Grünstadt „Ich ekelte mich vor mir selbst“
Auf meine Behinderung würde ich das nicht zurückführen. Ich wusste schon immer, wie ich das bekomme, was ich will. Zeigen wollte ich allerdings meinem Vater, der mir kaum ein Lob schenkte, dass ich ein Sohn bin, der seine Beachtung und sein Lob verdiente. Wie sehr schränkt Sie Ihre Behinderung im Alltag ein? Ich gehe damit offen um. Wenn man 17 Jahre gegangen und fast 47 Jahre „gefahren“ ist, dann stellt sich schon eine gewisse Alltags-Routine ein. Aber so schlimm ist es nicht. Mein Motto: „Ich bin nicht be-hindert, sondern nur am Gehen ver-hindert!“ Denn das Wort Behinderung ist negativ belegt. Bei einer Rückenmarksverletzung hängt viel von der Rehabilitation ab. Bei mir hat man starkes Gewicht auf die Wiedererlangung der Selbstständigkeit gelegt. Könnte Ihre Querschnittslähmung vielleicht auch mit eine Ursache dafür sein, dass Sie diese Gier nach noch mehr Pomp entwickelt haben? Sozusagen, um Einschränkungen auszugleichen, um „trotzdem“ Erfolg bei Frauen zu haben? Ich hatte zehn Jahre lang eine tolle Freundin. Sie verließ mich, als ich 30 war, weil sie Kinder wollte. So lernte ich andere Frauen kennen, als Steuerberater in einem tollen Auto und umgeben von anfangs etwas Luxus, waren in der Partyszene von München Mädchen keine Mangelware. Ganz im Gegenteil. Als Sie sich das erste Mal von einem Mandanten Geld geliehen haben: Hatten Sie da noch ehrlich vor, es ganz ordnungsgemäß zurückzuzahlen? Ich war ein ganz normaler korrekter Steuerberater, der seinen Mandanten Steuern spart. Als ich in eine Notlage kam, weil die Börsengeschäfte wegbrachen, brauchte ich dringend Mittel, um die laufenden Kosten, speziell die Gehälter, fristgerecht bezahlen zu können. Deshalb lieh ich mir von betuchten Mandanten, meist Ärzte, bis zu 300.000 Mark, mit der Absicht, diese in Raten wieder zurückzuzahlen. Aber hier beging ich einen schweren Fehler: Es lief so einfach, dass ich mir immer mehr Geld lieh, das ich dann auch teilweise für meinen Lebenswandel benutzte. Als ich weit über eine Million Mark den Mandanten schuldete, klopfte mein schlechtes Gewissen in mir an und ich zeigte mich selbst bei der Staatsanwaltschaft München an. Laut Medienberichten haben Sie insgesamt 7,5 Millionen Euro veruntreut. Wofür haben Sie das Geld verwendet? Diese Summe betraf eine ganz andere Sache, an der sich leider erst später meine Unschuld herausstellte. Deshalb ist es nicht richtig, dass ich diese 7,5 Millionen Euro veruntreute. Was war das für ein Gefühl, als 1994 der Haftbefehl ausgesprochen wurde? Als würde der Boden unter mir nachgeben, denn damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wurde nur verhaftet, damit ich zum Prozesstermin erscheinen würde. Und da ich im Besitz eines Diplomatenpasses war, sah der Richter Fluchtgefahr als gegeben an. Ich war genau sieben Stunden in Haft. Gegen eine Kaution von 100.000 Mark und Hinterlegung meines Passes war ich wieder frei. Letztendlich erhielten Sie Haftverschonung wegen Ihrer Behinderung. Haben Sie dann einfach weitergemacht, weil Sie überzeugt waren, Ihnen könne niemand etwas anhaben? Nein, ich musste ständig damit rechnen, dass der bayerische Staat eine behindertengerechte Vollzugsmöglichkeit findet. Nach FBI-Fahndung sind Sie 2007 erneut verhaftet und dann nicht mehr verschont worden. Waren Sie eventuell sogar ein bisschen erleichtert? Ich war froh, dass die Flucht vorüber war. Ich befand mich in den USA, und eine Stimme sagte mir, ich sollte mich stellen und nicht feige sein. Im Gefängnis haben Sie sich dann die Bibel ausgeliehen. Wie kamen Sie darauf und hatten Sie jemals zuvor in Ihrem Leben das Buch der Bücher in der Hand? Ich bin streng katholisch aufgewachsen. Als Katholik las man früher nicht in der Bibel. Es gab einen Bücherschrank in der Justizanstalt Wien-Josephstadt in der Krankenabteilung und die Bibel (Neues Testament) war knallrot und so zog ich sie heraus. Im Inhaltsverzeichnis stand: „Die gute Nachricht nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes“ und ich konnte im Gefängnis gute Nachrichten sehr wohl brauchen. Bei Lukas 15 („Der verlorene Sohn“ oder „Der barmherzige Vater“) fand ich mich sofort wieder in der Geschichte. Bedauern Sie, was Sie getan haben? Im Gefängnis habe ich das erste Mal über mich und mein oberflächliches Leben nachgedacht und ich ekelte mich vor mir selbst. Arrogant, überheblich, egozentrisch – so hatte mich der Umgang mit Geld und Gier verändert, von einem normalen braven Jungen aus einer gut bürgerlichen Familie. So bereute ich alles, wollte es gutmachen, was bei einer so hohen Summe nicht ganz einfach beziehungsweise unmöglich erscheint. Ich las aber, dass unser Herr Jesus für meine Schulden vor Gott bereits mit seinem Leben bezahlt hat und so übergab ich ihm mein Leben. Vollkommen verändert verließ ich, nach einem vierjährigen Bibelstudium – möglich durch ein Stipendium der Evangelischen Allianz – das Gefängnis in München. Werden Sie die finanziellen Schäden bei Ihren „Geldgebern“ jemals wieder gutmachen können? Leider nicht, so vermute ich. Es belastet mich sehr, aber Gott hat mir vergeben. Jesus Christus bietet jedem eine neue Chance, wenn er umkehrt, bereut und ihm nachfolgt. Ich fühle mich dadurch innerlich frei und glücklich. TERMIN „Ein Millionenbetrüger packt aus!“ Josef Müller, bekannt durch ARD, ZDF und BR erzählt am morgigen Freitag, 19.30 Uhr, aus seinem Leben: Calvary Chapel, Dieselstraße 13, Grünstadt, Eintritt frei, Spenden willkommen.