Leininger Nachlese
Ist der Grünstadter Bahnhof wirklich so schlimm wie der Frankfurter?
Vielleicht war sie etwas zu forsch im Ton, vielleicht schwang da ein bisschen zu viel unsympathischer Imperativ mit, als mir neulich eine Google-Anzeige beim Surfen auf dem Smartphone befahl: „Sei Teil der Verkehrswende!“ Ich kam schon fast ins Grübeln. Dabei wollte die Anzeige am Ende gar nicht, dass ich an diesem Morgen das Auto stehen lasse und mit der Bahn den Weg nach Grünstadt antrete. „Die Möglichkeiten sind dabei vielfältig und reichen von Triebfahrzeugführer*in, Busfahrer*in, Kundenberater*in, Mechatroniker*in oder Elektroniker*in, bis hin zu Betriebs- und Verkehrsplaner*in und Disponent*in. Auch Quereinsteiger*innen sind herzlich willkommen“, präzisierte die Anzeige beim weiteren Lesen, was sie denn da nun genau von mir erwartete. Bei allem Problemverständnis, Klimawandel und so, das wäre mir an diesem Morgen auf die Schnelle dann doch alles zu umständlich gewesen. Bahnpassagier – das hätte ich mir hingegen noch gerade vorstellen können.
Behaupte ich mir selbst gegenüber zumindest immer. Immer dann nämlich, wenn ich mit hohen Benzinpreisen konfrontiert werde, während ich doch gleichzeitig um das recht günstige Deutschland-Ticket weiß. Dann rede ich mir ein, dass es doch eigentlich auf der Hand liegen würde, genau jetzt umzusteigen und wirklich Teil einer Verkehrswende zu werden. Ich tue es am Ende doch nicht, es bleibt bei einer mit Nachdruck vorgetragenen inneren Absichtserklärung. Symbolisch scrolle ich vielleicht noch mal durch den Online-Fahrplan der Bahn, um meine Entschlossenheit auch nach außen hin zu demonstrieren. Vielleicht wäre ich ein guter Politiker.
Bequemlichkeit, Pünktlichkeit, Sauberkeit
Ist es Bequemlichkeit? Das mag eine Rolle spielen. Natürlich hat es auch etwas mit dem laxen Pünktlichkeitsverständnis der Bahn zu tun. Jeder kennt ja einen, der jemanden kennt, der mit der Bahn eigentlich gestern irgendwo ankommen wollte und nun doch erst morgen da ist. Abschreckend, zumal man ja meist ausgerechnet heute irgendetwas erledigen möchte, und dann wäre so ein Nichtankommen lästig.
Ehrlicherweise stören mich aber mittlerweile auch runtergerockte Bahnhöfe. Ich mag es einfach, morgens Kaffeeduft in der Nase zu haben und keinen Uringestank. Da bin ich eigen. Der Grünstadter Bahnhof gilt ja, wie man so hört, nun auch nicht gerade als paradiesisches Kleinod. „Regelmäßig gibt es Beschwerden darüber, dass es am Grünstädter Bahnhof so schmutzig ist“, berichteten wir etwa im vergangenen Jahr. Es war nicht die einzige Geschichte dieser Art. Auch die Google-Bewertungen des Bahnhofs lesen sich über die Jahre ein bisschen wie „Apocalypse Now“: „Die Bahnsteige und Unterführungen sind versifft und eklig. Darüber hinaus lungern rund um das Bahnhofsgebäude auch Personen herum, die offensichtlich nicht zum Zug- und Busfahren hier sind. Insbesondere ab der Dämmerung verspürt man als normaler Bürger hier kaum ein Bedürfnis nach Aufenthalt.“ Das Wort „grenzwertig“ fällt mehrmals. Und einer schreibt sogar: „Gleiche wie Frankfurt egal wo du hinschaust Junkis“.
Gut, nun war ich neulich tatsächlich mal mit der Bahn in der Mainmetropole und muss fairerweise sagen: „Nicht gleiche wie Frankfurt“. Denn dort sieht es dann doch nochmal eine Spur katastrophaler aus. Beißender Uringestank. Müll. Junkies auf dem Boden, draußen wie drinnen. No-Go-Areas. Ganz so schlimm ist die Situation in Grünstadt dann nun doch nicht. Aber es müsste doch noch Einiges passieren, damit ich in Zukunft häufiger mit guten Absichten durch den Online-Fahrplan scrolle.