Grünstadt Grünstadt: Schädlingsbekämpfung hinterlässt Müll im Wingert

Plastik-Ampullen im Weinberg: hilfreich, aber nicht verrottbar.
Plastik-Ampullen im Weinberg: hilfreich, aber nicht verrottbar.

Hintergrund: Die Pheromon-Dispenser zur Bekämpfung des Traubenwicklers sind aus den Weinbergen nicht mehr wegzudenken. Eigentlich müssen diese später wieder abgehängt werden. Aber nicht alle Winzer halten sich daran. Und so bleibt Plastikmüll im Wingert. Ist biologisch abbaubarer Kunststoff eine Lösung?

«Grünstadt.» Gerade sind wieder zahlreiche Helfer im Wingert unterwegs, um die kleinen, braunen Pheromon-Dispenser auszuhängen. Damit wird der Traubenwickler bekämpft. Die Larven des Falters befallen Blüten und Trauben und mindern dadurch den Ertrag. Die künstlichen Pheromone verwirren die Männchen, sodass sie nicht mehr zu den Weibchen finden und sich paaren können. Für die Natur ist das wesentlich schonender als Insektizide. Die ersten, die die drei Generationen des Schädlings, die Heu-, Sauer- und Süßwürmer, im Leiningerland auf umweltfreundliche Weise bekämpft haben, waren die Mitglieder der Bauern- und Winzerschaft Grünstadt-Sausenheim, woran der Vorsitzende Gerhard Siebert gern erinnert. Im Frühjahr 2002 wurden erstmals die Pheromon-Kapseln an die Rebpflanzen gehängt. Das ist eine größere Aktion. „Unser Gebiet umfasst zirka 250 Hektar in den Gemarkungen Grünstadt, Sausenheim und Neuleiningen“, erläutert Siebert. Da pro Hektar exakt 504 Ampullen ausgebracht werden müssen, kommen da rund 126.000 Stück zusammen. Am Montag, 23. April, um 7.30 Uhr treffen sich Vertreter der 55 Bewirtschafter des Verbandes wieder, um den Verwirrstoff in den Wingerten zu verteilen. „In Gruppen ziehen wir los und sind vermutlich gegen 16 Uhr fertig“, kündigt der Vorsitzende an. „Wir sind mit dieser Methode sehr erfolgreich und froh, dass wir auf Pestizide verzichten können.“ Aber es bleibt ein Problem. Denn nicht alle Winzer halten sich daran, die Kapseln im Folgejahr wieder abzuhängen und einzusammeln. „Uns liegt sehr daran, dass diese Methode weiterhin großflächig zum Einsatz kommt“, sagt Andreas Kortekamp, Leiter des Instituts für Phytomedizin beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz in Neustadt, mit Blick auf die Vorteile für Naturhaushalt, Verbraucherschutz und Winzer. Auf 80 Prozent der Anbaufläche werde in der Pfalz die Verwirrmethode eingesetzt. Dabei seien gesetzlich vorgeschriebene Regeln einzuhalten: Die alten Dispenser müssen vor dem Ausbringen der neuen wieder eingesammelt werden. Das erledige man am besten beim Rebenschnitt oder beim Ziehen des Rebholzes, rät Kortekamp. Da die Dispenser nicht sehr groß seien und ihre Anzahl nicht so hoch, „bewerten wir den Verbleib auf dem Boden nicht als Müllbelastung und nicht als ein Problem für die Natur“. Dennoch will das DLR „mit Nachdruck auf die ordnungsgemäße Entsorgung der Ampullen hinweisen“. Wie viele Plastik-Dispenser landen denn nun tatsächlich auf dem Boden? Schwierig festzustellen. Die Kontrolle übernimmt der Prüfdienst Agrarförderung beim DLR Mosel, erklärt Eveline Dziendziol, Pressesprecherin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Trier. In Rheinland-Pfalz gebe es 184 Anwendergemeinschaften – Zusammenschlüsse von Winzern, die Dispenser gemeinsam aushängen. 2017 habe die ADD zehn besucht. In zwei Fällen hätten die Winzer die Ampullen nicht vollständig abgehängt. Dafür gab’s eine Kürzung der Förderung. Denn der Pheromonaushang wird je zur Hälfte vom Land und von der EU gefördert. Auch die ADD schätzt die Müllbelastung durch nicht eingesammelte Ampullen im Verhältnis zu deren Nutzen als „relativ gering“ ein. Gleichwohl wolle man das Problem „so weit wie möglich minimieren“, so Dziendziol. Der Sausenheimer Siebert betont, dass die Winzer verpflichtet seien, die verbrauchten Kapseln wieder abzuhängen. Allerdings halte sich die Umweltbelastung bei Nichtbefolgung auch nach seiner Ansicht in Grenzen. „Für die Ampullen wird kein stabiler Kunststoff verwendet. Der verwittert schnell“, sagt er. Dennoch würde er Dispenser aus biologisch abbaubarem Material kaufen. Bisher ist deren Einsatz laut Kortekamp aber daran gescheitert, dass die Duftstoffe nicht gleichmäßig und in notwendigen Mengen abgegeben worden seien. Die BASF in Ludwigshafen hat in diese Richtung geforscht. Allerdings hätten die Versuche keine befriedigenden Ergebnisse gebracht, sagt BASF-Sprecherin Christina Zeintl. Die derzeit genutzten Kapseln könnten über das Entsorgungssystem Pamira recycelt werden, so Zeintl. Das System starte mit bundesweit 365 Sammelstellen in die aktuelle Saison. Dort werden an ein- bis viertägigen Terminen gebührenfrei Verpackungen mit Pamira-Zeichen zurückgenommen und danach umweltgerecht entsorgt. Der Vorsitzende der Bauern- und Winzerschaft Deidesheim, Franz Arnold, hofft darauf, dass es der BASF gelingt, biologisch abbaubare Dispenser herzustellen. Er könne sich vorstellen, dafür auch mehr Geld auszugeben als für herkömmliche Pheromon-Kapseln. „Die Arbeitszeit für das Einsammeln kostet ja schließlich auch Geld“, argumentiert Arnold. Das sagt auch sein Amtskollege Gerhard Siebert. Aber die Neuentwicklung müsse bis in den September hinein halten, um zuverlässig alle drei Generationen des Traubenwicklers bekämpfen zu können.

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