Grünstadt
Grünstadt: Morgens halb neun im Zustellstützpunkt
In der Maybachstraße 4 in Grünstadt befindet sich ein Stützpunkt der Post. Um 8 Uhr morgens dürfte der zu einem der geschäftigsten Orte in der Stadt gehören. Das ist nämlich der Zeitpunkt, zu dem alle 37 diensthabenden Postboten die Zentrale bevölkern, um sich – mehrheitlich in Windeseile – auf ihre Tagestour vorzubereiten.
Als Uneingeweihtem kann einem in den Hallen des Grünstadter Postzustellzentrums früh am Morgen schon mal ein bisschen schwummrig werden, denn es geht zu wie in einem Bienenstock. Die ersten Angestellten sind seit kurz vor 7 Uhr da und um 8 Uhr herum wird überall im Gebäude gezogen und geschoben, geschleppt und sortiert. Jede Woche werden rund 160.000 Briefe und 13.000 Pakete und Päckchen durch dieses Nadelöhr geschleust – die Zahlen machen klar: es gibt viel zu tun.
Trotzdem bleibt Zeit für die Kollegen. So wird beim Team-Dialog um kurz vor 8 Uhr nicht nur Dienstliches besprochen, sondern es gibt auch ein Geburtstagsständchen für einen Zuträger – und in einer Ecke der Nachbarhalle stehen gleich drei Kuchen bereit, die gegessen werden wollen. Tatsächlich verschwinden die nach und nach, allerdings auf mysteriöse Art und Weise. Beim Mampfen am Tisch lässt sich keiner erwischen, der Süßkram wird im Vorbeieilen aufgegabelt und mitgenommen.
Bezirk von Gundersheim bis Bissersheim
Eine mögliche Erklärung dafür hat Alexandra Riedner parat. Sie gehört zum Leitungsteam des Zentrums, ist 49 Jahre alt, aus Offstein und mit ganzem Herzen bei der Sache. Riedner erklärt, dass es bei der Post verschiedene Arbeitszeitmodelle gibt. Eins davon ist der Rahmendienst, bei dem ein Computerprogramm das Arbeitsaufkommen in den Zustellerbezirken berechnet und prognostiziert, wie lange an jedem Wochentag gearbeitet werden muss. Wenn ein Zusteller sein Pensum schneller als erwartet erfüllt, hat er halt gut gearbeitet. Die restlichen Stunden muss er nicht im Zentrum absitzen.
Für Postboten von der schnellen Sorte ist das eine super Sache. Dazu gehört Riedner –, wenn sie nicht gerade eine Journalistin am Hacken hat, die sie mit ihren Fragen vom Schaffen abhält. Insgesamt 60 Leute arbeiten in dem Zentrum in Grünstadt, erklärt sie. 37 davon sind jeden Tag im Einsatz, weil es im Beritt 37 verschiedene Zustellerbezirke gibt. Er reicht von Gundersheim bis Bissersheim und Dirmstein bis Quirnheim. In all diese Orte schwärmen die Postboten am Morgen aus. Sie können dabei auf einen Pool von 42 verschieden großen Fahrzeugen zugreifen, unter denen sich 13 E-Scooter befinden.
In der Weihnachtszeit gibt es Aushilfen
Ihre Wagen befüllen die Zusteller übrigens selbst. Jeden Morgen aufs Neue. Mit Postsendungen und Werbeprospekten, die sie vor dem Einladen in ihrem Arbeitsspind nach Straßennamen sortieren – in der Reihenfolge, in der sie auf ihrer Tour an den Häusern vorbeikommen. Und mit Paketen, die Stück für Stück eingescannt und dann ganz im Sinne des bekannten Geschicklichkeitsspiels Tetris in den Laderaum gefrickelt werden.
Bei Riedner sind es diesmal sechs große Boxen mit Briefen, Magazinen und Zeitschriften und mehr als 60 Pakete. Der Umfang bereitet ihr allerdings keine Sorgen. Das Aufkommen, das es braucht, damit die Post von „Starkverkehr“ spricht, ist noch nicht ganz erreicht. Die Vorweihnachtszeit, in der es so heiß her geht, dass zusätzliche Kräfte in jedem Zustellzentrum beschäftigt werden, steht aber unmittelbar bevor. Um Grünstadt herum helfen dann acht weitere Postboten aus und es sind sechs zusätzliche Wagen im Einsatz, damit das Pensum erfüllt werden kann.
Langeweile kommt bei Alex Riedner nicht auf
Auch ohne die ist auf dem Parkplatz am Zentrum morgens aber schon einiges los. Überall piepen Scanner, rollen Container, werden Pakete und Kisten auf Ladeflächen gewuchtet – und nebenher Späße gemacht. Riedner schichtet und stapelt und sortiert die Ladung schon mal vor, damit bei den „Kunden“ in Mörstadt später alles reibungslos läuft und sie nicht erst lange suchen muss.
Nebenher erklärt sie mit leuchtenden Augen, wie gern sie ihren Job macht. Obwohl sie seit sieben Jahren die gleiche Tour fährt, komme keine Langeweile auf. Zum Beweis erzählt die 49-Jährige ein paar Anekdoten. Über entlaufene Hunde, die sie mit zu ihrer Grundausstattung gehörenden Leckerlis in den Laderaum lockte und zum Besitzer zurück brachte. Über Menschen, die sie aus der Dusche klingelte und die beim Unterschreiben unfreiwillig die letzten Hüllen fallen ließen. Über Einladungen zu Dorffesten, bei denen sie überhaupt nicht zum Zahlen kam, weil jeder ihr einen ausgeben wollte.
Riedner kennt ihren Bezirk in- und auswendig
Eine gute Beziehung zu den „Kunden“ ist Riedner unheimlich wichtig. Das macht sich auf der Tour bemerkbar: Jeder kennt sie als Alex, Passanten winken ihr vom Bürgersteig aus zu, wenn sie vorbeifährt, Kinder kommen zum Wagen gerannt und betteln um Prospekte, die sie selbst mit nach Hause nehmen dürfen und ständig wird gefrotzelt. Bei vielen Witzen geht es darum, dass Alex „heute aber ganz schön spät dran ist“ – dem Anhängsel geschuldet.
Riedner kennt nicht nur die Vornamen der Kunden, sondern weiß auch, wo sie nicht klingeln muss, weil die Leute arbeiten – und oft, wo die Arbeitsstelle ist, sie also stattdessen zustellen kann. Sie weiß, wer mit wem verwandt ist und welche Mutter Post für ihren Sohn annimmt. Sie weiß, wer gerade im Ferienhaus in Frankreich weilt oder durch Afrika tourt und bei welchem Nachbarn sie das Paket abgeben kann.
„So ist das auf dem Dorf“, meint sie ein paar Mal. Man kenne den anderen eben und helfe sich gegenseitig aus. Womöglich liegt es aber nicht nur daran. Vielleicht hat es auch etwas damit zu tun, dass die Leute es merken und schätzen, wenn jemand Spaß an der Arbeit hat, stolz auf seinen Job ist und jeden Tag sein Bestes gibt.