Grünstadt
Lernen in Zeiten von Corona: Der Kontakt zu Gleichaltrigen fehlt
Gut gerüstet für Krisen wie die gegenwärtige ist das Leininger-Gymnasium (LG) in Grünstadt. Es verfügt über die Plattform IServ, an der die gesamte Schulgemeinschaft angemeldet ist. Kommuniziert wird über geschützte E-Mails, einen Messengerdienst mit Chatrooms, nach Themen geordneten Foren und das Modul „Aufgaben“. „Darüber lassen sich Arbeitsaufträge in vielfältiger Form gezielt an die jeweilige Lerngruppe herantragen“, sagt Oberstufenleiter Volker Wahrhusen. Die Schüler könnten ihre Lösungen als Texte, Dateien, Scans und Bilder hochladen.
„Das klappt hervorragend und ist recht einfach zu handhaben“, berichtet Sabine Reichenecker, die drei Kinder am LG hat. Sogar Videosequenzen würden eingespielt und ihr jüngster Sohn, ein Sechstklässler, habe seine Latein-Vokabeln im Chat mit dem Lehrer geübt. „Auch wenn die Kinder jetzt später aufstehen, ist der Vormittag für die Schule reserviert“, so Reichenecker. Als Endgeräte reichen Smartphones. Tochter Maren nutzt ein iPad. „Das kommt jetzt richtig zum Einsatz“, erzählt die Zehntklässlerin. Über IServ könne sie gut lernen. Unter Beachtung der Abgabetermine erstelle sie To-do-Listen. Insgesamt sei die Motivation, etwas zu tun, vor Ort am LG aber größer, findet die 16-Jährige. „Ich freue mich auf die Schule, wo ich auch meine Freunde wiedersehe.“
Lehrer: „Das soziale Lernen entfällt“
Beim Homeschooling fehlt laut Wahrhusen unter anderem die Möglichkeit der spontanen Fragen, der direkten Unterstützung bei individuellen Problemen, der didaktischen Anpassung und der pädagogischen Einflussnahme auf das Arbeitsverhalten. Für die Lehrer bedeutet das Vor- und Nachbereiten einer Online-Stunde einen deutlich erhöhten Aufwand. Kollege Stephan Dhein unterstreicht das und ergänzt: „Das soziale Lernen entfällt.“ Festgestellt habe er, dass das Online-Angebot der Schulbuchverlage nicht für alle Fächer gleich gut sei: „Für Deutsch hab ich nicht viel Brauchbares gefunden.“ Sollte die Krise noch lange anhalten, müssten Ersatzleistungen für die ausfallenden Klassenarbeiten erdacht werden. Dass derzeit die Auseinandersetzung mit neuen Lernformen gefördert wird, sei positiv. „Aber Homeschooling kann nur eine Notlösung sein.“
Das findet auch die 14-jährige Lena, die die IGS Grünstadt besucht. „Es ist sehr schwierig, sich neue Themen selbst zu erarbeiten“, sagt sie. Auch sei das oft viel Stoff und die Lösungen der Aufgaben in die Cloud „Schulbox“ hochzuladen, funktioniere nicht immer. Ihr Bruder Tim, Sechstklässler an der Realschule plus in Weisenheim am Berg, findet das ganze Homeschooling ziemlich nervig. „In der Schule könnten wir auch mal den Lehrer fragen“, meint der Zwölfjährige, der aber tapfer versucht, jeden Tag ein Fach zu bearbeiten. Manchmal könne er Dokumente nicht öffnen, „weil wir nicht die richtige Software haben“. Die Mutter, Jennifer Bauer, muss öfter bei technischen Dingen helfen, ständig Papier und Toner des Druckers im Blick haben. Sie kritisiert, dass jede Schule ihr eigenes System hat.
Fernunterricht ist für Grundschulen schwierig
Fernunterricht sei vor allem in der Grundschule schwierig, in der „die Kinder das Lernen ja erst lernen“, wie Angela Wilhelm, Rektorin in Carlsberg, deutlich macht. „Es ist anstrengend, sich per Skype über Probleme auszutauschen, allein schon aufgrund der verzögerten Sprachübermittlung“, sagt sie. Dass Schüler durch Homeschooling abgehängt werden, befürchtet sie nicht, „solange die Eltern die in der Schule bereit gelegten Übungsunterlagen abholen und die Kinder auch damit arbeiten“. Für eine Klasse sei eine Cloud eingerichtet. Die Lösungen werden zeitversetzt zur Verfügung gestellt. Jede Lehrkraft sei über eine persönliche E-Mail-Adresse zu erreichen und auf der Homepage werden die Eltern auf dem Laufenden gehalten.
Auch an der Dekan-Ernst-Schule in Grünstadt steht das Unterrichtsmaterial analog und digital zur Verfügung. Über die Cloud „Schulbox“, mit deren Umgang die Eltern nach Anlaufschwierigkeiten inzwischen vertraut seien, würden auch Erklär-Videos der Lehrer hochgeladen, sagt Marina Röhrenbeck aus dem Medienteam. Kommuniziert werde über E-Mail, Messenger-Dienste, Telefon und Videokonferenzen. „Die häufigste an uns gerichtete Frage dreht sich darum, ob alle bereitgestellten Aufgaben bearbeitet werden müssen“, erzählt sie und beruhigt: „Nein, nur so viele, wie jeweils zu schaffen sind.“ Rektorin Nicole Kaufmann versichert, dass man als Schwerpunktschule bestens darauf vorbereitet sei, im Präsenzunterricht die daheim eventuell entstandenen, unterschiedlich großen Wissenslücken zu schließen.
Gefühle kommen zu kurz
Online-Stunden seien eine gute Möglichkeit, überhaupt Lehrstoff weiterzugeben und dafür zu sorgen, dass der Faden trotz Kontaktsperre nicht abreißt, sagt Kerstin Becker, Leiterin der Kerzenheimer Grundschule. „Lerninhalte individuell zu modifizieren, ist aber digital nicht machbar.“ Auch der in den ersten Klassen wesentliche handlungsorientierte Unterricht gehe online nicht, so Becker. „Und wichtige emotionale Momente fallen ebenso aus.“
Die sechsjährige Thea, Abc-Schützin aus Altleiningen, findet die gegenwärtige Situation komisch. Die Aufgabenblätter werden im Dorfladen abgeholt und bei Unsicherheiten wird die Mama gefragt. „Ich mache weniger als in der Schule“, räumt sie ein. Papa Martin Schilling, der noch ein Kindergartenkind, einen Fünft- und einen Siebtklässler zu Hause hat, meint: „Eigentlich ist Homeschooling ganz okay, aber es sollte nicht zu lange dauern. Ich bin nur froh, dass wir auf dem Land leben und einen Garten haben.“