Grünstadt
„Keine Rebzeile ohne Plastik“
Was Bürger ärgert: Wenn der Laumersheimer Stefan Klug die Pheromon-Ampullen sieht, die Winzer an ihre Rebstöcke gehängt haben, ärgert er sich. Nicht weil er Mitleid mit dem auf diese Art bekämpften Traubenwickler hat, sondern weil die meisten dieser braunen Kunststoffteile bislang in den Wingerten geblieben sind und so ihren Weg in den Boden und die Gewässer finden.
„Keine Rebzeile ohne Plastik“, schimpft der Laumersheimer und nimmt uns – noch vor der jährlichen Aktion der Pheromonanwender – mit auf einen seiner Spazierwege. Stefan Klug wohnt im Holzweg, der hinter seinem Haus in einen Feldweg zwischen Weinbergen übergeht. Mehrere Betriebe haben hier Rebflächen, und überall entdeckt man Kunststoffe: gebrauchte braune Dosierspender für den Duftstoff Pheromon (sogenannte Dispenser), aber auch blaue Netze oder bunte Getränkekartons für den Rebschutz, grüne Kunststoffschnüre, gelbe Flatterbänder gegen Krähen und Stare. Plastik wird zwar auch im Gemüseanbau verwendet, man denke nur an die großen Abdeckfolien, die bei Sturm mal gerne die Landschaft verunstalten. Aber mit dem Weinbau und seinem naturnahen, edlen Image passe das nicht gut zusammen, meint Klug. Der Maschinenbau- und Sicherheitsingenieur sagt: „Die Industrie wird unheimlich auf Ressourcenschonung und Abfallentsorgung getrimmt, da fällt einem das Verhalten der Winzer in Sachen Plastik umso mehr negativ auf.“
Alte Pheromonampullen müssen entfernt werden
Vor allem stört sich der Laumersheimer an den braunen Ampullen, die einen künstlichen Lockstoff zur Verwirrung der Traubenwicklermännchen enthalten. „Die müssten eigentlich jedes Jahr von den Winzern entsorgt werden, aber stattdessen landen sie beim Rebschnitt auf dem Boden und werden zusammen mit den Pflanzenteilen zerhäckselt und in die Erde eingebracht“, sagt Klug und zeigt auf die vielen abgeschnittene Ruten, an denen noch Dispenser hängen. Als sogenanntes Mikroplastik fänden die Kunststoffpartikel dann den Weg über Bäche und Flüsse ins Meer. Jedes Frühjahr hängen die in Pheromonanwendergemeinschaften zusammengeschlossenen Winzer und ihre Helfer pro Hektar Rebfläche 500 solcher Dispenser an die Weinstöcke. Eine kleine Umfrage zeigt: Viele Weinerzeuger sind lange Zeit davon ausgegangen, dass der Kunststoff der Ampullen, in die das Unternehmen BASF das Pheromonprodukt RAK 1 + 2 M füllt, unbedenklich sei. So habe man es den Anwendern früher versichert, sagen die Laumersheimer Winzer Gernod Lichti und Mario Zelt sowie ihr Kollege Andreas Merkel aus Kleinniedesheim. Die BASF wiederum teilt auf Anfrage mit, es sei von Anfang an darauf hingewiesen worden, dass der Kunststoff nicht verrottet und entsprechend entsorgt werden müsse. Lichti, Zelt und Merkel fragen sich, wieso das erst seit ein, zwei Jahren, zum Beispiel über die Weinbauempfehlungen, kommuniziert werde. Nach Angaben der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier gibt es momentan in Rheinland-Pfalz 181 Anwendergemeinschaften, die den biotechnischen Pflanzenschutz auf 37.400 Hektar betreiben. Zehn davon wurden im vergangenen Jahr kontrolliert. Das Ergebnis laut ADD: Auf 9,6 Prozent der geförderten Gesamtfläche von 672 Hektar seien gebrauchte Dispenser nicht entfernt worden. Gefragt nach einer Einschätzung dieses Umweltproblems verweist die ADD auf die Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd in Neustadt. Diese teilt mit: „Konkrete Erkenntnisse über das Ausmaß nicht ordnungsgemäß entsorgter Kunststoffabfälle im Bereich von Rebflächen liegen uns nicht vor.“ Als die RHEINPFALZ-Redaktion Bad Dürkheim vor einem Jahr über das Problem berichtete, hieß es vonseiten der ADD, man schätze die Müllbelastung durch nicht eingesammelte Ampullen, gemessen an deren Nutzen, als „relativ gering“ ein. Das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) in Neustadt betont auf Anfrage, dass man die Weinbaubetriebe über die Infodienste auf das Entsorgungsgebot hinweise. „Es ist aber eine Frage der Einstellung, ob die Ampullen auch wirklich entfernt werden“, sagt Jürgen Oberhofer von der Abteilung Weinbauberatung. Plastik als Problem sei noch nicht in allen Köpfen drin.
„Was sind die Alternativen?“, fragt Winzer Mario Zelt
Mario Zelt will den Vorwurf, die Landschaft zu vermüllen, nicht auf den Winzern sitzen lassen. „Was gibt es denn für Alternativen?“, fragt er. Er findet es schade, dass es Forschung und Herstellern nicht gelingt, Ampullen und andere Hilfsmittel wie Schnüre und Schläuche aus biologisch abbaubarem Material zu produzieren. „Die meisten von uns Winzern sind doch bemüht, in der Natur keinen Schaden anzurichten“, sagt Mario Zelt und nennt als Beispiel die bienenfreundliche Begrünung der Rebzeilen. Gernod Lichti findet es gut, dass beim Thema Pheromondispenser nun offenbar ein anderer Wind weht. „Es wird sich schon allein aus Angst vor dem Verlust von Zuschüssen etwas bewegen“, meint er. Und Andreas Merkel versichert: „Meine Leute sind angewiesen, alles einzusammeln, was sie im Wingert an Plastik finden.“ Stefan Klug weist unterdessen auf Forschungsergebnisse hin, über die das ZDF kürzlich berichtet hat: Demnach liegt in unseren Böden bis zu 20-mal so viel Mikroplastik wie im Meer. Die Hauptquellen seien der Abrieb von Autoreifen, Verluste bei der Abfallentsorgung und Kunststoff im Biomüll sowie Granulate von Kunstrasenplätzen. Pro Hektar Ackerfläche hätten die Wissenschaftler Belastungen von 150.000 Mikroplastikteilchen errechnet. Über Regenwürmer zum Beispiel gelange dieses Mikroplastik in die Nahrungskette.