an der Börse und dort sei der Preis entscheidend für die Gewinne der Anleger. Ein zweiter Grund für das Bienensterben ist die in den 80er Jahren aus Asien eingeschleppte Varroa-Milbe, die als Parasit an Honigbienen lebt, deren Brut schädigt und ganze Bienenvölker ausrotten kann. „Es gibt außerdem Vermutungen, dass Stress den Bienen von Wanderimkern zusetzt und auch Mobilfunknetze Auswirkungen auf das Bienensterben haben könnten“, so Nutsch, der eine Imker-Arbeitsgemeinschaft gegründet hat, in der neun Personen jeweils ein Bienenvolk betreuen und jährlich etwa 20 Kilogramm Honig pro Volk gewinnen. Das Leben im Bienenstock kennt klare Regeln: Die Arbeiterinnen sind für das Sammeln des Nektars zuständig; pro Flug steuern sie 30 bis 50 Blüten an und das 30 bis 40 Mal pro Tag in einem Radius von bis zu fünf Kilometern um den Bienenstock herum, in dem etwa 20.000 Sammlerinnen leben. „Bevor die Biene zur Sammlerin wird, ist sie etwa 20 Tage lang eine Stockbiene und für das Füttern der Königinnenlarven mit Gelee Royal und der anderen Larven mit Honig und Nektar zuständig“, erklärt Nutsch. Gelee-Royal ist besonders nährstoff- und vor allem hormonhaltig und sorgt deshalb dafür, dass die Larven überproportional wachsen. Die erste Larve, die schlüpft, ist die Königin, die dann die anderen noch nicht geschlüpften Larven tötet. Die Königin, die drei bis fünf Jahre lebt, wird ein einziges Mal von Drohnen, den männlichen Bienen, befruchtet. Ihre Aufgabe besteht darin, Eier zu legen. Aus den befruchteten schlüpfen Arbeiterinnen, aus den unbefruchteten die Drohnen, welche im Winter aus dem Stock vertrieben werden und verhungern. Die Arbeiterinnen überwintern im Bienenstock und zehren dort von ihren Vorräten. Die Lebenserwartung der Sammlerinnen beträgt im Sommer sechs bis acht Wochen, im Winter – wenn sie den Bienenstock heizen – sechs bis acht Monate. 80 Prozent unserer Nutzpflanzen sind auf die Bestäubung durch die Bienen angewiesen. Insofern ist das Sterben dieser Insekten eine existenzielle Katastrophe. Lässt sich dieser Prozess aufhalten? Und: Wenn es heute noch zwei Millionen Bienenvölker gäbe, würden sie genug Nahrung finden, nachdem durch Flurbereinigung Hecken gerodet, Ackerrandstreifen und Feldholz vernichtet sowie Bäche mit natürlicher Uferbepflanzung kanalisiert wurden? (bbq)

x