Grünstadt „Manchmal habe ich gedacht, ich sei einfach irre“

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„Ich wurde im falschen Körper geboren“, sagt Kerstin Erlewein, die früher Wilhelm hieß. Erlewein hat eine geschlechtsangleichende Operation hinter sich und lebt mittlerweile als Frau. Große Hilfe bei diesem schweren Weg bekam sie von einer Selbsthilfegruppe. Heute leitet die 55-Jährige die Selbsthilfegruppe für Transsexuelle und deren Angehörige für die Region Heidelberg, Mannheim, Rhein-Neckar und Pfalz.

Mit 35 Jahren besuchte Erlewein das erste Mal eine Selbsthilfegruppe für Transsexuelle. Zu dieser Zeit hatte sie bereits einen langen Leidensweg hinter sich. „Ich habe schon als Kind gewusst, dass ich eigentlich ein Mädchen bin“, erzählt sie. Doch was genau mit ihr los war, wusste sie nicht. „Ich habe manchmal gedacht, ich sei einfach irre“, erinnert sie sich. Heute findet man alle Informationen über Transsexualität leicht im Internet, und dazu noch alle möglichen Kontaktdaten zu Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen. Doch als Erlewein in die Pubertät kam, gab es noch kein Internet, und auch keine Filme, die sich mit dem Thema befassten. „Für mich war diese Gruppe meine Rettung“, sagt Kerstin Erlewein, die aus Bad Dürkheim stammt und heute mit ihrem Ehemann in Wachenheim lebt. In der Gruppe, die sie inzwischen leitet, sei sie erstmals auf Menschen gestoßen, „denen es so ging wie mir“. Auf Leute, die ebenfalls im falschen Körper steckten. Weil sie sich nicht mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren können, fühlen sich Transsexuelle meist gespalten, ziehen sich zurück und stehen unter psychischem Stress. Den Eltern bleibt das oft nicht verborgen. Das sei bei ihr ebenso der Fall gewesen, erinnert sich die 55-Jährige. „Auch wenn es mein Vater lange nicht wahrhaben wollte, war ich doch immerhin sein ältester Sohn.“ Am Ende unterstützen die Eltern sie. Das sei übrigens mehrheitlich so, weiß die Gruppenleiterin: „Viele Eltern begleiten ihre Kinder in die Selbsthilfegruppe und stehen zu ihnen, obwohl die Mütter mit der Situation eher zurecht kommen als die Väter.“ Manchmal komme es aber auch zum Bruch. Die Selbsthilfegruppe steht Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite, bietet psychotherapeutische Unterstützung und Begleitung bei den medizinischen Schritten. Dazu gehört zunächst die gegengeschlechtliche Hormontherapie mit Testosteron für Transmänner oder Östrogen für Transfrauen, wie bei Erlewein. „Wenn ein Mann Östrogen einnimmt, dann kann das zu Depressionen und Unwohlsein führen“, weiß sie. Sie dagegen sei bereits nach den ersten Spritzen richtig aufgeblüht. „Mein Selbstwertgefühl stieg, ich fühlte mich aktiv“, erzählt Erlewein, die als Croupier in der Spielbank Bad Dürkheim arbeitet. Später unterzog sie sich der geschlechtsangleichenden Operation und ließ ihre Geschlechterzugehörigkeit und ihren Vornamen gerichtlich ändern. Aus Wilhelm wurde Kerstin. Die Operation wurde ebenso wie die Hormonbehandlung von der Krankenkasse bezahlt. Denn Transsexualität gilt als Geschlechtsidentifikationsstörung und damit als Krankheit. Erlewein hat damit kein Problem, im Gegensatz zu vielen anderen Transsexuellen. Zwar fühlt sich die Wachenheimerin nicht krank, aber wenn Transsexualität nicht mehr als Krankheit gelte, müssten die Betroffenen ihre Behandlungen selbst bezahlen, sagt Erlewein. Viele könnten sich das dann finanziell nicht leisten. Zwei Jahre dauerte Erleweins Weg, bis sie nicht nur geistig, sondern auch körperlich eine Frau war. Die meisten Freunde und Bekannte hätten das gelassen hingenommen. „Für viele war es vielmehr eine Bestätigung dessen, was sie ohnehin schon ahnten“, sagt Erlewein und zeigt ein altes Foto von sich als Mann. Zu sehen ist ein zierlicher, androgyner junger Mann mit langem schwarzen Haar. „In der Disco habe ich oft Frauenkleidung getragen“, erzählt sie. Ihre Erfahrungen gibt Erlewein in der Selbsthilfegruppe weiter. „Ich war lange Zeit ehrenamtlich beim Katastrophenschutz tätig“, erzählt sie, „und wollte gerne etwas anderes machen.“ Als sich dann der ehemalige Leiter der Selbsthilfegruppe zurückzog und sie fragte, ob sie sein Amt nicht übernehmen wolle, habe sie zugesagt. „Ich weiß, wie wertvoll diese Gruppe damals für mich war. Nun möchte ich, dass auch andere davon profitieren können.“

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