Grünstadt Kein Platz für Siegerrituale

Unser Autor: Christoph Rehm.
Unser Autor: Christoph Rehm.

Bilder spielten sich am vergangenen Wochenende im Rheinland ab. Kölns Sturmtank Jhon Córdoba hatte im Zweitligaspiel gegen St. Pauli die komplette Hintermannschaft der Gäste 90 Minuten lang derart brachial hinter sich hergeschleift, dass Thorsten Legat vor Rührung mit seinen bloßen Händen einen massiven Hinkelstein zertrümmert hätte. Nach dem Schlusspfiff versteckte der dreifache Torschütze den Spielball dann derart versiert unter seinem Trikot, dass es allein dem wachsamen Argusauge von Kommentator Martin Groß zu verdanken war, dass dieser Vorgang den Zuschauern an den Bildschirmen nicht verborgen blieb. „Ja, da hat sich Jhon Córdoba den Spielball geschnappt und unter seinem Trikot versteckt. Den wird er natürlich zur Erinnerung mit nach Hause nehmen! Haha!“ Aber natürlich wird er das, dieser Spitzbube. Haha! So, als sei es das Normalste auf der Welt, zur Erinnerung an einen erfolgreichen Arbeitstag seinen Arbeitgeber zu bestehlen. Merkwürdige Einstellung. Wo kommen wir denn da hin!? Heute nimmt er den Spielball mit nach Hause, morgen ein paar Sitzschalen für die Veranda und nächste Woche die ganze Westtribüne? Spaß beiseite, in Wahrheit zog in diesem Moment vielmehr das gesamte Elend einer Kreisligakarriere an mir vorbei. Nur zu gerne hätte auch ich nach einem meiner spärlich gesäten Erfolgserlebnisse den Spielball mit nach Hause genommen, mit meinem Gegenspieler das Trikot getauscht oder zumindest den lokalen Radiosendern ein verlogenes „Es geht nicht um mich – wichtig ist, dass die Mannschaft heute gewonnen hat!“ in die Mikrofone gestammelt. Doch für derartige Siegerrituale ist in der Kreisliga kein Platz. Hier geht es lediglich darum, nach dem Spiel die Eckfahnen einzusammeln, das Trikot auf links zu ziehen und – um Himmels willen! – die Stutzen mit nicht mehr als 30 Grad zu waschen. Hat man tatsächlich mal in der 90. Minute den entscheidenden Siegtreffer erzielt, darf man zum Dank der ganzen Mannschaft auch noch einen Kasten Bier spendieren. Sich im Alleingang von den eigenen Fans feiern lassen? Am Spielfeldrand Interviews geben? Ball und Trikot mit nach Hause nehmen? Da lacht der ganze Sportplatz! Und der Zeugwart wählt vorsichtshalber schon mal die 110. Nein, ein solcher Egotrip ist im Amateurfußball definitiv fehl am Platz. Der Fußball in den unteren Ligen macht demütig. Er schärft den Blick für die kleinen Dinge im Leben. In der Regel ist man schon froh, wenn in der Gästekabine die Duschen funktionieren. Und wenn man darüber nachdenkt, ist das eigentlich auch ganz gut so.

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