Grünstadt „Mein Büro ist im Silicon Wingert“
«Neustadt.» Tino Latzko (41) ist kein Typ von der Stange. Der Geschäftsführer der überregional erfolgreichen Produktionsfirma Screenday will mit seinen Partnern eine Keimzelle für kreative Köpfe schaffen. Und zwar unbedingt in Neustadt – denn Berlin, Frankfurt oder Köln sind für Latzko kein Thema. Steffen Gall sprach mit ihm.
Kommt darauf an, in welcher Jahreszeit wir uns befinden (lacht). Ich versuche, mich ganz bewusst nicht zu verstellen. Die Präsentation habe ich „uff Pälzisch“ gehalten, da alles andere aufgesetzt gewirkt hätte. Nur so hatte ich das Gefühl, dass unser Herzblut für dieses Projekt auch bei den Leuten ankommt. Nun haben Sie als Geschäftsführer der Produktionsfirma Screenday ja häufig mit großen und seriösen Firmen zu tun. Ich schätze mal, dort treten Sie auch so auf, weil Sie sich nicht verbiegen lassen wollen ... Nein, ich trete so auf, weil ich mich so am wohlsten fühle. Und wenn man sich in seiner Haut wohl fühlt, kommt man meiner Meinung nach auch authentisch rüber. Das schafft Vertrauen. Mir geht es zumindest so. Ich vertraue echten Menschen, keinen Masken, es gibt zu viele Masken in meinem Geschäftsfeld. Ich habe durch meine Art schon das eine oder andere Eis recht schnell gebrochen. Ich hatte jedoch auch schon Fälle, vor allen Dingen zu Beginn meiner Selbstständigkeit, da ging die Idee, mit dem Sexpistols-Shirt zum Termin zu gehen, leicht nach hinten los. Heute zählen meine Erfahrung und Kompetenz mehr als das Motiv des Shirts. Ich hab’ jedoch auch den Zwirn im Schrank für den einen oder anderen speziellen Anlass. Auffällig sind auch Ihre Tätowierungen. Dieser Tage wurde über eine Umfrage berichtet, nach der 43 Prozent der Deutschen Tattoos für einen Karrierekiller halten ... Was für eine Umfrage war das? Ich finde es immer noch sehr traurig, dass in unserem Land so stark bewertet wird. Ich weiß nicht, warum es wichtig ist, ob ich ein Hemd oder ein Metallica-Shirt anhabe. Es ist doch wichtig, was für ein Charakter vor mir steht und was der drauf hat. Wenn sich Leute bei uns bewerben, ist es mir egal, wie das Outfit des Bewerbers aussieht – außer vielleicht, er hat ein Bayern-Trikot an (lacht). Zurück zur „CoFactory“: Bei der Präsentation sagten Sie: „Die letzte signifikante Neuerung, die nach Neustadt gekommen ist, war wohl das Farbfernsehen. Es wird Zeit, dass mal wieder was Abgefahrenes kommt.“ Zum Ausdruck bringen wollte ich, dass man nicht unbedingt im Silicon Valley ein Start-up gründen muss, um durchzustarten. Wenn man mutig und angstfrei die Dinge angeht, reicht es auch, wenn man sein Office im Silicon Wingert hat, um erfolgreich zu sein. Uns wurde schon oft gesagt, warum geht ihr denn nicht nach Berlin oder zumindest Frankfurt oder Köln, da würdet ihr besser hinpassen und die besseren Aufträge und Netzwerke auftreiben. Und warum ist das kein Thema? Zum einen passen wir ganz genau da hin, wo wir sind, zum anderen kann ich mir nicht vorstellen, dass es einen besseren Ort zum Leben gibt als hier in Neustadt. Und da ich nicht hier weg will, haben wir beschlossen, dass wir die Welt hierher holen müssen. So einfach ist das. Und zum Glück bin ich nicht der einzige Local, der so denkt. Und bis wann soll Leben in die alte Papierfabrik einziehen? Naja, wenn die Fenster dicht sind, stell’ ich mein Notebook rein (lacht). Nein, ernsthaft: Wir sind gerade fleißig dabei, die Roadmap für das Projekt auszuarbeiten, hierzu haben wir in den nächsten Wochen ein paar tolle und spannende Gespräche. Bei denen ich ohne Bedenken in Flip-Flops und Boardshorts auftauchen darf.