Grünstadt / Leiningerland
Gute Chancen für edle Tropfen
Axel Neiss aus Kindenheim ist bereits sicher: „Das wird ein sehr guter Jahrgang.“ Die Reben hätten die lange Trockenheit gut weggesteckt. Bemerkbar mache sich der trockene Sommer allenfalls beim Ertrag, der vielleicht etwas geringer ausfallen werde als 2021. „Doch das wird durch die Qualität kompensiert“, erklärt er. Auf 50 Hektar baut Neiss ein breitgefächertes Sortiment an. Dazu gehören weißer Burgunder ebenso wie Rotweine, Riesling, Merlot und Cabernet Franc. „Mein Opa hatte noch keinen Cabernet angebaut. Mittlerweile ergibt es aber sehr viel Sinn, solche hochwertigen internationalen Sorten hier anzubauen“, verdeutlicht er, wie der Klimawandel den Weinanbau beeinflusst.
Sein Bockenheimer Kollege Jens Griebel hat das erste Drittel der Weinernte bereits eingeholt. „Bis jetzt ist alles gesund“, berichtet er. Die Junganlagen seien natürlich gestresst, doch Trockenschäden habe er auf seinen 17 Hektar Anbaufläche nur stellenweise zu beklagen, nicht wie andere Winzer anlagenweise. Der Regen vergangene Woche sei wichtig für die Vitalität gewesen. Zu viel dürfe es jetzt aber nicht werden, da sonst die Beeren aufplatzen könnten. Sofern das Wetter keine Kapriolen mehr macht, erwartet Griebel vor allem bei den Rotweinen im Großen und Ganzen einen sehr guten Jahrgang. „Die haben durch die viele Sonne eine tolle Farbausbeute entwickelt und die Oechsle passen auch“, verrät er. Nur der Säuregehalt sei einen Tick zu gering. „Deswegen versuchen wir, rechtzeitig zu ernten.“ Der Ertrag lasse sich so früh noch nicht einschätzen. „Was wir bisher geerntet haben, war okay“, schildert er. Am Ende werde es wohl ein bisschen weniger als 2021 werden, aber nicht so wenig, wie viele aufgrund der Trockenperiode befürchtet hätten. Seine wichtigsten Rebsorten sind Grau-, Weiß- und Spätburgunder sowie Riesling.
Kräftige Rote erwartet
Markus Kohl vom Sausenheimer Weingut Fritz Kohl beginnt erst heute mit der Weinlese. Er rechne mit einem guten Jahrgang mit kräftigen, intensiven Rotweinen. Die Roten kommen ihm zufolge etwas besser mit Trockenheit zurecht als weiße Sorten. Mitunter hänge es aber auch vom Standort ab. „Wenn man durch die Weinberge geht, sieht man, wie manchmal wenige Meter einen ganz schönen Unterschied machen“, sagt er. Auf den 18 Hektar seines Betriebs baut er 18 Rebsorten an, von Dornfelder bis hin zu Exotischem wie Ortega. Der Ertrag werde dieses Jahr wohl eher unterdurchschnittlich sein. „Obwohl Ende Juni noch 60 Liter Regen runterkamen, weisen die Reben teils Wassermangelerscheinungen auf“, nennt er den Grund. Auf den Anbau frühreifer Sorten verzichtet Kohl seit einigen Jahren – wegen des Klimawandels.
Hans Heinrich Weyer vom Weingut Lauermann & Weyer in Bockenheim findet, es sei noch zu früh, um etwas zur diesjährigen Lese zu sagen. Außer dass sie bereits läuft. Zu den wichtigsten Sorten, die auf den 30 Hektar gedeihen, gehören auch hier Riesling, Grau-, Weiß- und Spätburgunder. Trockenschäden gebe es. So hätten die Beeren weniger Saft als bei normalen Niederschlagsmengen. „Die Qualität ist trotzdem super“, erklärt Weyer, nur der Ertrag sei eben kleiner. Vom Alkoholgehalt her rechne er mit einem leichten Jahrgang und fruchtigen Weinen. Dem Klimawandel begegne das Weingut mit dem Anbau von Piwis, pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, wie Cabernet Blanc. „Aber erst mal nur auf Probe, denn am Ende muss man es ja auch verkaufen können“, sagt Weyer und lacht.
Grauburgunder vorgezogen
Einen kleineren Familienbetrieb führt Stefan Müsel in Obrigheim. Auf den 12,5 Hektar Anbaufläche seien die ersten Trauben wie Dornfelder, Portugieser und Ortega bereits geerntet. „Die Rotweine haben dieses Jahr sehr viel Farbe bekommen und sind ziemlich dunkel“, berichtet er. Bei den Weißweinen sei Vorsicht geboten, obwohl sie kerngesund seien. Reiften sie zu lange, würden sie dunkel, „und diese natürliche Färbung bekommt man später nicht mehr raus“. Das Wetter habe den normalen Ernte-Rhythmus durcheinandergewirbelt. Am Wochenende sei zum Beispiel bereits der Grauburgunder an der Reihe gewesen, der sonst erst später gelesen werde. „Er hatte aber schon 90 Grad Oechsle“, sagt Müsel. Der Spätburgunder habe auch schon 85 Grad. „Wir müssen also genau hinschauen und entscheiden, was für das jeweilige Produkt gerade am besten ist“, beschreibt er die Lage – und ergänzt: „Ein geübter Winzer hat das im Blick.“ Die allgemein kleinen Beeren seien optimal versorgt, zu einem richtig guten Jahrgang hätte nur ein bisschen mehr Wasser – sprich Regen – gefehlt. Der sei jedoch ausgeblieben, weshalb „wir 20 bis 25 Prozent unseres Kontingents nicht vollbekommen“. Nach den Auswirkungen des Klimawandels gefragt, verweist Müsel auf die Franzosen und Italiener. „Die Südländer waren vor 15 Jahren Pioniere, als sie Chardonnay anbauten. Inzwischen sind unsere Lagen dafür auch toll.“ Das gelte ebenso für Merlot und Sauvignon Blanc. Deswegen beobachte er stets, was die Winzerkollegen dort anbauen und wie sie ihre Böden bearbeiten. „Das sind die Themen, die uns immer stärker beschäftigen werden.“
Karlfried Bengel aus Bockenheim ist die in dieser Woche gestartete Hauptlese auf seinen 13 Hektar gelassen an. Der Ertrag sei wegen der Trockenheit geringer. „Aber qualitativ sieht es gut aus. Trotz des trockenen Sommers ist alles gesund.“ Der Regen in den vergangenen Tagen habe den Reben gut getan. Für die Rotweine wäre es aber gut, wenn sie jetzt noch mal ein paar Tage schönes Wetter bekommen. „Dann kommen richtig gute heraus wie vor zwei Jahren“, sagt er.