Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Horst Gesell ist neuer stellvertretender Leiter der Polizeiinspektion

Hat sich vorher nicht groß über den Beruf des Polizeibeamten informiert, findet seine Wahl aber bis heute goldrichtig: Horst Ges
Hat sich vorher nicht groß über den Beruf des Polizeibeamten informiert, findet seine Wahl aber bis heute goldrichtig: Horst Gesell, der neue stellvertretende Leiter der Grünstadter Inspektion.

Als Kfz-Mechaniker verließ Horst Gesell Grünstadt vor knapp vier Jahrzehnten und ist nun als Erster Kriminalhauptkommissar in seinen Heimatort zurückgekehrt. Den Berufswechsel in den 80ern hat er nicht bereut, obwohl er ein schreckliches Unglück miterlebte. Seit 1. Januar arbeitet Gesell stellvertretender Polizeichef.

Grünstadt. Sich Ziele setzen und kontinuierlich an ihrer Verwirklichung arbeiten – das findet Horst Gesell wichtig. Dafür nimmt er auch steinige Wege in Kauf. Um einmal im Leben einen Marathon zu absolvieren, hat er zum Beispiel viel trainiert und es schließlich geschafft. Polizist zu werden, hatte sich Gesell, der aus einer Handwerkerfamilie stammt, zunächst allerdings gar nicht vorgenommen. Kfz-Mechaniker war das Ziel. Dafür reichte der Hauptschulabschluss. Nach der Ausbildung ging er mit 19 als Zeitsoldat nach Koblenz, was zu einem ungeahnten Wandel in seinem Werdegang führen sollte. Ein Kamerad habe ihn auf die Idee gebracht, sich bei der Polizei zu bewerben, erzählt der gebürtige Grünstadter.

„Ich hab das einfach gemacht und mich erst hinterher über den Beruf informiert“, sagt Gesell schmunzelnd. Nach bestandenem Auswahlverfahren begann der sportliche junge Mann 1985 die Ausbildung zum mittleren Dienst bei der Bereitschaftspolizei in Wittlich-Wengerohr, wechselte dann später nach Schifferstadt und Enkenbach-Alsenborn. „Schon am zweiten Tag hab ich gewusst: Das ist das Richtige“, berichtet der 57-Jährige. Seine Entscheidung bedauerte er auch nicht, nachdem er im Dienst ein entsetzliches, auf lange Zeit prägendes Ereignis miterlebt hatte: Gesell war erst im dritten Ausbildungsjahr, als er das Unglück auf der Air Base in Ramstein miterlebte. Bei einer militärischen Kunstflugschau am 28. August 1988 stürzten drei Maschinen ab. Es gab rund 1000 Verletzte und 70 Tote.

Keine Hilfe nach der Katastrophe

Die Schreie der schwerst verbrannten Opfer, die schrecklichen Bilder – all das mussten die Beamten damals selbst verarbeiten. „Kriseninterventionsdienste gab es noch nicht. Die wurden erst anlässlich dieser Katastrophe aufgebaut“, erklärt Gesell. Er musste schon zwei Tage nach der Tragödie eine wichtige Prüfung in Verwaltungslehre an der Polizeischule ablegen. „Man ist direkt zum Alltag übergegangen. Da hat keiner gefragt, ob du die Klausur packst“, blickt der 57-Jährige zurück. Fakt ist: Ihm lief noch lange jedes Mal ein Schauer über den Rücken, wenn er an der Autobahnausfahrt Ramstein-Miesenbach vorbeifuhr.

Trotz allem – Gesell hatte ein klares Ziel vor Augen und verfolgte es beharrlich: den gehobenen Dienst. „Ich machte meine Mittlere Reife und dann noch mein Fachabitur“, erzählt er. Letzteres habe für ein hartes Jahr gesorgt. 1997 nahm Gesell das Studium an der Fachhochschule der Polizei auf und wurde nach erfolgreichem Abschluss im Jahr 2000 zum Polizeikommissar ernannt. Bei der Kriminaldirektion in Ludwigshafen war er in diversen Fachkommissariaten tätig, schließlich stellvertretender Leiter im Haus des Jugendrechts und ab 2016 Chef der Polizeilichen Prävention im Führungsstab des Polizeipräsidiums Rheinpfalz, dem er insgesamt 21 Jahre die Treue hielt.

Verhalten von Corona-Gegnern teils kindisch

Die Arbeit habe Spaß gemacht, sagt Gesell. Er erinnert sich unter anderem an jede Menge positives Feedback von Bürgern, die in seinen Vorträgen zu Themen wie Einbruchschutz und Internetbetrügereien waren oder mit denen er Beratungsgespräche führte. „Großartig war es auch immer, die strahlenden Augen der kleinen Zuschauer unserer Polizei-Puppenbühne zu sehen“, erzählt er. Mit pädagogischem Theaterspiel werden den Jüngsten in den Kitas unter anderem das korrekte Verhalten im Straßenverkehr und der richtige Umgang mit digitalen Medien nähergebracht. Durch Corona sei das aber natürlich schwieriger geworden.

Die Pandemie sei eine enorm große Herausforderung, sagt Gesell. Auch die Polizei könnte sich den ganzen Tag nur damit beschäftigen. „Wir werden gerufen, wenn jemand die Maske verweigert, Security fordert uns zur Verstärkung an und dann noch die Montagsspaziergänge“, nennt er Beispiele. Grundsätzlich sei die Versammlungsfreiheit ein hohes Gut, das unbedingt geschützt werden müsse. Es sei jedoch kindisch, wie von einigen Teilnehmern versucht werde, den Staat vorzuführen. „Bei einer Anmeldung der Spaziergänge wären frühzeitig Kooperationsgespräche mit den Ordnungsbehörden und der Polizei möglich“, appelliert er an die Veranstalter. Dass so ein Vorgehen funktioniert, hätten die jüngsten Demos in Bad Dürkheim gezeigt.

Die Arbeit hat sich sehr verändert

Eigentlich wäre Gesell gern weiter in Ludwigshafen geblieben. Doch dann wurde die Stelle des stellvertretenden Leiters in seiner Geburtsstadt frei und der Erste Kriminalhauptkommissar ergriff die Chance, die letzte Dienstphase bis zur Pensionierung im Heimatort zu verbringen. Am Nikolaustag begann die Einarbeitung am neuen Arbeitsplatz. Dort ist er inzwischen gut angekommen. „Das recht junge Team hat mich freundlich empfangen und sehr unterstützt“, berichtet Gesell, der mit seiner Familie im Donnersbergkreis lebt. Als Stellvertreter von Dienststellenleiter Sigfried Doll zeichnet er nun für die Beamten des Kriminal- und Bezirksdiensts sowie für die des Jugendsachgebiets verantwortlich.

Die Arbeit habe sich in den vergangenen 37 Jahren sehr verändert, sagt Gesell. Auf der Polizeischule habe er seinerzeit noch das Zehn-Finger-System auf der Schreibmaschine gelernt und entsinnt sich bestens an die „Knochen“ als Vorläufer der Handys. Bei der Bewältigung der inzwischen immensen Dokumentationspflichten müsse man digitaler werden, findet er. Gesell findet es schade, dass noch heute Akten mit Bergen von Papier per Post zu Gerichten und Staatsanwaltschaften geschickt werden.

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