Unsere Heimat von Oben RHEINPFALZ Plus Artikel Lautersheim: Das Dorf, wo jeder jeden kannte

Lautersheim von oben. Insgesamt sind 44 richtige Lösungen zu unserem Luftbildrätsel eingegangen. Eine RHEINPFALZ-Kaffee-Dubbetas
Lautersheim von oben. Insgesamt sind 44 richtige Lösungen zu unserem Luftbildrätsel eingegangen. Eine RHEINPFALZ-Kaffee-Dubbetasse gewonnen hat Christine Graf aus Lautersheim.

Ganz unterschiedlicher Meinung waren die Luftbildrätsler über den Schwierigkeitsgrad dieser Aufgabe: Die einen haben Lautersheim direkt erkannt, während ein anderer die Kirchen aller Dörfer im Leiningerland mit dem markanten Gotteshaus auf dem Luftbild verglichen hat – um dann mit Wattenheim zunächst doch falsch zu liegen. Erst durch Zufall kam er auf die richtige Lösung.

Von Lorenz Hofstädter

Sabine Appel, Hettenleidelheim: Die Lösung hatte ich gleich, denn so viele Orte, in denen Pferdeliebhaber auf ihre Kosten kommen (etwa in den schönen Ferienwohnungen des Lautersheimer Gutshofs), gibt es in der Umgebung nicht mehr: Ganz eindeutig Lautersheim! Nicht ganz so eindeutig ist allerdings, wie lange es den Ort schon gibt. Bekannt ist, dass Lautersheim im Mittelalter zum Kloster Höningen gehörte und auch das Kloster Rosenthal Eigentum in Lautersheim besaß. Auch die Leininger Grafen mischten hier mit: Der Ort gehörte lange zum Besitz der Grafschaft Leiningen-Westerburg, bis er 1793 von den Franzosen besetzt wurde und bis 1814 als pfälzischer Ort ein Teil Frankreichs war. Bevor die Pfalz 1816 zu Bayern kam, waren die Lautersheimer ein Jahr lang Österreicher! Bereits ab 1818 gehörte Lautersheim zu Kirchheimbolanden beziehungsweise zum Donnersbergkreis und seit 1972 zur Verbandsgemeinde Göllheim. Nachbarorte sind Biedesheim, Quirnheim, Ebertsheim und Kerzenheim. Lautersheim ist keine Durchfahrtsgemeinde. Man muss schon gezielt über die K 71 und L 448 von Göllheim nach Ebertsheim fahren, um durch Lautersheim zu kommen. Vorwiegend in der Hauptstraße stehen noch einige Gebäude aus dem 19. Jahrhundert unter Denkmalschutz, zum Beispiel die Protestantische Kirche, erbaut ab 1837 aus Rotsandstein nach Entwürfen des damals bekannten Architekten August von Voit, der unter anderem auch die Pläne für die Königkreuzkapelle (1835) in Göllheim lieferte. Interessant auch die Katholische Kirche Sankt Josef, eine barackenartige Notkirche aus Holz (1912). In Lautersheim wurde auch Ton abgebaut. So bezog auch die Steingutfabrik Grünstadt (1801 bis 1980) ihren Ton teilweise aus dem Schacht der Schamotte-Werke Karl Fliesen AG in Lautersheim. Der Name des ortsansässigen Theatervereins „Erdklotztheater“ stammt übrigens vom Spitznamen ab, den die Bewohner der Nachbardörfer den Lautersheimern aufgrund des Tonabbaus in Klotzform gegeben haben.

Adrian Tabacki: Lautersheim ist für mich ein ganz berühmtes Durchfahrtsörtchen, da man von Grünstadt durch dieses Dorf muss, um nach Rüssingen zu gelangen. Sofern einen nicht private Gründe, wie bei mir, nach Rüssingen ziehen, kann man dort zumindest den klassenhöchsten Fußball in unserer Region bestaunen und früher auch noch ab und zu Mario Basler am Ball bewundern. Das Luftbild muss allerdings etwas älteren Jahrganges sein. Rechts unten im Foto fehlt nämlich ein Einfamilienhaus. Und Ecke „Neun Morgen“ und „Wintergasse“ ist noch ein freier Bauplatz, der aktuell jedoch bereits mit einem weißen Einfamilienhaus mit schwarzem Dach bebaut ist.

Gunther Isbarn: Das war schon eine Herausforderung. Aber Lage und Bauweise der Protestantischen Kirche mit den beiden Schulgebäuden nebenan sowie insbesondere der bei Pferdeleuten bekannte Lautersheimer Gutshof am rechten Bildrand sind wichtige Erkennungsmerkmale des Ortes.

Joachim Schwalb: Erkannt habe ich Lautersheim an der protestantischen Kirche sowie dem markanten Gutshof und dem sich daran anschließenden Neubaugebiet rechts und links der Göllheimer Straße. Einen entfernten familiären Bezug zu Lautersheim habe ich insofern, dass mein Urgroßvater in den 1880er Jahren für einige Zeit im benachbarten Rodenbach gewohnt hat und in der „Lautersheimer Erdekaut“ als „Thongruben-Aufseher“ beschäftigt war.

Martina Benz: Das heutige Rätsel war nicht ganz einfach. Schließlich konnte ich den Kirchturm meiner Nachbargemeinde Lautersheim zuordnen. Einen Uznamen oder interessante Geschichten kenne ich nicht.

Sommer-Bad in Tongruben

Dietmar Neu: Von wegen „kein touristisches Kleinod“! Lautschem, der Ort in dem ich meine Kindheit und Jugend erleben durfte. Dort, wo jeder jeden kannte und man auch im Winter mal komplett von der Außenwelt abgeschlossen war. Im Norden waren früher die Tongruben, in denen man im Sommer auch mal baden konnte und von wo aus bestes Rohmaterial in die Welt verschifft wurde. Im Osten der Sportplatz des SV, auf welchem so manches Derby gegen die Queeremer Quetsche ausgetragen worden ist. Windräder und der „Damm“ im Westen und eine damals für nur wenige Jahre geplante Holzkirche im Süden. Das alles umrahmt die imposante Kirche im Zentrum des Dorfes, die für alle ein touristischer Anziehungspunkt sein sollte. Da habe ich so manches erlebt in Lautersheim und komme heute noch gerne nach Hause.

Christine Graf: Lautersheim punktet mit seiner tollen Aussicht. Unser Haus am südlichen Rand des Dorfes ist auf dem Bild leider angeschnitten.

Ulrike Meischatz-Weber, Hettenleidelheim: Pferdeliebhaber war für mich das Stichwort, denn wir sind einige Jahre nach Lautersheim zum Reitunterricht gefahren.

Irene Vonhof, Grünstadt: Unter anderem für mich erkennbar an der kleinen „Notkirche“ St. Joseph (im Bild links mit der Grünfläche) und der evangelischen Kirche. Auch der Gutshof oben rechts im Bild mit dem dahinter liegenden, nahezu rechteckigen Straßengrundriss „Göllheimer Straße/Turnstraße“ half mir bei der Identifikation.

„Schmerzhaft, aber schön“

Kurt Dinger aus Kindenheim: Ich habe dieses liebenswerte Dörfchen gleich erkannt. Auf meinen Wanderungen von Kindenheim nach Eisenberg, oder weiter zum Eiswoog, komme ich jeden Monat – mindestens – einmal durch Lautersheim. Wenn ich dann so am Sportplatz vorbeilaufe, kommen meist schöne, aber auch teils schmerzhafte Erinnerungen an unzählige „Fußballschlachten“ mit den Aktiven und später dann mit unseren „Alten Herren“ von Kindenheim gegen die Mannschaften von Lautersheim hoch. Aber schön war’s trotzdem.

Weltbeste Granatsplitter

Maria Altheimer, Hettenleidelheim: Wir sehen auf dem Foto von oben Lautersheim. Bekannt unter anderem durch den Gutshof Bauer mit seinen Pferden und der Reithalle. Vor allem unsere jüngste Tochter fand dort in Teenager-Zeiten ihr Glück auf dem Rücken der Pferde. Jede Woche auf dem Weg zum Reitstall mussten wir an der damals noch vorhandenen Bäckerei halten. Dort gab es die „weltbesten Granatsplitter“, so die Meinung unserer Töchter.

Dirk Fehrenbach, Grünstadt: Kirche, Gutshof und der ein oder andere Straßenverlauf (...) – dies führte mich zur Lösung nach Lautersheim an den Rand des Donnersbergkreises. Ein Uznamen für die Lautersheimer ist mir – wenn auch schon lange nicht mehr wirklich gehört – aus früheren Jahren noch in Erinnerung: Erdklotz beziehungsweise Erdklötze. Zumindest konnte ich in meiner Kindheit von älteren Mitbürgern und Familienangehörigen diesen Ausdruck aufschnappen. Denn in der Lautersheimer Gemarkung wurde früher wohl Ton abgebaut, der unter anderem auch zu uns nach Grünstadt in die alte Steingutfabrik geliefert worden sein soll. Jetzt gehe ich doch bei Erdklotz mal davon aus, dass die damaligen Arbeiter den Ton in größeren Klötzen (Quadern) abgebaut beziehungsweise geschnitten haben. Und wenn man schon derlei Erdklötze abbaut oder durch die Gegend karrt, dann dürfte der Schritt zu diesem Uznamen in der Umgebung ein kleiner gewesen sein.

Udo Diemer, Wattenheim: Wenn wir von unserem Dorfrand Wattenheim nordöstlich schauen, sieht man das heute gesuchte Dorf auf einer Anhöhe – Lautersheim. Arg viel oder spektakuläre Schlagzeilen sind von diesem Ort nicht bekannt. Wenn man die Charakteristik der Straßen des Dorfes betrachtet, dann sind die beiden Straßen am oberen Rand der Luftaufnahme, ganz rechts die Turn- und links davon die Göllheimer Straße. Zu Lautersheim fällt mir ein, dass ich als kleiner Junge mal mit meiner Mutter von Wattenheim dahin gelaufen bin – Heimweg ab Ebertsheim mit dem Zug nach Hettenleidelheim und dann weiter zu Fuß. Ich habe bis heute nicht vergessen, welch ein Gewaltmarsch mir da zugemutet wurde. Einen Uznamen kenne ich nicht für das kleine Dorf. Interessant ist, dass die katholische Gemeinde Sankt Joseph eine Notkirche aus Holz aus dem Jahr 1912 ist. Auch noch interessant: Die Steingutfabrik Grünstadt hat ihren Ton früher teilweise aus dem Gebiet der Gemeinde Lautersheim bezogen.

Bernd Knieriemen, Ebertsheim: Das Luftbildrätsel war sehr schwer. Zuerst hatte ich Wattenheim vermutet. Dazu bin ich extra hingefahren um mir die Kirche anzusehen, die ich auf dem Bild zu glauben erkannt hatte. Ein paar Tage später bin ich dann durch Zufall auf Lautersheim gestoßen, als ich mein Leergut an die Sammelstelle in Ebertsheim fuhr. Hier sah ich die Kirche von Lautersheim. Ich bin gleich hochgefahren und habe ein Bild von der Kirche gemacht. Bei Google Maps habe ich mir noch den Straßenverlauf angesehen und das hat mich bestätigt. Übrigens: Ich hab’ mir im Internet alle Kirchen angesehen. Jetzt kenne ich mich aus.

Historisches: Ein Dorf mit eigener Währung

Sicher, die „nur“ 52 Einsendungen zum 19. Luftbildrätsel sind – insbesondere nach dem Teilnehmerrekord mit 254 E-Mails zu Höningen in der Folge davor – mengenmäßig nicht gerade der Brüller. Die relativ wenigen miträtselnden Leser haben dafür allerdings unglaublich viele interessante neue Informationen über Lautersheim geliefert. Oder haben Sie schon gewusst, dass in früherer Zeit immer ein bisschen Lautersheim dabei war, wenn sich in Europa feinere Leute die Hände wuschen? Grund dafür war der Lautersheimer Boden. Um genau zu sein: die hochwertige weiße Tonerde. Sie wurde ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in dem heute über 600 Einwohner zählenden Dorf abgebaut.

Super geeignet für Porzellan

Die Lautersheimer Erde eignete sich hervorragend für die Porzellanherstellung; kein Wunder also, dass der weiße Ton auch von Villeroy & Boch in Mettlach für deren Sanitär-Produkte aus Porzellan Verwendung gefunden hat. Die Hochzeit des Tonabbaus erlebte das heute im Donnersbergkreis liegende Dorf etwa von 1900 bis 1925. „Zu der Zeit arbeiteten mehr als 100 Leute im Tagebau in den Lautersheimer Gruben“, weiß Ortsbürgermeister Thomas Mattern (SPD). Und auch, dass der pfälzische Spitzname der Lautersheimer, die „Erdklötze“, wohl in dieser Zeit seinen Ursprung hatte. Die „Lautschemer Erdklötz“ sind zwar bei weitem nicht so geläufig wie die tierischen Versionen der Nachbarn – etwa die „Rodebacher Podehammel“ oder die „Kerzremmer Eidechse“ –, doch einige unserer Leser haben die Geschichte dieses Spitznamens noch gekannt. Immerhin wurde ja auch bis in die 60er Jahre hinein Lautersheimer Ton abgebaut.

Dorf mit eigener Währung

Nun mag für viele die Vermutung naheliegen, dass die beiden Schaufeln im Lautersheimer Wappen auch dem Tonabbau geschuldet sind. Das stimmt allerdings nicht. Mattern: „Das Wappen wurde lange vor Entdeckung der Tonerde festgelegt. Die abgebildeten Werkzeuge sollen Pflugscharen darstellen.“ Im Zusammenhang mit dem Tonabbau steht dagegen ein ganz besonderes Lautersheimer Phänomen: ein Zahlungsmittel, das nur in Lautersheim gegolten hat.

Lautersheimer fragen noch heute stolz: „Welches Dorf kann schon von sich behaupten, mal eine eigene Währung gehabt zu haben?“ Denn in der Blüte des Tonabbaus gab es für die Ton- und Erdengräber sogenannte Biermünzen als Leistungszulage. Diese konnten die Arbeiter in den Lautersheimer Wirtschaften meist in flüssiges Gold, also Bier, umtauschen. Ortschef Mattern betont augenzwinkernd, dass am Donnerstag-Stammtisch in der Gemeindehalle die Biermünzen zwar kein reguläres Zahlungsmittel seien: „Wer mir aber so eine bringt, dem gebe ich sofort ein Bier aus.“

Lautersheimer in Hamburg

Einer, der die Biermünzen garantiert auch kennt, wohnt seit Jahrzehnten in Hamburg: Manfred Philipp. Der heute 83-Jährige lebte zwar nur von 1950 bis 1954 in Lautersheim, ist seiner alten Heimat aber immer innig verbunden geblieben. So macht er jedes Jahr in der Pfalz Urlaub und schaut dann selbstverständlich in Lautersheim vorbei: gerade bei seinen ehemaligen Schulkameraden an bewusstem Donnerstag-Stammtisch.

Ein weiterer Beweis seiner besonderen Heimatverbundenheit: Seit Jahrzehnten geht jeden Tag zumindest ein Exemplar der „Unterhaardter Rundschau“ nach Hamburg – schließlich will Philipp auf dem Laufenden bleiben. Seit ein paar Wochen wissen auch unbedarfte Besucher seiner Hamburger Wohnung sofort, wofür das Herz des Bewohners schlägt – zur Lautersheimer Kerwe hat Philipp eine große Ortsfahne gekauft, die nun im hohen Norden das Wohnzimmer ziert.

Dass sich die Lautersheimer in ihrem Dorf wohlfühlen ist nicht neu, wie nicht nur die Zuschriften beweisen. Schließlich hat man dort auch in früherer Zeit zu feiern gewusst: etwa im Saal Joos, bei dem man fast schon Angst haben musste, dass der schwingende Tanzboden den Besucheransturm nicht übersteht, wie sich ältere Kerwegäste erinnern.

Oder in der 3. Halbzeit nach den Fußballschlachten auf dem – auf dem Luftbild abgeschnittenen – Sportplatz der Gemeinde. Vielleicht war das ja mit ein Grund, weshalb die 19. Folge eine der resonanzschwächeren war. Zumal acht der 52 Luftbild-Rätsler mit dem meist genannten Quirnheim, aber auch Wattenheim, Ottersheim und Laumersheim falsch lagen. Dabei ist Lautersheim doch absolut einmalig – wie auch die Zuschriften unserer Leser beweisen.

Eines der 13 Kulturdenkmäler in Lautersheim: die protestantische Kirche
Eines der 13 Kulturdenkmäler in Lautersheim: die protestantische Kirche
Die katholische Gemeinde nutzt auch heute noch die Kirche Sankt Joseph, eine Notkirche aus Holz aus dem Jahr 1912.
Die katholische Gemeinde nutzt auch heute noch die Kirche Sankt Joseph, eine Notkirche aus Holz aus dem Jahr 1912.
Zeigen die Verbundenheit zu Pferden: die Statuen vor dem Lautersheimer Gutshof.
Zeigen die Verbundenheit zu Pferden: die Statuen vor dem Lautersheimer Gutshof.
Früher Stätte einiger heißer Fußball-Derbys, heute nur noch Bolzplatz: der Rasenplatz des Sportvereins.
Früher Stätte einiger heißer Fußball-Derbys, heute nur noch Bolzplatz: der Rasenplatz des Sportvereins.
Sind schon lange im 286 Meter hoch liegenden Lautersheim: Windkraftanlagen.
Sind schon lange im 286 Meter hoch liegenden Lautersheim: Windkraftanlagen.
Der Veranstaltungsort vieler großer Feiern und des Donnerstag-Stammtischs: die Gemeindehalle.
Der Veranstaltungsort vieler großer Feiern und des Donnerstag-Stammtischs: die Gemeindehalle.
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