Obrigheim
Integrationsbeauftragter Karlheinz Christ: Unterstützung bis in den Kreißsaal
Es gibt kaum einen Bereich, in dem sich Karlheinz Christ noch nicht für die Allgemeinheit engagiert hat. Ob als Aktiver bei den „Falken“, einer sozialdemokratischen Jugendgruppe in Worms-Heppenheim, als Fußball-Jugendtrainer und Spielleiter, als Presbyter, als stellvertretender Schiedsmann, als Schöffe, Kerweorganisator oder Grünanlagenpfleger. Vor allem war der Sozialdemokrat bis 2019 vier Jahrzehnte im Ortsgemeinderat, davon zwei Legislaturperioden als Fraktionsvorsitzender, und von 2014 bis 2024 Mitglied im VG-Rat. Während dieser zehn Jahre war Christ parallel auch Migrations- und Integrationsbeauftragter. Dieses Jahr ist das von der Verbandsgemeinde gewürdigt worden: Das Mitglied des Seniorenbeirats Leiningerland erhielt den Ehrenamtspreis 2024.
Die Stelle des Integrationsbeauftragten wurde während der ersten großen Flüchtlingswelle neu geschaffen. Der damalige Chef der Verbandsgemeinde Grünstadt-Land, Reinhold Niederhöfer (SPD), habe ihn angesprochen, erinnert sich der Obrigheimer, der schon immer gern jenen geholfen hat, denen es schlechter geht als ihm selbst. Insgesamt habe er in seiner Amtszeit rund 80 Erwachsene und 35 Kinder unterstützt, die über die Auffanglager Speyer oder Birkenfeld ins Leiningerland kamen.
Mit Händen und Füßen verständigt
„Die meisten, die ich betreut habe, stammten aus Eritrea“, erzählt er. Mit denen sei die Verständigung relativ einfach über Englisch möglich, ebenso wie mit Georgiern und Syrern. Letztere hätten in der Regel auch einen hohen Bildungsgrad. Oft habe er sich jedoch mit Händen und Füßen verständigen müssen, gerade mit Afghanen sei es extrem schwierig, sagt Christ, der sich auch um Personen anderer Nationalitäten gekümmert hat – darunter Iraner, Ägypter und auch einige Ukrainer. „Im Frühling hatte ich eine Russin, die einen Studienplatz gesucht hat, weil sie die Uni in ihrer Heimat verlassen musste, da sie gegen Putin demonstriert hat“, berichtet er.
Tätig zu werden, sei für ihn anfangs nicht einfach gewesen, weil der Datenschutz im Weg stand. „Obwohl ich für die Flüchtlinge zuständig war, durfte mir niemand Auskunft geben, wer wo welche Hilfe braucht“, erinnert sich der 72-Jährige. Unterstützung sei vor allem bei Behördengängen und dem Ausfüllen von Formularen notwendig gewesen. Aber auch etwa bei Arztbesuchen. Christ fällt spontan ein Iraner in Altleiningen ein, dessen vier Kinder zur Zahnbehandlung mussten: „Da sie keine Krankenversicherung hatten, habe ich beim Sozialamt Scheine für die Kostenübernahme geholt und dann die Kinder zum Arzt gefahren.“
Zwei sind einfach verschwunden
Mit einer Afrikanerin sei er sogar mal im Kreißsaal gewesen, bis deren Freundin eintraf. „Um 3.30 Uhr rappelte dann in dieser Nacht mein Telefon und die Frau erzählte, dass sie einen Sohn bekommen habe“, blickt Christ zurück und merkt an: „Das hätte sie mir auch am nächsten Morgen sagen können.“ Er sei zur Taufe eingeladen worden und habe die beiden, die in Dirmstein lebten, weiter begleitet. Der Junge ging in die Kita, alles schien gut, doch nach rund fünf Jahren waren Mutter und Sohn plötzlich spurlos verschwunden. Ähnliches sei ihm zuvor schon einmal passiert, mit einer jungen Eritreerin, die mit ihrem einjährigen Sprössling aus Albsheim verschwand.
„Da macht man sich schon Gedanken, aber mit der Zeit lernt man, die Dinge nicht mehr so an sich heranzulassen“, sagt er. Ebenso wie die oft furchtbare Situation, in der die Menschen lebten und die dramatischen Umstände, unter denen sie ihre Heimat verlassen haben.
Sehr nachgegangen ist Christ der Fall einer Frau aus Eritrea, deren Tochter in Äthiopien wohnt. Der Plan war, sie mit einem Touristenvisum für drei Monate hierher zu holen. „Es ist mir nicht gelungen, die zwei zusammenzubringen, obwohl die Mutter 6000 Euro Kaution hinterlegt hat und versicherte, dass ihre Tochter Deutschland wieder verlassen wird“, erzählt Christ, der sogar einen Bundestagsabgeordneten eingeschaltet hatte. „Irgendjemand auf der Behörde hatte in den Antrag hineingeschrieben: ,Rückkehr der Tochter ungewiss‘.“ Das habe ihn sehr betroffen gemacht, zumal sich die Frau gut in die Gemeinschaft eingepasst habe und seit Jahren zuverlässig einer Arbeit nachgehe.
„Plätze in Sprachkursen sichern“
Ob die Integration klappt, hänge sehr von den Geflüchteten selbst ab: „Manche bleiben unter sich.“ Am besten klappe es, wenn sie kleine Kinder hätten und die eine Kita besuchten. Das A und O sei die Möglichkeit, zu kommunizieren. „Es müsste gesichert sein, dass jeder Migrant schnell nach seiner Ankunft einen Platz in einem Sprachkurs erhält“, findet Christ. Wobei der Nutzung des Angebots mitunter Barrieren entgegenstehen: mangelnde Fahrgelegenheiten auf dem Land oder auch fehlende Unterrichtserfahrung: „Es gibt Menschen, die haben noch nie eine Schule von innen gesehen.“
Der Eingliederung nicht zuträglich ist Christ zufolge hingegen die teilweise gemeinschaftliche Unterbringung vieler Leute in heruntergekommenen Immobilien.