Eisenberg
Marcel Adam: Großes Kino vor kleinem Publikum
Marcel Adam schaut auf die übersichtliche Anzahl besetzter Stühle im Evangelischen Gemeindehaus in Eisenberg und fragt: „Geht“s euch gut?“ Dann lässt er den Blick schweifen über die vielen leeren Plätze, lächelt und sagt: „Bei so wenigen Leuten – da geben wir uns besonders viel Mühe.“ Damit hat der deutsch-französische Chansonnier und Comedian den ersten Beifall erhascht. Mit positiver Ausstrahlung, die auch durchaus ansteckt, kommt er daher. Der 72-Jährige lässt sich seine gute Laune nicht vermiesen. Auf der Bühne steht er diesmal mit seinem Sohn Yann Loup, der in Gitarrenspiel und Gesang dem Altmeister in nichts nachsteht, und vier weiteren Musikern. Gemeinsam gestalten sie ein abwechslungsreiches Konzert, begeistern das Publikum mit humorvollen sowie anrührenden Liedern und jeder Menge Anekdoten.
Stücke von anderen großen Künstlern werden interpretiert und Eigenkompositionen präsentiert, darunter etliches von der neuen CD „Egoist“, nach der Marcel Adam auch das am Samstagabend dargebotene Programm benannt hat. Das Album sei während der Corona-Zeit entstanden, „als Therapie“, weil die Franzosen einen besonders langen und strengen Lockdown ertragen mussten, erzählt der Liedermacher mit der markanten Mütze. Seine Familie sei heftig gebeutelt worden von dem Virus, seine 90-jährige Mutter habe Covid aus dem Krankenhaus mitgebracht, „und wir dachten, sie überlebt das nicht“.
Ein Drummer mit viel Gefühl
Mit seiner angenehmen Stimme bringt Adam „Emmenez-moi au bout de la terre“ („Nimm mich doch mit ans Ende der Welt“) von Charles Aznavour zu Gehör und äußert sich dann lobend über seinen neuen Drummer Detlef Ludes. Dieser setzte seine Sticks mit sehr viel Gefühl ein. „Das Problem bei Chansons ist oft, dass das Schlagzeug zu laut ist, weshalb teilweise ein Glaskasten drum herum gebaut wird“, so Adam. Was schleppt man drei Tage mit sich herum oder verliert es tout de suite? Sauerkraut! Mit dem Surkrut-Swing hat Adam eine Hommage ans Elsass geschrieben, was ihm als Lothringer wirklich nicht leicht gefallen sei. „Das hab ich nur gemacht, damit ich am Ende ins Paradies komme“, erklärt der Künstler, wie das rasante Lied entstanden ist, das Christian Conrad mit einem tollen Gitarrensolo krönt.
Mit einem Bottleneck begleitet er ein Lied, in dem die mit den Jahren verblasste Liebe thematisiert wird. Oliver Abt, der „Quoten-Pfälzer“ in der Band, schließt die Augen, während er Bass spielt. Später tauschen die beiden erfahrenen Profis auch mal die Rollen. Abt und Conrad beherrschen jeweils mehrere Saiteninstrumente. Als Jugendlicher den Weltmeistertitel im Akkordeon-Spiel ergattert hat Christian di Fantauzzi. Es ist ein besonderer Genuss, diesem Virtuosen, der auch Saxofon spielt, zuzuhören.
Skandal-Song von André Heller
Über Himmelswesen hat Adam ein „philosophisches Lied“ komponiert, weil er sich wahnsinnig geärgert habe, „dass der Papst erklärt hat, es gebe keine Schutzengel. Er hat sie einfach von heute auf morgen abgeschafft“. Was der Liedermacher auch nicht leiden kann, ist jede Art von Diskriminierung. „Es gibt Tausende Lieder über das in Windeln steckende Jesuskind, aber kein einziges über den Osterhasen, der in nur einer Nacht auf der ganzen Welt Eier in die Gärten legt“, meint der Spaßvogel, der sich nun eine Ukulele umgehängt hat und Conrad eine quietschende Klo-Tür nachahmen lässt. Und schon hoppelt Meister Lampe in dem nicht ganz jugendfreien Song „fröhlich rum im Gras“ und muss zur Gaudi des Publikums viereckige Eier legen.
Ein Bedürfnis war es Marcel Adam, mal „Denn ich will“ von André Heller zu interpretieren. Bei seiner Veröffentlichung vor 50 Jahren hat das Stück für Skandale gesorgt, durfte nicht in jedem Radiosender gespielt werden. Es beginnt mit den Zeilen: „Und wenn ein Mann einen Mann liebt, soll er ihn lieben, wenn er ihn liebt. Denn ich will, dass es das alles gibt, was es gibt.“ Zum Ende des etwa dreistündigen Konzertes darf Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ nicht fehlen. Doch das Publikum akzeptiert das nicht als Schlusspunkt und fordert Zugaben.
Bürgermeister sehr enttäuscht
Stadtbürgermeister Peter Funck (FWG) macht keinen Hehl daraus, dass er enttäuscht vom geringen Zuspruch der Veranstaltung ist. Der Saal ist nach der längeren Schließung wegen Corona und der „Gasmangellage“ bei der Wiedereröffnung maximal zu einem Drittel besetzt. Und das, obwohl er aufgrund von Brandschutzauflagen schon 60 Plätze weniger hat als die ursprünglichen 440, was laut Funck auch die Kalkulation solcher Events erschwert.