Leiningerland
Integrationsbeauftragter hilft aus Überzeugung und Nächstenliebe
Seit neun Jahren arbeitet Christ nicht mehr bei KSB in Frankenthal, wo er sein halbes Leben in der Produktion tätig war. Stellte sich die Frage, was tun mit so viel Freizeit? „Nachdem meine Frau fast zeitgleich für den Verbandsgemeinderat kandidierte, fragte man mich, ob ich nicht das Amt des Migrations- und Integrationsbeauftragten übernehmen wollte“, erinnert sich der 69-Jährige heute.
Schon als Jugendlicher habe er sich bei den „Falken“ in Worms-Heppenheim engagiert sowie im Fußball in Albsheim und Obrigheim als Jugendleiter, Jugendtrainer und später als Spielleiter engagiert, sei 40 Jahre für die SPD im Gemeinderat Obrigheim gewesen, davon zehn Jahre als Fraktionssprecher, sei außerdem schon mehrere Jahre Presbyter und kümmere sich um die Grünanlagen der Kirche. „Mein Plan war, mit dem Eintritt ins Rentenalter alle Pöstchen aufzugeben, aber daraus wurde nichts – lediglich meinen Sitz im Gemeinderat habe ich 2019 aufgegeben“, sagt er lachend.
Jakobsweg hat geprägt
Von Jugend an habe er immer geholfen und dabei nicht gefragt, ob der um Hilfe Bittende Ausländer sei oder nicht – schließlich sei er auch Ausländer, wenn er irgendwo im Urlaub sei. „Bei meinen Wanderungen über den Jakobsweg von Speyer nach Santiago de Compostella – mir fehlt lediglich noch eine Strecke von 300 Kilometern – habe ich oft Hilfe von Fremden erfahren, die mich beispielsweise bei sich übernachten ließen, mich ein Stück des Weges mitgenommen haben oder mich auch verköstigt haben. Das hat mich geprägt und jetzt kann ich Menschen in Deutschland, die Hilfe brauchen, ein Stück von all dem Guten, das ich erfahren habe, zurückgeben“, sagt er.
Da sei beispielsweise die Familie aus Altleiningen, die aus sechs Personen bestehe, einem verwitweten Vater mit seinen vier Kindern und seiner Mutter. „Alle Kinder hatten Zahnbehandlungen in Carlsberg, zu denen ich sie gefahren habe – waren die beiden ersten Kinder fertig, habe ich die beiden anderen geholt“, erzählt er lachend. Oder die Frau aus Nigeria, die mit ihrem vier Monate alten Jungen seit Kurzem in der Verbandsgemeinde wohne. „Sie rief mich um 22 Uhr abends an und klagte, dass ihr Sohn schwer atme. Ich holte beide ab und brachte sie zur Notaufnahme ins Grünstadter Krankenhaus, wo ich erfahren musste, dass dort Kinder erst ab zehn Jahren behandelt werden. Also fuhren wir mitten in der Nacht in die Kinderklinik nach Worms, wo der kleine Junge mit Medikamenten versorgt wurde – gegen 1 Uhr war ich in dieser Nacht wieder zu Hause“, erinnert er sich.
Die einzelnen Schicksale „seiner“ Flüchtlinge versucht Christ, nicht zu nah an sich heranzulassen, da besonders die Fluchtgeschichten häufig an die Grenzen unserer Vorstellungskraft gingen und ihn sehr berührten. „Ich kenne die Geschichten nur zum Teil und das ist gut so – ich helfe aus Überzeugung und Nächstenliebe“, sagt er. Seine Hilfen seien vielseitig: Er helfe beispielsweise bei Bankangelegenheiten, beim Einkaufen, begleite zum Arzt, zur Ausländerbehörde und zum Job-Center, besorge Berechtigungsscheine und Anmeldungen zur Krankenkasse.
Rettung in der Not
Anfang November letzten Jahres sei er tatsächlich in einer „brenzligen“ Situation gewesen, als eine Frau aus Eritrea, die in einem Seniorenheim – zunächst in Obrigheim, nach dem Brand aber in Kusel – arbeite, positiv auf Corona getestet worden sei. „Sie stand dort vor der Tür und wurde nicht reingelassen, konnte aber auch nicht zurück – wie denn auch?“, fragt er. Er habe veranlasst, dass sie in Kusel abgeholt wurde und in ihre Wohnung zur Quarantäne gebracht wurde. Er selbst habe dann einen Test gemacht, da er zuvor die Frau mehrfach zu verschiedenen Terminen fuhr – das Ergebnis sei glücklicherweise zwei Tage später negativ gewesen. Das hätte auch anders ausgehen können, weiß er heute. Glück gehabt.
Derzeit betreue Christ rund 43 Personen, 21 Erwachsene und 22 Kinder aus Afghanistan, Eritrea, Iran, Syrien, Irak und Nigeria an zwei bis drei Vormittagen pro Woche, wobei häufig auch Nachmittags- und Abendtermine anfielen. „Ich mache meine Tätigkeit als Migrationsbeauftragter sehr gerne und es erfüllt mich mit großer Freude, die Geflüchteten bei ihrer Integration unterstützen zu können“, sagt er. Zu seiner Freude habe sich erst kürzlich eine Frau gemeldet, die ihn unterstützen wolle. Er sagt: „Besonders für die ehemalige VG Hettenleidelheim suchen wir noch Helfer.“