Leiningerland
Krankheitswelle: Was die Notbetreuung für Kitas bedeutet
„Dass wir mal in so eine Lage kommen würden, hätte ich mir nie träumen lassen. Das ist kein Einzelschicksal, sondern politisches Versagen“, sagt Claudia Theobald über die aktuelle Betreuungslage in Kindertagesstätten. Als Vorsitzende des Verbands Kita-Fachkräfte Rheinland-Pfalz kennt sie die Sorgen und Nöte vieler Betreuungseinrichtungen. Dass eine abgespeckte Notbetreuung wegen Personalmangels vielerorts mittlerweile die Regel ist, sei alarmierend.
Handlungsbedarf sieht die Kindergärtnerin vor allem auf struktureller Ebene. Denn Mitarbeiter, die über die Wintermonate krankheitsbedingt ausfallen, habe es vor 30 Jahren schon gegeben. Dass Einrichtungen aufgrund knapp bemessener Betreuungsschlüssel auch ohne Krankenstand am Limit arbeiten, sei hingegen die Zuspitzung einer „Katastrophe“, die sich über viele Jahre angebahnt habe.
Zu wenig Personal für Kinderbetreuung
Den Grund dafür vermutet die Expertin in der Ausweitung von Rechtsansprüchen auf eine Kinderbetreuung, ohne die Einrichtungen mit ausreichend Personal auszustatten. In Rheinland-Pfalz war dies zuletzt im Jahr 2021 mit der Verabschiedung des Kita-Zukunftsgesetzes der Fall. Darin wird Eltern von Kindern ab zwei Jahren ein Betreuungsanspruch von mindestens sieben Stunden zugesichert.
Die Konsequenz: Erkranken Mitarbeiter, können Kitas die Ausfälle personell nicht mehr abfedern und müssen in den Notbetrieb. „Die Einrichtungen stehen vor der Entscheidung, ob sie die Öffnungszeiten aufrechterhalten oder die Kinder unter prekären Bedingungen betreuen. Wenn ich also meiner Verantwortung nachkomme, bleibt mir nichts anderes als relativ schnell bei Personalausfällen die Öffnungszeiten zu kürzen“, warnt die Vorsitzende.
Notfallplan in Aktion
Dass Theobalds Einschätzung keine Einzelfallanalyse ist, wird auch mit Blick auf die Kitas in Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland klar. Wie eng die Personaldecke gestrickt ist, bekommen viele Einrichtungen angesichts hoher Krankenstände gerade mit voller Wucht zu spüren. Allein von den 77 ausgebildeten Erziehern, die als Teilzeit- und Ganztagsbeschäftigte in den fünf Kitas in Trägerschaft der Stadt Grünstadt angestellt sind, fehlen derzeit krankheitsbedingt 20. Und das teils bereits länger als eine Woche, teilt Dennis Geißler von der Stadtverwaltung mit.
„Die Leitungen der Kindertagesstätten können sich Aushilfen – soweit verfügbar – zur Unterstützung holen. Diese Personen ersetzen allerdings keine ausgebildeten Fachkräfte“, ergänzt Geißler. Für den Fall, dass keine Ersatzkräfte verfügbar sind, ist jede Kita verpflichtet, in einem Notfallplan für personelle Engpässe Maßnahmen zur Einschränkung des Normalbetriebs festzulegen. Vielerorts bestimmt der Maßnahmenplan aktuell den Alltag.
Kita muss für einen Tag schließen
„Heute ist der erste Tag, an dem wir normalen Betrieb machen können“, sagt Claudia Amodeo, Leiterin der Kita 3 L in Ebertsheim. „Lachend Leben Lernen“ lautet das Motto der Einrichtung, zu der neben dem Standort Ebertsheim noch eine Waldgruppe sowie eine Außenstelle in Mertesheim gehören. Viel zu lachen hatten die Mitarbeiter in den vergangenen zwei Wochen aber nicht. Der hohe Krankenstand forderte drastische Schritte.
„Ich musste die Notbetreuung ausrufen“, sagt Amodeo über die prekäre Situation. Nachdem Entlastungsmaßnahmen wie die Zusammenlegung von Gruppen und die Verkürzung der Öffnungszeiten umgesetzt waren, kam es zum Äußersten: Die Außenstelle in Mertesheim musste für einen Tag geschlossen und die Kinder nach Ebertsheim verlegt werden. „Wir haben uns so von Tag zu Tag gehangelt“, erzählt die Einrichtungsleiterin.
Dass es bisher nur an einem Tag zur Schließung kam, führt sie auf die Kooperationsbereitschaft der Eltern zurück. Mittlerweile habe es sich etabliert, dass die per E-Mail über die personelle Lage informiert und darum gebeten werden, ihre Kinder nur bei dringendem Bedarf in den Kindergarten zu schicken.
Langfristige Planunf nicht möglich
Auch in Bockenheim sei der Notfallplan in den vergangenen Wochen „immer mal wieder“ zur Anwendung gekommen, berichtet die stellvertretende Leiterin Christel Findt. „Wir versuchen immer erst, die Dienste so zu schieben, dass es irgendwie passt. Manchmal wird es schwierig, wenn die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet werden kann.“
Langfristige Planung sei aktuell unmöglich. Stattdessen werde von Eltern und Mitarbeitern jeden Tag aufs Neue viel Flexibilität gefordert. Denn obwohl die Kita geöffnet ist, fehlen jede Woche mindestens ein bis zwei Erzieher, schätzt Findt. Das hinterlässt Spuren: „Die Mitarbeiter, die im Einsatz sind, laufen auf dem Zahnfleisch.“
Ausnahme wird zum Alltag
Ähnlich dürfte es den vier der insgesamt elf Erzieher in der Kita Pfalzkitz in Grünstadt gehen. Obwohl mehr als die Hälfte des Personals aktuell ausfällt, sei es bisher möglich, für 25 der im Normalbetrieb 50 Kinder die Betreuungszeiten ohne Verkürzung aufrechtzuerhalten, berichtet Leiter Markus Schubert. Den Grund dafür sieht er in der hohen Kooperationsbereitschaft der Eltern. Mit ihnen stehe die Kita per E-Mail in ständigem Austausch.
Auch an anderer Stelle in Grünstadt fehlt es krankheitsbedingt an Personal. Auf fast die Hälfte der elf Betreuungskräfte müsse man im katholischen Kita St. Peter verzichten. „Es ist selten, dass wir hier mal einen Tag haben, an dem alles normal läuft“, berichtet die stellvertretende Leiterin Silke Kauth-Schröter. Grund dafür seien besonders Atemwegserkrankungen, die Kinder und Personal außer Kraft setzten. Gemeinsame Ausflüge, Bildungs- und Sportangebote könnten daher nur sehr eingeschränkt stattfinden.
Nicht ganz so prekär stellt sich die Lage in den Evangelischen Kitas Beim Bergtor und Pusteblume in Grünstadt dar. „Im Vergleich zu den Krankheitsfällen im letzten Jahr zu dieser Jahreszeit ist es nicht viel anders“, resümiert Carmen Merkel, stellvertretende Leiterin der Kita Pusteblume. Ohne Abstriche im Kita-Betrieb und eine Verkürzung der Öffnungszeiten am Nachmittag um 30 Minuten gehe es trotzdem nicht. Denn immerhin fehlen auch hier drei der insgesamt 14 Arbeitskräfte, Praktikanten eingeschlossen.
Enge Abstimmung mit den Eltern
In der Kita St. Nikolaus in Neuleiningen setzt man auf die Mithilfe der Eltern. „Gerade ist es entspannt, aber im Oktober und November haben wir die Eltern darum gebeten, die Kinder früher abzuholen“, sagt Einrichtungsleiterin Christine Bücklein. Gemeinsame Aktivitäten wie Turnen fielen dem Personalmangel in der Notbetreuung als erstes zum Opfer. In der „Villa Kunterbunt“ in Kindenheim liegen nicht nur Erzieher, sondern auch viele Kinder flach. Bindehautentzündung, Fieber und Husten kursierten seit Wochen unter den Kleinen und Großen, berichtet Leiterin Sabrina Oertel.
In der Kita „Am alten Steinbruch“ in Hettenleidelheim gibt es dagegen ein vorsichtiges Aufatmen. Nachdem die Einrichtung in den vergangenen beiden Wochen mit verkürzten Öffnungszeiten, der Streichung von Ausflügen und vielen Überstunden den Betrieb trotz Personalmangels über Wasser hielt, hat sich die Lage laut Leiterin Dorothee Mann wieder etwas entspannt.
„Ziemlich schlecht“ sieht es laut Erzieherin Kerstin Müsel in der Kita „Am Wiesenpfad“ in Hettenleidelheim aus. Im Blauen Haus der zweigeteilten Einrichtung ist Müsel als Einzige von insgesamt fünf Erziehern übriggeblieben. „Wir hangeln uns mit viel Improvisation von Tag zu Tag“, erzählt sie über den Alltag in Unterbesetzung. Von den sonst 42 Kindern könnten im Notbetrieb gerade einmal zehn betreut werden. Dabei versuche man, Kindern von Berufstätigen mit akutem Betreuungsbedarf den Vorrang zu geben. Die Kommunikation zwischen Eltern und Kita findet über die Kita-App Leandoo statt.
Alarmierende Zustände in ganz Rheinland-Pfalz
Die Zustände in Grünstadt und der Verbandsgemeinde Leiningerland sind gewissermaßen eine Blaupause für den Negativtrend im ganzen Bundesland. Zahlen aus dem kürzlich veröffentlichten Ländermonitor „Frühkindliche Bildungssysteme“ der Bertelsmann-Stiftung für Rheinland-Pfalz belegen dies. Der Studie zufolge klafft aktuell eine Lücke von 27.400 Plätzen zwischen Betreuungsangebot und Bedarf der Eltern. Und das, obwohl die Eltern einen Rechtsanspruch auf die fehlenden Plätze haben.
Von den Kindern in rheinland-pfälzischen Kitas würden drei Viertel in Gruppen mit „nicht-kindgerechten Personalschlüsseln“ betreut. Mit Blick auf den Mangel von 5.300 Fachkräften, den die Analyse Rheinland-Pfalz attestiert, verwundert das nicht. Für die Zukunft prognostiziert die Studie sogar eine Zuspitzung des Missstands. Bis zum Jahr 2030 werde es dem Land weder gelingen, den Bedarf der Eltern zu erfüllen, noch die Personalschlüssel auf das Durchschnittsniveau westdeutscher Bundesländer zu heben, so die Vorhersage.
„Das ist für alle eine belastende Situation“, gibt die Vorsitzende des Fachkräfte-Verbands, Claudia Theobald, zu bedenken. „Besonders für die jungen Kinder, die durch Notfallkonzepte aus ihrem Gruppenalltag gerissen werden und auf pädagogische Angebote verzichten müssen.“