Grünstadt
Interview mit Ex-Häftling: Was war das Schlimmste am Knast?
Herr Müller, Sie haben gut fünf Jahre im Gefängnis gesessen. So viel auf einmal zu kriegen, ist in Deutschland ja gar nicht so einfach. Was hatten Sie denn verbrochen?
Ich war Steuerberater mit vier Kanzleien, 50 Mitarbeitern – eigentlich seriös. Und ich hatte Mandanten, die weit über 100 Millionen Euro besaßen. Man sieht dann, was die sich leisten können. Mich packte die Gier, ich wollte immer mehr, immer mehr. Also lieh ich mir in den 90er-Jahren von Mandanten Geld im Millionenbereich, das konnte ich nach einem Crash nicht zurückzahlen. Und dann hatte ich noch eine Vermögensverwaltung, da fehlten später auf einmal 20 Millionen. Ich hatte das Konto zwar gar nicht leergeräumt, aber es sah so aus – man hat es mir in die Schuhe geschoben. In Wahrheit waren’s drei Anwälte und ein Notar, die sind Jahre später tatsächlich verurteilt worden – und daraufhin kam ich frei.
Moment, das klingt, als hätten Sie ganz unschuldig im Knast gegessen.
Nein, nein, ich habe mehrere Jahre abgesessen, und das war auch in Ordnung. Es ging dabei ja auch um meine überschwängliche Art, mit Mandantengeldern umzugehen – die Sachen aus den 90ern, Unterschlagung, Betrug und solche Dinge. Dafür hatte ich es verdient. Wenn man Gesetze überschreitet und andere Menschen betrügt, dann muss es eine Strafe geben. Ich hab’ das eingesehen.
Jetzt hatten Sie vorher ja Geld nicht nur zusammengerafft, sondern auch in Saus und Braus verpulvert – für ein Luxusleben in der Münchener Schickeria. Trifft einen das Knast-Leben dann umso härter?
Es stimmt, ich habe vorher in großem Luxus gelebt, auf Jachten, in Saus und Braus, in schicken Suiten. Ich habe nach Geld gestrebt, nach Erfolg, nach Ruhm. Ich bekam das alles auch. Aber ich habe dafür einen Preis gezahlt, der das nicht wert war. Im Gefängnis wurde mir bewusst, was wirklich zählt: ein Leben in Bescheidenheit, aber in Verbindung zu Gott. Ich weiß, das klingt irre, wenn ich das so sage, aber: Die Jahre im Gefängnis gehören zu den besten meines Lebens.
Haben Sie das sofort gemerkt, als die Zellentür zum ersten Mal hinter Ihnen zuging?
Nein, natürlich nicht. Ich kam braun gebrannt aus Jamaika, wollte mich stellen – und bin dann doch schon in Wien verhaftet worden. Das macht schon was mit dir, wenn du so im Gefängnis landest. Die Leute, die mit mir Champagner getrunken hatten, die wollten mit dem Müller nichts mehr zu tun haben. Du bist abgeschrieben, am Ende hatte ich noch einen Freund: Charles Brauer, der Schauspieler, der mit Manfred Krug früher im Hamburger „Tatort“ gespielt hat. Der hat mich in München-Stadelheim besucht, hat mir Briefe geschrieben, hat mir Briefmarken geschickt – das ist so die Währung im Knast.
Was ist das Schlimmste am Gefängnis?
Der bloße Freiheitsentzug ist es vielleicht gar nicht, aber die Degradierung. Da ist dann ein 21-jähriger Beamter, der dir sagt, wann du duschen kannst und wann du zu essen hast. Da bleibt die Menschenwürde schon auf der Strecke, selbst in Deutschland.
Aber der Strafvollzug bei uns soll doch so human sein?
Offiziell geht es um Resozialisierung, die Leute sollen auf ein straffreies Leben vorbereitet werden. Aber dafür passiert während der Haft viel zu wenig. Da geht es doch mehr um Vollzug und Vergeltung. Die meisten, die entlassen werden, wollen ja nie wieder zurück ins Gefängnis. Und trotzdem haben wir eine hohe Rückfallquote. Das hat mir schon zu denken gegeben.
In einem Punkt müssen Sie aber eine Sonderbehandlung bekommen haben, und zwar aus gutem Grund: Sie sind querschnittgelähmt.
Ja, ich hatte mit 17 einen Autounfall, bin seitdem im Rollstuhl. Das hat mir nie viel ausgemacht, das Leben ist trotzdem wunderbar. In den 90er-Jahren war ich dann zum ersten Mal verurteilt, aber kein Gefängnis wollte mich aufnehmen. Es gab einfach keines, das dafür ausgestattet war. Ich konnte mit dem Rollstuhl noch nicht einmal durch die Gittertüren. 2004 haben sie mir dann in München-Stadelheim extra was gebaut – das war sehr human, ein großer Raum mit eigenem Bad, ganz neu. Und vor allem mit drei Schreibtischen, für mein Theologiestudium. Ich wollte kein Pfarrer oder sowas werden. Aber ich wollte wissen: Wer ist Gott, wer ist Jesus, wer ist der Heilige Geist.
Und wie war das mit den anderen Häftlingen? Da waren ja nicht nur betrügerische Steuerberater, da müssen ja auch Gewaltverbrecher gesessen haben ...
Naja, es gab zum Beispiel den Anwalt, der mit seinem Ferrari immer viel zu schnell gefahren war. Aber Stadelheim ist ein Untersuchungsgefängnis. Da kommt tatsächlich erst einmal alles rein, was gerade festgenommen worden ist: Mörder, Vergewaltiger, Drogenleute, alles. Ich habe jedoch keine Gewalt untereinander erlebt. Die Menschen dort waren irgendwo gleichgesinnt, denn die andere Front waren die Beamten. Die können zwar auch nichts dafür, dass Leute inhaftiert werden. Aber sie sind halt für die Häftlinge die Gegner, während man untereinander zusammenhält.
Wussten Sie, was die anderen verbrochen hatten?
Ich habe sonntags Bibellesungen mit Mördern und Vergewaltigern gemacht. Aber eigentlich wollte ich nicht wissen, was die anderen begangen hatten. Bei einem Kinderschänder zum Beispiel, da hätte ich wahrscheinlich Vorurteile gehabt. Dabei sind das ja auch Menschen. Leider hängt oft viel von den Eltern ab, wenn jemand auf die schiefe Bahn kommt.
Würden Sie das auch von sich sagen: dass Fehler Ihrer Eltern Sie am Ende kriminell werden ließen?
Nein, ich bin in einem guten Elternhaus aufgewachsen. Meine Mutter war OP-Schwester, mein Vater war Kriminalkommissar. Das ist echt peinlich, wenn du dann als einziger Sohn im Gefängnis landest.
Und wie war das jetzt mit Ihrem religiösen Glauben? Haben Sie den erst im Gefängnis gefunden, oder gab’s den schon vorher?
Vorher hätte ich gesagt: Ich bin zwar katholisch. Aber vor allem bin ich Steuerberater, und der glaubt an Zahlen. Ich hatte so einen Kinderglauben, aber keine echte Beziehung zu Gott. Das hat sich geändert, das ist schon so eine Saulus-Paulus-Geschichte wie in der Bibel.
Die Apostelgeschichte beschreibt den Wandel vom Saulus zum Paulus ja als ziemlich spektakuläres Ereignis: Er hört eine Stimme, die nach ihm ruft, hat eine Lichterscheinung – und danach ist er erst einmal blind. Hatten Sie in Stadelheim auch so ein krasses Erlebnis?
Naja, ich saß halt einsam in meiner Zelle. Und dann denkt man sich: Jetzt müsste Gott doch eigentlich da sein. Weil er muss doch da sein, wenn es einem schlecht geht. Mittlerweile weiß ich: Er ist auch da, wenn es einem gut geht. Aber man merkt es dann oft gar nicht so. Jedenfalls habe ich damals zu ihm gesagt: Ich hab gegen fast alle deine zehn Gebote verstoßen, aber wenn’s dich gibt, dann brauch’ ich dich jetzt dringend. Und er war da.
In der Bibel bietet Gott ja sogar ein Erdbeben auf, um Gefängnismauern einstürzen zu lassen und den Paulus so aus der Haft zu befreien ...
Hat er bei mir nicht, und das war auch in Ordnung. Aber ich habe gemerkt: Da ist einer, der alles mit mir durchmacht. Er hat mir die mentale Stärke gegeben, um fünf Jahre im Gefängnis durchzuhalten. Es war eine harte, aber gute Zeit. Das Theologiestudium hat sehr geholfen.
Und jetzt ziehen Sie als Prediger durchs Land, der Menschen bekehren will?
Ich spreche in Schulen, aber auch in Unis, Gefängnissen, IT-Firmen, sogar in Banken. Meine Zielsetzung ist nicht, die Menschen zu evangelisieren. Ich erzähle meine Geschichte, und meine Geschichte ist wahr. Es geht einfach um den Sinn des Lebens: Glücklich will ja jeder werden. Viele glauben, dass Reichtum mit Glück zu tun hat. Ich hab das ja auch gedacht: Haste was, biste was. Ich denke immer noch: Zu wenig Geld ist schlecht, da kommt man auf dumme Ideen. Aber zu viel Geld ist auch schlecht. Je mehr Geld ich hatte, desto mehr Feinde hatte ich.
Ich vermute, dass Sie kaum Widerspruch bekommen, wenn Sie sagen: Gier macht nicht glücklich. Aber wenn Sie Schülern oder Bankern mit Jesus kommen – schalten die dann nicht doch schnell ab?
Ich sage ja nicht: Du musst jetzt in die Kirche gehen. Aber wenn Menschen keine Ahnung von Gott und von Jesus haben, dann sollen sie sich halt mal einen anhören, der kein Pfarrer ist, aber Jesus kennengelernt hat. Ich sage ihnen: Ihr könnt mit Gott eine Beziehung anfangen. So wie’s im Matthäus-Evangelium steht, ins Moderne übertragen vielleicht so: Geh in dein Zimmer, schalt den Fernseher und das WLAN aus – und fang einfach an, mit Gott zu sprechen. Meine Hoffnung ist: Wenn jemand von den jungen Leuten mal wirklich in Bedrängnis kommt, dann denkt er vielleicht an den verrückten Rollstuhlfahrer aus Bayern. Und er erinnert sich, dass der gesagt hat: Hey, ich hab’ in so einer Situation mit Gott gesprochen – und der hat mich gerettet.
Termin
Josef Müller tritt am Mittwoch, 5. Juli, 19 Uhr, bei der protestantischen Kirchengemeinde in Grünstadt auf. Der Eintritt zur Veranstaltung in der Alten Lateinschule (Neugasse 17) ist frei. Vorher besucht er an dem Tag in der Integrierten Gesamtschule verschiedene Religionskurse der Jahrgänge 8 bis 12.